Tag 125 oder Warum ich manchmal gern so Grenzen setzen würde wie ein Hund
Leberwurst als Familiensprache
Manchmal wünschte ich, ich wäre ein Hund.
Nicht dauerhaft.
Ich möchte weiterhin Kaffee trinken, Sätze mit Nebensätzen bauen und nicht morgens am Gartenzaun aus voller Überzeugung einen Vogel beleidigen.
Aber in bestimmten Situationen hätte ich gern diese hündische Klarheit.
Dieses kurze, saubere Nein.
Ohne Nachbesprechung.
Ohne innere Anhörung.
Ohne das Gefühl, danach noch drei Tage lang emotionales Altglas sortieren zu müssen.
Der Anlass war, natürlich, vergleichsweise klein.
Also klein im äußeren Sinn.
Innerlich war es sofort wieder ein ganzes Mehrgenerationenprojekt mit Beziehungsdynamik, Loyalität, schlechtem Gewissen und dem alten Wunsch, gleichzeitig klar und liebenswert zu sein.
Mein Pa hat Enjah Kekse gegeben, obwohl ich gesagt hatte, dass ich das nicht möchte.
Nicht heimlich.
Nicht böse.
Eher stolz.
So dieses: Guck mal, das klappt doch gut.
Und ich habe gesagt: Ja, aber ich möchte es nicht.
Was ein völlig normaler Satz ist.
Theoretisch.
Praktisch hatte mein Nervensystem sofort das Gefühl, wir seien jetzt in einer späten Familienfolge von Grenzsetzung und Restkindheit.
Wenn Liebe aussieht wie fünfzehn Leckerlis hintereinander
Bei meinen Eltern ist Füttern manchmal keine nette Geste, sondern ein Ablaufprogramm.
Flusen kommt rein und es beginnt.
Erst das Leckerli.
Dann das nächste.
Dann noch eines.
Dann Leberwurstbrot.
Dann sicherheitshalber noch etwas, falls bisher unklar geblieben sein sollte, dass Zuneigung hier in essbarer Form verabreicht wird.
Ich glaube, mein Pa liebt über Futter.
Nur leider liebt er in Mengen.
Nicht poetisch.
Nicht fein dosiert.
Eher wie jemand, der denkt, Beziehung müsse sicherheitshalber mit sehr viel Käsecreme unterfüttert werden, damit auch garantiert nichts ankommt, was nach Mangel aussieht.
Flusen ist dafür ohnehin schon maximal empfänglich.
Bei Enjah ist es noch absurder.
Keks rein, Dopamin hoch, Ansprechbarkeit runter, junge Hündin im inneren Freizeitpark.
Und weil Flusen bei Futterthemen außerdem gern mal deutlich macht, dass Eigentumsverhältnisse keine Diskussionsgrundlage sind, bin ich da vorsichtig.
Nicht symbolisch vorsichtig.
Praktisch vorsichtig.
Also sage ich: Bitte keine Kekse.
Und mein Pa macht es trotzdem.
Was mich nicht nur ärgert.
Es macht mich richtig wütend.
Ich sage eine Grenze und bekomme gratis noch Scham dazu
Das eigentlich Anstrengende ist ja oft gar nicht die Grenze.
Sondern das, was danach in mir passiert.
Ich habe meinen Ärger gezeigt.
Nicht mit Grabesstimme und fliegenden Gegenständen.
Aber deutlich.
Meine Eltern haben es gemerkt.
Und sofort war sie da, die zweite Welle.
Nicht Wut.
Scham.
Dieses alte Gefühl: Jetzt hast du einen schönen Moment kaputt gemacht.
Was soll das denn.
Für die beiden ist jeder glückliche Moment wichtig.
Warum kannst du nicht einfach locker sein.
Warum reagierst du so.
Ich war also gleichzeitig wütend, weil meine Grenze nicht respektiert wurde, und traurig über mich, weil ich diese Wut gezeigt habe.
Ein inneres Modell, das ich niemandem empfehlen würde.
Sehr ineffizient.
Sehr deutsch.
Emotional ungefähr wie zwei Anwälte in mir, die gegeneinander prozessieren und beide Recht haben wollen.
Und darunter lag noch etwas Drittes.
Diese kindlich alte Hoffnung, dass eine freundlich formulierte Bitte doch einfach reichen müsste.
Was niedlich ist.
Vor allem bei Menschen, von denen ich längst weiß, dass sie ihr Ding durchziehen wie eine Seniorenversion von Enjah mit Leberwurstzugang.
Hunde machen kein Beziehungscontrolling
Und genau da kommen die Hunde ins Spiel.
Flusen würde das anders lösen.
Flusen würde sagen: Nein.
Also nicht mit Sprache.
Aber mit allem anderen.
Mit Körper.
Mit Blick.
Mit einer klaren Korrektur.
Und fünf Sekunden später würde er wieder seinem Leben nachgehen, als hätte es nie einen inneren Krisengipfel gegeben.
Kein Kofferpacken im Herzen.
Kein stilles Nachbrennen.
Kein nächtliches Rekonstruieren der Situation unter der Bettdecke.
Einfach Grenze, fertig.
Enjah macht es etwas weniger elegant, aber im Kern ähnlich.
Wenn ihr etwas nicht passt, weiß man es.
Sofort.
Ungefiltert.
Mitunter körperbetont.
Auch nicht immer die zivilisierteste Lösung, aber psychisch bemerkenswert aufgeräumt.
Ich dagegen mache es sehr menschlich.
Ich merke etwas.
Halte es erst mal aus.
Möchte freundlich bleiben.
Möchte niemanden verletzen.
Möchte den Moment nicht verderben.
Möchte die gute Tochter mit reflektierter Gegenwartsbewältigung sein.
Und irgendwann sitze ich innerlich auf sieben übereinandergestapelten Koffern voller nicht geäußerter Mikroverletzungen und wundere mich, dass es dann beim achten Leckerli plötzlich knallt.
Das ist keine Grenzsetzung mehr.
Das ist emotionales Übergepäck mit Verspätung.
Das alte Problem ist nicht der Ärger. Es ist die Erlaubnis dazu.
Ich glaube, psychologisch ist mein Thema gar nicht, dass ich wütend werde.
Mein Thema ist, dass ich finde, ich dürfte es nicht.
Dass ich sofort glaube, mit meiner Klarheit etwas kaputt zu machen.
Dass in mir noch immer sehr schnell der Satz anspringt: Wenn du Grenzen setzt und jemand ist dann traurig oder irritiert, warst du vielleicht zu viel.
Das ist natürlich ein altes biografisches Kunstwerk.
Eine schöne Mischform aus Anpassung, Rücksicht und der etwas anstrengenden Hoffnung, man könne Beziehungen sichern, indem man möglichst spät und möglichst sanft stört.
Nur funktioniert das leider nicht.
Jedenfalls nicht auf Dauer.
Denn wenn ich meine Grenze nicht im richtigen Moment zeige, zeige ich später meistens etwas ganz anderes.
Dann zeige ich nicht Klarheit.
Dann zeige ich aufgestaute Genervtheit mit Beipackzettel.
Vielleicht ist das der Grund, warum ich Hunde in solchen Dingen so bewundere.
Sie diskutieren nicht tagelang innerlich, ob ihr Nein jemandem die Stimmung ruiniert haben könnte.
Sie machen kein schlechtes Gewissen aus einem Knurren.
Sie machen ein Signal.
Und dann ist wieder Gegenwart.
Meine neue Lebensvision: ein freundliches Nein ohne Nachspielzeit
Was ich daraus lerne, ist leider nicht, dass mein Pa sich plötzlich ändern wird.
Das wäre auch zu bequem und ehrlich gesagt nicht besonders realistisch.
Ich kenne ihn ja.
Er ist stur.
Nicht theatralisch stur.
Einfach aus der tiefen Überzeugung heraus, dass seine Art schon richtig sein wird.
Also liegt der lernbare Teil wohl eher bei mir.
Früher.
Klarer.
Proaktiver.
Nicht warten, bis ich innerlich schon auf hundertachtzig bin und dann überrascht von mir selbst feststelle, dass Wut offenbar doch noch im System war.
Sondern vorher sagen, was ich will.
Und vielleicht auch aushalten, dass sich das nicht immer weich anfühlt.
Ich möchte gern mehr wie ein Hund kommunizieren.
Nicht im Sinne von anrempeln und Besitzansprüche mit Körpereinsatz regeln.
Eher in dieser wunderschönen hündischen Selbstverständlichkeit.
Das ist nicht okay.
Also zeige ich es.
Und dann denke ich nicht bis Donnerstag darüber nach.
Im Moment bin ich davon noch entfernt.
Eher ein Mensch mit differenzierter Innenanalyse und leichtem Hang zur nachträglichen Selbstverurteilung.
Aber immerhin fällt es mir inzwischen auf.
Auch das ist ja schon etwas.
Flusen würde sagen: Grenze gesetzt, Fall abgeschlossen.
Enjah würde wahrscheinlich noch einen Keks klauen.
Und ich übe weiter an dieser sehr erwachsenen Kunst, klar zu sein, ohne mich dafür hinterher selbst wieder einsammeln zu müssen.