Tag 123 oder Wie wir bewaffnet mit Käsetube und guter Absicht eine Zecke aus Enjah verhandeln wollten
Der Abend, an dem die Idylle plötzlich acht Beine hatte
Am Abend entdeckte Annette die erste Zecke bei Enjah.
Es ist ja faszinierend, wie schnell ein friedlicher Hundemoment in eine sehr spezielle Form von Krisensitzung kippen kann.
Eben noch Fell.
Abend.
Sofa.
Ein bisschen Restgemütlichkeit.
Und dann plötzlich dieser winzige dunkle Punkt, bei dem sofort klar ist: Ach. Schön. Jetzt also das.
Zecken haben wirklich ein bemerkenswertes Talent, gleichzeitig winzig und maximal unangenehm zu sein.
So klein, dass man sie fast übersieht.
So wirkmächtig, dass augenblicklich die ganze Stimmung im Raum kippt, als hätte jemand sehr leise Gefahr gesagt.
Denn natürlich ist das keine Kleinigkeit.
Nicht wegen ihrer charismatischen Ausstrahlung, davon bringen sie ja eher wenig mit.
Sondern weil sie eben ernsthaft etwas übertragen können und aus so einem kleinen Biss schnell ein sehr unerwünschtes Kapitel werden kann.
Ich wünsche mir seit Jahren, es gäbe einfach eine sanfte, verlässliche, sichere Lösung.
So eine elegante Variante, bei der alle Beteiligten geschützt sind und niemand das Gefühl hat, zwischen Naturromantik und Chemiewaffenvertrag entscheiden zu müssen.
Leider ist das Leben in solchen Fragen oft unerquicklich unelegant.
Enjah und das Konzept Festhalten als persönliche Beleidigung
Das Problem bei Enjah ist im Moment weniger die Zecke als Enjah selbst.
Sie beißt inzwischen nicht mehr so wie ganz am Anfang, was ich ausdrücklich würdigen möchte, weil das im Alltag doch einiges an Charme zurückbringt.
Aber sie windet sich.
Nicht ein bisschen.
Nicht menschlich nachvollziehbar.
Sondern in einer Weise, die vermuten lässt, dass in ihrem jungen Körper irgendwo heimlich ein Aal mit Bühnenerfahrung wohnt.
Festhalten empfindet Enjah derzeit offenbar nicht als neutrale Maßnahme, sondern als schwerwiegenden Eingriff in ihre verfassungsmäßig garantierte Bewegungsfreiheit.
Stillhalten ist für sie kein Verhalten.
Stillhalten ist ein absurdes Gerücht, das Erwachsene sich ausgedacht haben, weil sie selbst keine Fantasie mehr haben.
Flusen war in dem Alter völlig anders.
Ich habe ihm damals mal drei Zecken am Bauch entfernt.
Allein.
Drei.
Er blieb liegen.
Einfach so.
Als hätte er verstanden, dass das jetzt unerquicklich, aber leider nötig ist.
Enjah hingegen hätte aus demselben Vorgang vermutlich ein körperliches Gesamtkunstwerk aus Wendung, Entrüstung und improvisierter Fluchtchoreografie gemacht.
Zwei Erwachsene, eine Zecke und eine Tube Käsecreme
Also standen wir da.
Zu zweit.
Mit Zeckenzange.
Mit Eisspray.
Mit Käsetube.
Es war kein würdevoller Moment.
Es war eher eine Mischung aus veterinärmedizinischem Improvisationstheater und sehr schlechter Geheimoperation.
Annette und ich in dieser hochkonzentrierten Ernsthaftigkeit, die Erwachsene entwickeln, wenn sie etwas sehr Präzises tun müssen, während ein junger Hund beschlossen hat, die eigene Körpergrenze heute vor allem als sportliche Herausforderung zu begreifen.
Die eine versucht, Enjah halbwegs in der Welt zu halten.
Die andere nähert sich mit dem Instrumentarium dem Fell, als würde sie versuchen, unter erschwerten Bedingungen einen winzigen Fremdkörper aus einem sehr emotionalen Wirbelsturm zu bergen.
Und mittendrin Enjah, die den ganzen Vorgang vermutlich als absurdes Abendprogramm deutete.
Ein bisschen Druck hier.
Ein bisschen Aufmerksamkeit dort.
Und vor allem eine ganze Tube Käsecreme.
Für Enjah war das Ganze am Ende kein medizinischer Zwischenfall, sondern eher ein All Inclusive Erlebnis mit Käseschwerpunkt.
Wenn ich ehrlich bin, hätte sie wahrscheinlich schon aus Prinzip für weitere Zecken gestimmt, sofern das Käseangebot stabil geblieben wäre.
Die Zecke ist raus, die Lektion bleibt
Wir haben es geschafft.
Die Zecke ist raus.
Alle Beteiligten leben noch.
Die Käsecreme hat vermutlich bleibenden Eindruck hinterlassen.
Und ich saß danach da und dachte einmal mehr, dass das mit jungen Hunden so interessant ist, weil ständig aus Kleinigkeiten Grundsatzfragen werden.
Denn eigentlich ging es gestern nicht nur um eine Zecke.
Es ging um Vertrauen.
Um Handling.
Um dieses sehr unromantische, aber enorm wichtige Alltagsthema, dass ein Hund sich im Zweifel auch dann anfassen und versorgen lassen muss, wenn er gerade überhaupt keine Lust auf Kooperation hat.
Nicht, weil ich ihn gern festhalte.
Sondern weil das Leben mit Hunden eben nicht nur aus Wald, Leichtigkeit und charmanten Keksverhandlungen besteht.
Manchmal ist da auch einfach ein Parasit im Fell, und dann hilft es wenig, wenn alle Beteiligten sehr freiheitsliebend sind.
Training für die unerquicklicheren Momente
Deshalb denke ich gerade viel darüber nach, wie wir das trainieren.
Nicht hart.
Nicht übergriffig.
Eher so, dass Enjah langsam versteht: Stillhalten ist nicht das Ende der Welt.
Stillhalten bedeutet nicht Verrat.
Nicht Hilflosigkeit.
Nicht Kontrollverlust.
Sondern manchmal einfach, dass man kurz gemeinsam durch etwas Unangenehmes geht und danach sehr wahrscheinlich Käse bekommt.
Im Grunde also wie viele Erwachsene auch.
Ich wünsche mir für sie, dass sie dieses Vertrauen lernt.
Dieses kleine innere Ach so, es passiert nichts Schlimmes, ich kann mich hier kurz halten lassen.
Weil ich glaube, dass genau darin später viel Freiheit liegt.
Nicht in der ständigen Möglichkeit, allem auszuweichen.
Sondern darin, dass Versorgung kein Drama werden muss.
Und ich wünsche mir mildere Antworten
Was mich an solchen Abenden trotzdem beschäftigt, ist diese ganze Frage nach Schutz.
Ich wünsche mir wirklich, es gäbe mildere, sichere, sanfte Alternativen, die Hunde zuverlässig schützen, ohne dass man sich jedes Mal fühlt, als müsse man zwischen Risiken, Nebenwirkungen und Bauchgefühl einen diplomatischen Zwischenfrieden aushandeln.
Im Moment bleibt uns nur, wach zu sein.
Hinzugucken.
Abzusuchen.
Zu trainieren.
Und zu hoffen, dass Schwarzkümmelöl, Kokos und ein gutes Auge wenigstens ein bisschen mithelfen, während wir weiter durch diese Jahreszeit laufen, in der die Natur sehr schön ist und gleichzeitig leider voller kleiner finsterer Absichten.
Gestern Abend jedenfalls saßen wir zu zweit mit Käsetube und Zeckenzange vor einem Hund, der aus der Situation vor allem den Schluss zog, dass medizinische Maßnahmen offenbar hervorragend schmecken.
Und vielleicht ist das schon die eigentliche Kunst mit Enjah.
Dass selbst die unerquicklicheren Kapitel mit ihr nie ganz ohne Komik auskommen.
Was in dem Moment nicht unbedingt hilft.
Im Nachhinein aber doch erstaunlich tröstlich ist.