Tag 121 oder Erst die Erschöpfung, dann die Erlaubnis
Der alte Satz sitzt schon am Frühstückstisch
Vielleicht war mein Irrtum nie, dass ich zu viel arbeite.
Sondern dass ich glaube, nur in der Erschöpfung sei mein Leben wirklich legitim.
Das ist ja nicht einfach ein Gedanke.
Das ist ein alter Satz mit festen Schuhen.
So einer, der morgens schon mit am Tisch sitzt und sehr früh die Stirn runzelt, falls ich auch nur kurz auf die Idee komme, mich grundlos wohlzufühlen.
Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.
Und wenn wir ehrlich sind, war das oft noch die freundliche Version.
Die härtere ging eher so: erst die Leistung, dann die Erlaubnis. Erst das Abarbeiten, dann das Atmen. Erst wenn du wirklich müde bist, darfst du dich ausruhen, weil es sonst verdächtig nach Faulheit aussieht und Faulheit bekanntlich ungefähr der Vorhof zur moralischen Verwahrlosung ist.
Ich übertreibe.
Leider nur sprachlich.
Kindheit ist manchmal nur ein anderes Wort für frühe Programmierung
Solche Sätze wachsen ja nicht im luftleeren Raum.
Die kommen irgendwo her.
Aus Blicken.
Aus Atmosphären.
Aus Familien, in denen man früh versteht, was Anerkennung bekommt und was eher nachräglich geduldet wird.
Nicht unbedingt boshaft.
Manchmal reicht schon diese feine biografische Witterung: brav sein ist gut, fleißig sein ist besser, leicht sein ist riskant, und wer einfach nur da ist, ohne sich spürbar anzustrengen, macht sich irgendwie verdächtig.
Dann lernt man etwas sehr Grundsätzliches.
Nicht über Arbeit.
Über Würde.
Nämlich dass sie sich besser anfühlt, wenn man sie sich verdient hat.
Und dann wird man älter, studiert, lernt, bildet sich weiter, optimiert, strukturiert, beantwortet Mails, läuft, trainiert, hält sich fit, hält sich zusammen, hält Termine, hält durch und hält dieses ganze auf Hochglanz polierte Innenleben für Charakter.
Dabei ist es manchmal auch einfach nur ein sehr alter Glaubenssatz in Business Casual.
Flusen hat sich nie für mein Betriebssystem angemeldet
Flusen kennt diesen Satz nicht.
Flusen kennt genug.
Nicht als Lebensphilosophie.
Nicht mit Zitatkarten.
Einfach körperlich.
Wenn genug gelaufen wurde, wurde genug gelaufen.
Wenn genug Welt war, dann war genug Welt.
Wenn genug Nähe war, geht er.
Nicht gekränkt.
Nicht mit Erklärvideo.
Einfach weg.
Flusen lebt nicht nach dem Prinzip: Wer ruhen will, muss vorher seine Daseinsberechtigung nachweisen.
Flusen lebt eher nach: Ich war im Einsatz, ich war im Leben, ich war ausreichend. Jetzt werde ich horizontal.
Ich finde das zutiefst beeindruckend.
Und persönlich etwas beleidigend.
Weil ich daneben wirke wie die Compliance Abteilung für spontane Zufriedenheit.
Enjah lebt, als müsse sich Freude niemals rechtfertigen
Enjah ist das komplette Gegenmodell.
Nicht weise.
Nicht gesättigt.
Aber frei von dieser absurden Erwachsenenidee, dass man sich einen schönen Moment erst freiarbeiten muss.
Enjah denkt nicht: Habe ich heute schon genug geleistet, um jetzt diesem Blatt hinterherzujubeln?
Sie jubelt.
Sofort.
Mit dem ganzen Körper.
Ohne Antrag.
Ohne Vorlauf.
Ohne die geringste Bereitschaft, Freude erst nach erfolgreicher Selbstoptimierung zuzulassen.
Ein Geruch.
Ein Lichtfleck.
Ein Keks.
Ein Vogel.
Ein unerwartet aufregender Schatten.
Zack, Leben.
Und ich stehe daneben mit meinem inneren Klemmbrett und merke, dass ich sogar bei schönen Dingen manchmal noch so tue, als müsste erst jemand aus der Zentrale mein Wohlbefinden genehmigen.
Enjah ist in dieser Hinsicht keine Pädagogin.
Eher eine kleine anarchische Erinnerung daran, dass Dasein selbst vielleicht schon ausreichende Qualifikation für Freude ist.
Was unerquicklich ist, wenn man sehr lange etwas anderes geglaubt hat.
Das schlechte Gewissen trägt oft alte Kleidung
Das eigentlich Gemeine ist ja nicht das viele Tun.
Das Gemeine ist dieses schlechte Gewissen, wenn ich mal nichts tue.
Wenn ich nicht lerne.
Nicht arbeite.
Nicht organisiere.
Nicht optimiere.
Nicht wenigstens so tue, als wäre Regeneration gerade eine strategisch sinnvolle Investition in spätere Leistungsfähigkeit.
Einfach nur nichts.
Oder etwas Schönes.
Ohne Nutzen.
Ohne Verwertungsnachweis.
Und dann meldet sich sofort diese alte innere Buchhaltung und fragt, auf welcher Grundlage ich mir das denn jetzt bitte herausnehme.
Das ist der Punkt, an dem ich merke, wie tief solche Glaubenssätze gehen.
Man hört nicht einfach auf mit ihnen.
Man kündigt ja auch nicht einer inneren Instanz, die seit Jahrzehnten das Gefühl verwaltet, nur in der Anstrengung wirklich in Ordnung zu sein.
Die sitzt da wie eine altgediente Sachbearbeiterin für Legitimation und sagt: Aha. Ein freier Nachmittag. Und was genau haben wir uns dabei gedacht.
Vielleicht ist genug nicht angenehm
Vielleicht ist das Schwierigste an genug gar nicht, es zu erkennen.
Sondern es auszuhalten.
Genug gelernt.
Genug gearbeitet.
Genug getan für heute.
Nicht als Niederlage.
Nicht als Schlamperei.
Nicht als charakterlicher Zwischenfall.
Sondern mit einem halbwegs guten Gefühl.
Oder wenigstens ohne inneres Strafgericht.
Vielleicht ist genug deshalb so schwer, weil es sich nicht heroisch anfühlt.
Nicht nach Aufstieg.
Nicht nach Glanz.
Eher nach Loslassen.
Und Loslassen ist für Menschen mit altem Leistungsglauben oft kein Wellnessbegriff, sondern Kontrollverlust in weichen Schuhen.
Flusen kann das.
Enjah denkt noch gar nicht in solchen Kategorien.
Und ich sitze dazwischen und merke, dass ich mein Leben manchmal behandle wie ein Wartezimmer für den Moment, in dem ich endlich genug getan habe, um es betreten zu dürfen.
Das ist eigentlich der traurigste Witz daran.
Dass man so beschäftigt damit sein kann, sich sein Leben zu verdienen, dass man kaum merkt, wie es währenddessen längst stattfindet.
Ich übe noch an einem weicheren Satz
Vielleicht brauche ich keinen neuen großen Lebensplan.
Vielleicht reicht erst mal ein anderer Satz.
Nicht erst die Erschöpfung, dann die Erlaubnis.
Sondern: Auch ohne Verausgabung darf ich da sein.
Das klingt unspektakulär.
Fast lächerlich klein.
Aber für ein inneres System, das jahrzehntelang auf Leistung gegen Legitimation gerechnet hat, ist das ungefähr eine kleine Revolution mit Hausschuhen.
Flusen würde dazu vermutlich nur blinzeln und sich wieder hinlegen.
Enjah würde spontan beschließen, dass jetzt ein guter Moment für einen freudigen Sprint ist.
Und ich?
Ich übe noch.
Nicht an Disziplin.
Davon war wirklich ausreichend im Umlauf.
Eher an der sehr erwachsenen, sehr ungewohnten Vorstellung, dass ich vielleicht nicht erst am Ende meiner Kräfte ein Recht auf Leichtigkeit habe.
Sondern mittendrin.