Tag 126 oder Please Don’t De-Dog Your Dog
Der Satz, der sich bei mir festgebellt hat
Ich hatte ein sehr gutes Gespräch mit einer Kollegin, die mir in mehrfacher Hinsicht lieb und wertvoll ist.
Sie ist eine von diesen seltenen Menschen, die unfassbar kompetent sind, ohne dabei den Raum mit ihrer Kompetenz zu möblieren. Ruhig. Klar. Fein. In manchen Dingen denkt sie ähnlich wie ich, in anderen ganz anders. Eine Kombination, die ich sehr schätze, weil ich mich dann nicht nur bestätigt, sondern auch verschoben fühle. Im guten Sinn.
Und ja, ich mag sie einfach.
Es gibt Arbeitstage, die tun richtig weh. Nicht dramatisch. Eher in dieser stillen, erschöpfenden Art, in der einem am Ende die Seele vorkommt wie ein zu oft benutzter Schwamm. Dann so einen Menschen zu haben, mit dem man reden kann, ist ungefähr das emotionale Äquivalent zu einem warmen Tee, nur mit besserer Sprache.
In diesem Gespräch fiel dann dieser Satz:
Please Don’t De-Dog Your Dog.
Und ich dachte sofort: Ach du meine Güte. Ja.
Nicht, weil sie mich belehrt hätte. Überhaupt nicht. Es war kein Dagmar, hör bitte auf, deine Hunde versehentlich zu vermenschlichen. Es war eher so ein Satz, der in der Luft steht und einem plötzlich sehr freundlich, aber sehr präzise zeigt, an welcher Stelle man selbst gerade etwas Komisches macht.
Bitte sei Hund, aber auf angenehme Weise
Denn natürlich denke ich nicht bewusst: Bitte funktioniere wie ein Mensch, sei aber gleichzeitig ein Hund, ein Stofftier, ein Sportgerät, ein Seelentröster, sozial kompetent, nicht zu laut, nicht zu wild, bitte trainierbar, freundlich, belastbar, verkuschelt, aber mit Charakter.
Natürlich denke ich das nicht.
Ich verlange es nur gelegentlich in kleinen Alltagshäppchen.
Das ist deutlich charmanter getarnt und deshalb vermutlich gefährlicher.
Flusen soll zum Beispiel bitte melden, wenn echte Gefahr ist. Das finde ich gut. Das ist dann Wachsamkeit, Umsicht, Verantwortungsgefühl, fast schon staatsmännisch.
Wenn aber Handwerker im Haus sind und Flusen jedes Mal bellt, sobald mich jemand ruft, dann finde ich es plötzlich unerquicklich.
Dabei macht er ja exakt das, wofür sein inneres System vermutlich innerlich die Dienstglocke läutet: Hallo. Fremde Menschen. Bewegung. Unklare Lage. Ich übernehme kurz.
Und ich stehe daneben und denke: Nein, also bitte nur die richtige Art von Wachsamkeit. Schön dosiert. Nicht störend. Möglichst in einer Form, die sich meinem persönlichen Alltagsempfinden unterordnet.
Liebe Dagmar, finde den Fehler.
Australien im Fell und Arbeit im Nervensystem
Flusen und Enjah sind Australian Shepherds.
Das ist wichtig, weil man sich sonst sehr schnell darüber wundert, warum diese beiden nicht einfach dekorativ durchs Leben schweben wie zwei flauschige Gedanken mit Leine.
Sie sind Hütehunde.
Das bedeutet nicht nur, dass sie hübsch aussehen und gut in Agility sind, obwohl sie das wirklich beides hervorragend hinbekommen.
Es bedeutet auch: Sie sehen Bewegung.
Alles.
Jede Bewegung.
Jede Richtungsänderung.
Jedes Lebewesen mit Tempo.
Jede Unruhe.
Es bedeutet Wachsamkeit.
Reaktionsschnelligkeit.
Eine gewisse Ernsthaftigkeit im Verhältnis zu dem, was sie für ihre Aufgabe halten.
Es bedeutet, dass sie gern mitdenken, mitentscheiden, mitregeln und leider nicht ausschließlich dort, wo ich das charmant finde.
Natürlich sind die beiden deshalb so gut im Agility. Natürlich können sie schnell lernen. Natürlich sind sie sensibel, aufmerksam, arbeitsbereit und oft erschreckend klug.
Aber genau diese Eigenschaften werden unerquicklich, wenn ich plötzlich erwarte, dass sie bitte nur in den für mich attraktiven Momenten aussiehaft sind.
Beim Sport ja.
Beim Mitdenken ja.
Beim Lernen ja.
Beim Melden nein.
Beim Aufregen nein.
Beim Beobachten anderer Hunde bitte nur ausgewogen.
Beim Reagieren auf Reize möglichst poetisch zurückhaltend.
Das ist ungefähr so, als würde ich sagen: Ich hätte gern einen Ferrari, aber er soll sich bitte fahren wie ein stillgelegtes Lastenrad.
Andere Hunde müssen sie bitte alle lieben, weil ich das gern hätte
Auch bei anderen Hunden bin ich manchmal erstaunlich fantasievoll.
Ich möchte, dass Flusen und Enjah unkompliziert sind.
Freundlich.
Sozial.
Gelassen.
Grenzen bitte differenziert, höflich und in moderater Lautstärke.
Im Grunde wünsche ich mir da oft eine Art canine Diplomatie mit guten Manieren und einem Abschluss in Deeskalation.
Und gleichzeitig gibt es in meinem Leben ja auch Menschen, die ich nicht besonders mag.
Menschen, die mich nerven.
Menschen, denen ich lieber aus dem Weg gehe.
Nur erlaube ich mir das.
Flusen und Enjah sollen dagegen bitte jeden anderen Hund offen, freundlich und integrativ begrüßen, egal wie der andere so drauf ist.
Auch das ist unerquicklich einseitig.
Wenn Flusen einen Hund nicht leiden kann, finde ich das anstrengend.
Wenn ich einen Menschen nicht leiden kann, nenne ich das Differenzierungsfähigkeit.
Auch hier wieder: Liebe Dagmar, finde den Fehler.
Der Keks ist mein Keks
Vor ein paar Tagen hat Flusen Enjah korrigiert, weil sie sich auf seinen Keks stürzen wollte.
Und natürlich zuckte etwas in mir sofort in Richtung: Ach, muss das denn so deutlich sein.
Dann dachte ich: Nun ja. Wenn mir jemand meinen Kuchen entreißen wollte, wäre ich wahrscheinlich auch nicht im Modus wohlwollender Großzügigkeit.
Das eigentlich Unnormale ist ja nicht, dass Flusen da Grenzen zeigt.
Das Unnormale ist eher, wie viel dieser Hund sich in anderen Situationen abnehmen lässt, ohne jemals ernsthaft eine Gewerkschaft zu gründen.
Wir können ihm Dinge wegnehmen.
Wir können ein Wort sagen, und er hört auf zu fressen.
Das ist beeindruckend.
Aber ich darf aus seiner Kooperationsbereitschaft nicht heimlich ableiten, dass ihm bitte jede hündische Regung ausgetrieben werden sollte, sobald sie mir kurzfristig nicht ins Konzept passt.
Fairness ist nicht nett, sondern passend
Was mich an dem Satz meiner Kollegin so getroffen hat, war deshalb gar nicht nur das mit dem Hundsein.
Es war das mit der Fairness.
Ich glaube nämlich, Hunde nehmen uns erstaunlich viel nicht übel.
Sie verzeihen unsere Unklarheiten, unsere schlechten Timings, unsere menschlichen Fehlgriffe, unsere gelegentliche Überforderung in Fellfragen.
Einmal.
Zweimal.
Wahrscheinlich deutlich öfter, als wir verdient hätten.
Aber unfair dürfen wir auf Dauer nicht sein.
Unfair wäre für mich, etwas von ihnen zu verlangen, das sie in dem Moment gar nicht leisten können, und ihnen dann ihre hündische Natur zum Vorwurf zu machen.
Unfair wäre, aus einer rassetypischen Veranlagung ein persönliches Fehlverhalten zu machen, nur weil sie mich gerade nervt.
Unfair wäre, sie für etwas zu korrigieren, das ich nicht sauber aufgebaut, nicht verstanden oder nicht realistisch eingeschätzt habe.
Und wenn ich ehrlich bin, ist mir das sicher schon passiert.
Nicht aus Bosheit.
Aus Menschlichkeit, Müdigkeit, Ungeduld und gelegentlicher Selbstüberschätzung.
Beide haben es mir bisher verziehen.
Was sehr großzügig von ihnen ist.
Bitte sei kein Stofftier mit Leistungsnachweis
Vielleicht ist das die eigentliche Demut in der Hundehaltung.
Dass ich sie ausbilden kann, erziehen kann, fördern kann, begleiten kann und gleichzeitig nie vergessen darf, dass da keine kleinen pelzigen Menschen wohnen.
Sondern Tiere.
Raubtiere sogar.
Sehr soziale, sehr trainierbare, sehr liebevolle Tiere.
Aber eben Tiere.
Mit hündischen Bedürfnissen.
Hündischen Impulsen.
Hündischer Kommunikation.
Hündischer Würde.
Und vielleicht ist genau das am Ende der Kern von diesem Satz:
Please Don’t De-Dog Your Dog.
Mach aus ihm nicht heimlich ein Wesen, das nur noch in die Teile seines Hundeseins aufgespalten wird, die dir gefallen.
Liebe ihn nicht nur in seiner Trainierbarkeit.
Nicht nur in seiner Feinheit.
Nicht nur in seinem Gehorsam.
Sondern auch in seiner Wachsamkeit, seiner Grenze, seiner Reaktivität, seiner Bedürftigkeit, seiner ganzen hündischen Zumutung.
Ich war meiner Kollegin jedenfalls sehr dankbar für diesen Satz.
Weil er mir nicht gesagt hat, dass ich etwas falsch mache.
Sondern mich daran erinnert hat, wie gut die beiden eigentlich sind.
Wie toll sie sich entwickeln.
Wie viel sie schon können.
Und wie leicht ich manchmal vergesse, dass sie nicht dafür da sind, mein ideales Zusammenleben in Fell zu übersetzen.
Sondern einfach Hunde zu sein.
Zum Glück ziemlich gute.