Tag 127 oder Wie mich ein kleines Wort verraten hat
Aber hat schon wieder die Tür zugemacht
Heute ist mir etwas aufgefallen, das so klein ist, dass es fast peinlich ist, und gleichzeitig so aufschlussreich, dass ich ihm innerlich sofort einen Stuhl angeboten habe.
Das Wort aber.
Dieses winzige, geschniegelt daherkommende Wörtchen, das aussieht, als wolle es nur noch kurz etwas ergänzen, in Wahrheit aber oft schon dabei ist, die Verbindung höflich vom Tisch zu räumen.
Ich habe ja mühsam gelernt, es in kritischer Kommunikation möglichst nicht zu verwenden.
Aus der Gewaltfreien Kommunikation kenne ich das gut.
Aber trennt.
Und gleichzeitig verbindet.
Das eine macht eine kleine sprachliche Schere auf.
Das andere versucht wenigstens noch, die Dinge nebeneinander stehen zu lassen, ohne dass sofort eines gegen das andere ausgespielt werden muss.
Theoretisch weiß ich das.
Praktisch saß ich heute in einem Meeting und hörte Dinge, bei denen mein inneres System offenbar beschloss, nun doch wieder mit der kleinen sprachlichen Axt zu arbeiten.
Denn plötzlich war es da.
Überall.
In meinen Gedanken.
In meinen Sätzen.
In meinem Kopf lief kommunikativ ungefähr Folgendes:
Ja, aber.
Verstehe ich, aber.
Kann man so sehen, aber.
Und irgendwann dachte ich: Ach schau an.
Du bist also doch deutlich irritierter, als du dir bisher selbst erzählt hast.
Mein Nervensystem trägt heute Konjunktion
Ich finde das fast rührend.
Dass mich manchmal nicht mein Gefühl zuerst über mein Gefühl informiert, sondern meine Sprache.
Als würde mein Inneres sagen: Red du nur weiter, ich schicke schon mal ein kleines Warnsignal in Form einer Konjunktion.
Denn dieses aber kommt bei mir selten aus entspannter Milde.
Es kommt eher dann, wenn innerlich schon etwas schief hängt.
Wenn ich irritiert bin.
Wenn ich mich über etwas empöre, es aber noch in eine halbwegs bürotaugliche Form presse.
Wenn ich denke: Das ist jetzt wirklich interessant, und mit interessant meine ich in diesem Fall leider unerquicklich.
Heute war wieder so ein Meeting.
Eines von der Sorte, bei der man hinterher nicht völlig zerstört ist, aber doch so leicht innerlich verrutscht.
Weil Dinge gesagt wurden, die mich irritiert haben.
Und ja, auch empört.
Nicht mit großem Theater.
Eher in dieser feinen, hochfunktionalen Form von Empörung, die geschniegelt am Konferenztisch sitzt und so tut, als sei sie noch ganz sachlich, während sie innerlich längst die Augenbrauen bis in den Haaransatz gezogen hat.
Und plötzlich war da dieses aber wieder.
Wie ein kleiner sprachlicher Türsteher, der überall mitläuft und sagt: Bis hierhin und nicht weiter.
Flusen würde einfach knurren und fertig
Hunde machen das anders.
Zum Glück.
Flusen würde niemals sagen: Ich mag dich, aber dein Verhalten irritiert mich im Hinblick auf unsere zukünftige Beziehungsgestaltung.
Flusen würde einfach knurren.
Nicht schön.
Nicht diplomatisch.
Aber kommunikationspsychologisch bemerkenswert sauber.
Enjah noch weniger.
Enjah lebt sprachlich ohnehin eher in einem System aus Jetzt, Sofort und Warum nicht alles gleichzeitig.
Wenn ihr etwas nicht passt, kommt da kein rhetorischer Zwischenschritt.
Da kommt Energie.
Körper.
Blick.
Pfote.
Gegebenenfalls eine kleine sehr direkte Lebensäußerung mit Zähnen.
Nicht meine bevorzugte Konfliktkultur, aber man muss zugeben: Der Verdacht auf Passivaggressivität hält sich in Grenzen.
Und ich sitze zwischen diesen beiden Fellwesen und denke oft, dass wir Menschen die eigentliche Kunstform daraus gemacht haben, Trennung höflich klingen zu lassen.
Wir sagen nicht: Ich finde das gerade unerquicklich und bin irritiert.
Wir sagen: Ja, aber.
Und zack ist die Brücke weg, nur sehr elegant demoliert.
Urteilssprache macht in mir sofort Alarm
Was mir dabei immer wieder auffällt, ist noch etwas anderes.
Mich triggert urteilende Sprache unfassbar.
Und zwar nicht nur dann, wenn sich das Urteil gegen mich richtet.
Das wäre ja noch einfach.
Nein, es reicht schon, wenn jemand generell stark in Urteilen spricht.
Über andere.
Über Situationen.
Über Menschen, die gar nicht im Raum sind.
Über alles.
Sobald Sprache sehr schnell sortiert in richtig und falsch, klug und lächerlich, kompetent und unfähig, fein und unerquicklich, werde ich innerlich hellhörig.
Oder dunkelhörig.
Je nach Tagesform.
Ich glaube, weil urteilende Sprache etwas mit Räumen macht.
Sie macht sie enger.
Sofort.
Sie nimmt Komplexität raus und dafür Überlegenheit rein.
Sie tut so, als wäre die Welt sehr einfach, wenn man nur entschlossen genug auf alles draufzeigt.
Und vielleicht triggert mich das deshalb so, weil ich selbst weiß, wie groß die Versuchung dazu ist.
Urteile geben ja schnell Halt.
Leider ungefähr so wie ein Klappstuhl auf Glatteis.
Sprache petzt
Das eigentlich Spannende an heute war für mich deshalb gar nicht nur der Inhalt des Meetings.
Sondern dieser kleine Moment, in dem ich merkte: Meine Sprache verrät mich gerade.
Ich höre mich selbst innerlich dauernd aber sagen und denke plötzlich, ach so, da ist also doch mehr los.
Mehr Irritation.
Mehr Widerstand.
Mehr Trennung.
Und das finde ich fast tröstlich.
Nicht, weil ich es großartig finde, irritiert zu sein.
Sondern weil Sprache manchmal petzt, bevor das Bewusstsein geschniegelt hinterherkommt.
Vielleicht ist das ja eine der nützlicheren Formen von Selbstbeobachtung.
Nicht nur darauf zu achten, was ich sage.
Sondern auch, welche kleinen Wörter plötzlich massenhaft auftauchen, wenn ich innerlich beginne, den Kontakt zu verlieren.