Tag 129 oder Wie Enjah mit einem Filzanhänger meine ganze Würde in Sekunden unterboten hat

Hundeschule, acht Hunde, ein Gegenstand

Diesmal war die Junghundegruppe gemischt mit anderen Hunden, und das Thema war Gegenstände suchen.

Also im Grunde die sehr elegante Form von: Da liegt etwas, finde es bitte, benutze dein Gehirn und tu dabei so, als wäre die Welt außerhalb dieser Aufgabe nicht mehr von Belang.

Im Diensthundebereich spricht man dabei oft von Geruchsdifferenzierung oder, etwas alltagstauglicher, von Gegenstandssuche. Gemeint ist, dass der Hund lernt, einen ganz bestimmten Gegenstand über seinen Geruch zu identifizieren und anzuzeigen. Also nicht bloß irgendetwas finden, sondern genau das Richtige. Die Theorie dahinter ist herrlich unhündisch präzise und gleichzeitig sehr hundisch genial: Der Hund verknüpft Geruch, Aufgabe und Belohnung so eng, dass sein ganzes System sich auf genau diesen einen Reiz ausrichtet. Nase an, Welt aus.

Enjah hat das natürlich unverschämt gut gemacht.

Was bei ihr besonders unerquicklich ist, weil man als Mensch danebensteht und wieder einmal das Gefühl bekommt, mit ausreichend Käsewürfeln hätte diese Hündin vermutlich auch ein Nebenfach in Molekularbiologie bestanden.

Enjah, die kleine Geruchsakademikerin

Ich habe mit einem Filzschlüsselanhänger gearbeitet.

Die Aufgabe war, dass Enjah mit der Nase einmal touch macht und sich dann davor hinlegt. Dafür gibt es dann ein Leckerli, und zwar nicht irgendeines, sondern die Sorte, bei der ein junger Hund kurz das Gefühl bekommt, das Leben habe wieder Sinn und Struktur.

Und Enjah hatte den Bogen erstaunlich schnell raus.

Natürlich werde ich das in den nächsten Tagen wieder kleinschrittig aufbauen müssen, weil junge Hunde Wissen gern mit großer Begeisterung erwerben und mit ähnlich großer Begeisterung zwischendurch wieder so tun, als hätten sie nie zuvor in ihrem Leben irgendetwas von mir gehört.

Aber das Schöne ist ja: Es wird jedes Mal leichter.

Und vor allem war sie gestern unfassbar fokussiert.

Da waren acht andere Hunde.

Acht.

Für eine junge Hündin ist das ungefähr so, als müsste ich einen klugen Text schreiben, während neben mir gleichzeitig eine Geburtstagsparty, eine Teamsitzung und ein Räumungsverkauf stattfinden.

Und trotzdem hatte Enjah nur mich im Blick.

Gut, seien wir ehrlich.

Nicht nur mich.

Auch meine Superleckerli.

Aber ich finde, das zählt im Hundekontext als emotional völlig legitime Form von Bindung.

Flusen und der Glückstee

Mit Flusen habe ich auch einmal einen Kurs in diese Richtung gemacht.

Er kann Glückstee finden.

Das allein ist schon einer meiner Lieblingssätze, weil es klingt, als hätte ich einen leicht esoterischen Seniorenberater auf vier Pfoten, der in schwierigen Zeiten diskret zu einem guten Aufguss führt.

Ich verstecke zu Hause Dosen, darunter auch welche mit anderem Tee, und Flusen findet dann die richtige.

Was ich daran so liebe, ist nicht nur die Suche selbst.

Es ist diese Konzentration.

Dieser komplette Fokus.

Dieser Hund ist dann nicht halb hier und halb anderswo.

Nicht ein bisschen bei seinem Innenleben und ein bisschen bei der Frage, was später noch so kommt.

Nein.

Der ist ganz bei der Sache.

Einatmen, prüfen, sortieren, finden.

Und ich denke jedes Mal: Ach, so fühlt sich das also an, wenn das Gehirn nicht gleichzeitig noch zehn offene Tabs und drei biografische Nebengeräusche verwaltet.

Der Hund ist ganz da. Ich bin meistens auch noch woanders

Ich beneide Hunde ein bisschen um diese Form von Fokus.

Nicht immer.

Enjah fokussiert sich bekanntlich auch mal auf Blätter, Vögel oder spontane Weltbewegung mit einer Inbrunst, die für mein Nervensystem eher nach Bedrohung als nach Meditationspraxis aussieht.

Aber bei solchen Aufgaben ist es etwas anderes.

Da wird der Hund gesammelt.

Im besten Sinn.

Sein ganzes System richtet sich aus.

Und ich wünsche mir manchmal, ich hätte auch so etwas.

Eine kleine menschliche Geruchsdifferenzierung für den Alltag.

Irgendetwas, das ich kurz tue, und zack, die Umwelt ist leiser, der schwierige Gedanke verschwunden, der innere Lärm höflich aus dem Raum begleitet.

Stattdessen sitze ich oft da wie ein Betriebssystem mit zu vielen parallel geöffneten Anwendungen und einer gewissen Neigung, ausgerechnet den unerquicklichsten Gedanken auch noch in Dauerschleife zu priorisieren.

Wie Menschen sich sammeln, leider ohne Filzanhänger

Vielleicht haben wir Menschen dafür keine Nase, aber doch unsere eigenen Gegenstände.

Nicht wortwörtlich.

Eher Tätigkeiten, die das Gehirn so freundlich besetzen, dass es kurz aufhört, überall gleichzeitig zu sein.

Manche finden das im Laufen.

Andere beim Stricken, Schwimmen, Klavierspielen, Gärtnern, Kochen, Räumen, Zeichnen, Atmen, Schach, Brotbacken oder beim sehr hingebungsvollen Schneiden von Gemüse, als hinge die seelische Ordnung der Welt von exakt gleich großen Zucchinistücken ab.

Ich glaube, der psychologische Punkt ist gar nicht, dass Fokus uns nur leistungsfähiger macht.

Er macht uns enger.

Und das ist manchmal gut.

Weil der Raum im Kopf aufhört, so unverschämt groß zu sein.

Aber Fokus hat eben auch seine Schattenseite.

Wer sehr fokussiert ist, blendet anderes aus.

Das ist bei der Gegenstandssuche gewollt.

Im Leben nicht immer.

Dann sehe ich zwar die Aufgabe, aber nicht mehr mich.

Oder ich bin so bei einem Ziel, dass ich die Kosten nicht mehr mitbekomme.

Dann wird aus Konzentration schnell Tunnel.

Und aus Klarheit eine etwas geschniegelt wirkende Form von Selbstverlust.

Zwischen Nase an und Welt aus

Vielleicht ist genau das das eigentlich Schöne an diesen Suchspielen.

Dass sie so sichtbar machen, wie wohltuend Sammlung sein kann.

Nicht als Dauerzustand.

Nicht als Optimierungsprogramm.

Eher als Erinnerung.

Da ist etwas sehr Heilsames darin, wenn ein Wesen mit der ganzen Kraft seiner Aufmerksamkeit nur bei einer Sache ist.

Enjah gestern mit ihrem Filzanhänger.

Flusen mit seinem Glückstee.

Und ich daneben mit meiner leisen Sehnsucht, manchmal auch so eindeutig zu wissen, was jetzt gerade wichtig ist und was getrost aus dem Blick verschwinden darf.

Wobei ich zugeben muss, dass ich als Mensch vermutlich sofort alles wieder übertreiben würde.

Kaum könnte ich mich wirklich gut sammeln, würde ich wahrscheinlich ein Seminar daraus machen, ein Konzept entwickeln und prüfen, ob man die Methode noch effizienter in einen produktiven Morgen integrieren kann.

Enjah würde den Gegenstand finden.

Flusen den Tee.

Und ich vermutlich noch versuchen, aus Fokus ein Karriereprojekt zu machen.

Auch daran erkennt man wahrscheinlich recht zuverlässig, wer hier der Hund ist und wer nur so tut, als hätte er das Leben im Griff.