Tag 122 oder Wie mich ein Meeting erst beim Spazierengehen eingeholt hat

Die feine Kunst des Danebenredens

Gestern hatte ich wieder so ein Meeting, in das man hineingeht, weil andere etwas von einem wollen, und aus dem man später herauskommt mit dem Gefühl, dass eigentlich niemand genau sagen kann, was hier gerade stattgefunden hat, außer dass es Energie gekostet hat und sich irgendetwas daran schief angefühlt hat.

Nicht laut schief.

Nicht dramatisch.

Eher diese leise Form von schief, die geschniegelt im Raum sitzt, freundlich guckt und nebenbei so kleine Sätze fallen lässt, die aussehen wie Information, aber eigentlich Positionierung sind.

Es fing schon mit dem Anfang an.

Dieses Herumstehen vor dem eigentlichen Beginn, das vermutlich Small Talk heißt und für viele Menschen etwas Leichtes, Soziales, Menschlich-Verbindendes hat.

Für mich hat es oft eher die Atmosphäre von losem Verpackungsmaterial.

Viel Geräusch, wenig Halt.

Drei Menschen reden über nichts, und ich stehe daneben wie jemand, der aus Versehen in ein Aquarium mit Bürokleidung geraten ist.

Dann ging das Meeting los, und unterwegs passierten diese kleinen Wendungen, die man in dem Moment gar nicht immer ganz greifen kann.

Eine sagte, sie habe gerade so viele unproduktive Meetings.

Ich sagte, dass es bei mir geht, weil ich nur in die relevanten gehe und sonst arbeite, deshalb geht es mir gut.

Und plötzlich bekam der Satz eine andere Richtung zurück.

Ach nein, sie habe natürlich sehr viele sehr wichtige Meetings, die alle gut und relevant seien.

So etwas ist ja interessant.

Nicht wegen des Inhalts.

Eher wegen des Geruchs.

Dieser ganz leichte Duft von Rangordnung, der manchmal in Räumen entsteht, sobald Menschen anfangen, ihre Wichtigkeit wie ein etwas zu auffälliges Parfum mitzuführen.

Dann fragte eine andere, ob ich für zwei Projekte verantwortlich sei, und noch bevor ich selbst etwas sagen konnte, schüttelte jemand anderes sehr entschieden den Kopf.

Was in mir sofort diesen stillen inneren Satz auslöste:

Spannend.

Woher genau weißt du das eigentlich.

Ich wusste es nämlich.

Ich bin es.

Solche Momente sind nicht groß.

Aber sie sind auch nicht nichts.

Sie legen sich wie feiner Staub auf einen Raum.

Nicht genug, um Alarm auszulösen.

Genug, um später zu merken, dass etwas in einem enger geworden ist.

Was mich daran eigentlich erschöpft

Das Merkwürdige war, dass ich es im Meeting selbst gar nicht so klar gemerkt habe.

Ich saß da, sprach, hörte zu, registrierte, funktionierte.

Erst beim Spaziergang danach fiel mir auf, wie sehr mich so etwas anstrengt.

Diese indirekten Bewegungen.

Diese kleinen, halben Überlegenheiten.

Dieses sich über andere äußern, die gar nicht da sind, und dabei so klingen, als sei das natürlich nur eine sachliche Einordnung und keineswegs ein leises Belächeln aus sicherer Entfernung.

Vielleicht ist es genau das, was mich daran so müde macht.

Nicht offener Konflikt.

Mit offenem Konflikt kann ich etwas anfangen.

Da ist wenigstens klar, dass gerade etwas auf dem Tisch liegt.

Aber dieses Hintenherumige, diese soziale Spitzentechnik im Halbschatten, das kostet mich mehr.

Weil ich es im ersten Moment oft nicht ganz fassen kann und mein Nervensystem dann noch eine Weile später damit beschäftigt ist, den Raum innerlich nachträglich zu übersetzen.

Ach so.

Deshalb war das so unerquicklich.

Deshalb ging ich raus und fühlte mich irgendwie beschmutzt, ohne dass mir jemand direkt Schlamm ins Gesicht geworfen hätte.

Vielleicht sind das genau die Begegnungen, in denen ich merke, wie sehr Sprache nicht nur überträgt, sondern auch sortiert.

Wer oben steht.

Wer Bescheid weiß.

Wer mit einem Lächeln Grenzen zieht.

Wer sich einen kleinen Platzvorteil in der Luft verschafft, ohne dass es formell je jemand beanstanden könnte.

Es ist fast kunstvoll.

Leider keine Kunst, die ich gern im Wohnzimmer hätte.

Mittagspause mit Fell

Und dann kamen Flusen und Enjah.

Zum Glück.

Zum sehr großen Glück.

Denn beide haben mich in der Mittagspause wieder zurückgeholt ins Leben, und zwar auf diese völlig unbürokratische Art, die nur Hunde beherrschen.

Kein Small Talk.

Kein subtiler Kompetenznebel.

Kein Satz mit doppeltem Boden.

Flusen kam in seiner würdevollen Art, die immer ein bisschen so aussieht, als würde er mich nicht trösten, sondern eher zur Besinnung rufen.

Nicht hart.

Eher mit dieser stillen Hündischkeit, die sagt:

Komm mal wieder in einen vernünftigen Zustand.

Enjah dagegen war wie immer deutlich weniger Zen und deutlich mehr unmittelbare Gegenwart.

Mehr Jetzt.

Mehr Bewegung.

Mehr Welt.

Mehr die sehr begründete Annahme, dass ein Grashalm gerade tatsächlich wichtiger sein könnte als alles, was Menschen sich in Räumen antun, in denen Wasser in Karaffen steht und niemand ehrlich sagt, was er meint.

Ich ging mit ihnen raus und merkte erst beim Laufen, wie mein Kopf wieder weicher wurde.

Wie dieser ganze Meetingfilm langsam aus meinem Körper wich.

Flusen prüfte Wege.

Enjah prüfte das Universum.

Und ich stand dazwischen und dachte, wie entlastend es ist, mit Wesen unterwegs zu sein, die zwar auch komplex sind, aber wenigstens nicht heimlich Hierarchien in Nebensätze legen.

Wenn Flusen etwas nicht will, dann will er es nicht.

Wenn Enjah etwas will, weiß notfalls das halbe Dorf davon.

Beides ist auf seine Weise anstrengend.

Aber immerhin ehrlich.