Tag 128 oder Der Morgen, an dem ich versehentlich ein funktionierendes Hundegespann besaß
Der erste gemeinsame Jogginglauf
Was ich erwartet hatte
Ich hatte mit Chaos gerechnet.
Mit Leinen, die sich umeinander wickeln wie eine emotional überforderte Weihnachtsbeleuchtung.
Mit Enjah, die mitten im Lauf entscheidet, dass jetzt ein Grashalm, ein Blatt oder ein metaphysisches Rascheln absolute Priorität hat.
Mit Flusen, der innerlich Beschwerde einreicht, weil man ihm plötzlich eine junge Kollegin an die Seite stellt, ohne vorher seine Zustimmung einzuholen.
Und mit mir dazwischen, in Sportkleidung und leichter persönlicher Auflösung.
Also nicht Laufen.
Mehr ein mobiles Rudelproblem mit Puls.
Flusen, vermutlich
Aha.
Heute also gemeinsam.
Mutig von ihr.
Und dann wahrscheinlich:
Ich könnte das jetzt sabotieren.
Ich könnte stehen bleiben und in die Ferne blicken, bis alle ihre Entscheidungen überdenken.
Aber gut.
Ich bin Profi.
Flusen lief jedenfalls los wie ein pensionierter Schlittenhund mit Würde und Restautorität.
Nicht begeistert.
Nicht beleidigt.
Einfach in dieser Haltung, in der man eine Situation nicht gut finden muss, um sie sehr souverän zu tragen.
Er wirkte, als wolle er innerlich sagen:
Bitte keine Albernheiten.
Bitte nicht an mir vorbei explodieren.
Bitte benehmen wir uns wie ein seriöses Team.
Enjah, vermutlich
OH MEIN GOTT WIR MACHEN ETWAS ZUSAMMEN.
Und direkt danach vielleicht:
Ich könnte jetzt komplett eskalieren.
Ich könnte querlaufen, hüpfen, mich verwickeln und nebenbei noch einen Busch persönlich kennenlernen.
Und dann, erstaunlicherweise:
Oder ich laufe einfach mit.
Was für Enjah ungefähr dieselbe Leistung ist, wie wenn ich bei emotionalem Hunger nur ein Stück Kuchen esse und dann aufhöre.
Also theoretisch denkbar, praktisch sensationell.
Sie lief mit wie eine junge Praktikantin im Schlittenhundebetrieb, die beschlossen hat, heute nicht sofort die ganze Firma anzuzünden.
Ich, völlig falsch vorbereitet
Ich selbst war innerlich geschniegelt für Krise.
Für Management.
Für situatives Eingreifen in neun Eskalationsstufen.
Und dann passierte einfach: nichts.
Kein Gezurre.
Kein Drama.
Kein Hundeopernhaus in Moll.
Wenn einer schnüffeln wollte, wartete der andere.
Wenn einer sich löste, wartete der andere.
Wie zwei höfliche Schlittenhunde mit überraschend guter Kinderstube.
Ich lief dazwischen und war emotional halb gerührt, halb misstrauisch.
So ein: Wirklich jetzt.
Ist das echt.
Oder kommt der Zusammenbruch erst später.
Warum es geklappt hat
Und ich glaube, es hat geklappt, weil zwischen den beiden inzwischen etwas gewachsen ist.
Nicht nur Gewöhnung.
Mehr Beziehung.
Flusen muss Enjah nicht mehr dauernd erklären, dass Würde ein Konzept ist.
Und Enjah muss nicht mehr jede Minute mit Ganzkörpereinsatz beweisen, dass sie ebenfalls Teil dieses Haushalts ist.
Sie können einander lesen.
Sie können warten.
Sie können aushalten, dass der andere kurz etwas anderes braucht.
Vielleicht ist draußen auch einfach vieles leichter.
Keine Keksfragen.
Keine Wohnzimmertheaterpolitik.
Keine innenräumlichen Verwicklungen.
Draußen gibt es Richtung.
Tempo.
Welt.
Und in Welt sind Hunde oft klüger als wir.
Mein persönliches Wunder vor sechs Uhr
Danach waren beide herrlich ausgepowert.
Futter.
Wasser.
Schlafen.
Perfekt.
So perfekt, dass ich kurz dachte, ich sei versehentlich in einem dieser Hundevideos gelandet, in denen alles leicht aussieht und niemand je Haare an unerwarteten Orten findet.
Dabei weiß ich ja, wie wir sonst sind.
Enjah, die jeden Morgen auch als Performancekunst interpretieren könnte.
Flusen, der kooperiert, aber bitte nicht ohne stilistische Mitsprache.
Und ich, die schon vor Sonnenaufgang innerlich eine Gefahrenanalyse mit Anhang eröffnet.
Und dann laufen diese beiden einfach nebeneinander her, als wäre das schon immer ihre Idee gewesen.
Vielleicht war genau das das Schönste.
Nicht nur, dass ich Zeit spare.
Sondern dass es sich nach Rudel angefühlt hat.
Nicht nach Organisation.
Nicht nach Abarbeitung.
Sondern nach gemeinsam.
Und ehrlich gesagt ist das fast unverschämt schön.
Glück in Funktionskleidung, sozusagen.