Tag 120 oder Was Hunde verstehen und was sie uns großzügig nicht sofort auf die Nase binden

Mehr als wir glauben. Weniger als wir glauben.

Ich glaube inzwischen, Hunde verstehen sehr viel mehr, als wir denken.

Und gleichzeitig sehr viel weniger.

Das ist unerquicklich, weil es einem zwei liebgewonnene Irrtümer gleichzeitig kaputtmacht.

Nämlich erstens den, dass Hunde kleine fellige Idioten seien, die halt niedlich durch den Tag stolpern und zufällig ab und zu Sitz machen.

Und zweitens den, dass sie im Grunde kleine Menschen mit Schnauze seien, die innerlich vollständige Vorträge über Fairness, Zusammenhänge und meine Absichten hören.

Beides stimmt nicht.

Sie verstehen mehr.

Und sie verstehen anderes.

Und manchmal sitzen sie dann vor einem und schauen einen so an, dass man kurz das Gefühl hat, im eigenen Haushalt intellektuell unsauber aufgestellt zu sein.

Enjah und die Gartenökonomie der Kekse

Heute zum Beispiel Enjah.

Annette war nachmittags mit ihr draußen, und unser Rasenroboter hatte sich irgendwo im Garten so festgefahren, als hätte er beschlossen, dort nun ein neues Leben zu beginnen.

Um Enjah von der ganzen Rettungsaktion wegzulocken, bekam sie hinten im Garten an einer ganz bestimmten Stelle einen Keks.

Später war sie wieder drin.

Dann kam sie zu mir und fing an zu quengeln.

So dieses sehr eindeutige, leicht empörte Quengeln, das sagt: Es gibt hier noch unerledigte Geschäfte.

Ich verstand es erst nicht.

Sie war ja gerade draußen gewesen.

Ich dachte eher in Richtung Pipi, sie dachte offenbar in Richtung Vertragsnachverhandlung.

Also ging ich mit ihr raus.

Und dann machte sie etwas, das ich gleichermaßen absurd, rührend und hochgradig clever fand.

Sie lief zwei Schritte vor.

Sah mich an.

Wartete.

Lief wieder zwei Schritte vor.

Sah mich wieder an.

Wartete.

Und so führte sie mich einmal quer durch den Garten bis exakt an die Stelle, an der es vorher wegen des festgefahrenen Roboters den Keks gegeben hatte.

Dort stand sie dann und sah mich an mit diesem Blick, der in sehr sauberem Hundedeutsch ungefähr bedeutete:

Hier gab es vorhin Bezahlung.

Ich sehe keinen sachlichen Grund, warum dieses Modell eingestellt wurde.

Ich hatte leider keinen Keks dabei.

Was schade war, weil ich in solchen Momenten ausgesprochen manipulierbar bin.

Enjah ist nämlich nicht nur schlau, sondern auch charmant.

Eine gefährliche Kombination.

Sie versteht also nicht im menschlichen Sinn, was ein Rasenroboter ist.

Sie hat keine Theorie über technische Pannen im Garten.

Aber sie versteht Zusammenhänge.

Ort.

Abfolge.

Belohnung.

Beteiligte Personen.

Und vor allem versteht sie, dass Menschen oft erstaunlich gut trainierbar sind, wenn man sie nur mit ausreichend unschuldigem Blick an die richtige Stelle führt.

Flusen stellt sich nur manchmal aus Höflichkeit dümmer

Abends lag Enjah dann bei mir auf dem Sofa und schmuste sehr innig.

So richtig.

Lange.

Warm.

Nah.

Flusen lag unter dem Tisch und tat, was Flusen in solchen Situationen gern tut.

Er schlief vermeintlich.

Dieses vermeintlich ist bei ihm wichtig.

Denn Flusen schläft oft in einer Form, die man auch als strategische horizontale Wachsamkeit bezeichnen könnte.

Ich sagte irgendwann zu Enjah: Geh nun mal zu Annette.

Und wer stand auf und ging zu Annette?

Natürlich Flusen.

Der kleine Teufel.

So schnell kann man gar nicht semantisch sauber sein, wie dieser Hund emotionale Besitzverhältnisse sortiert.

Er lag also da unten wie ein pensionierter Geheimdienstler im Ruhemodus, hörte offenbar sehr genau zu und dachte sich bei meinem Satz vermutlich nur:

Aha.

Kraulen wechselt den Standort.

Dann gehe ich jetzt schon mal vor.

Man kann natürlich sagen, er habe einfach das Wort Annette erkannt.

Oder den Tonfall.

Oder das Bewegungsmuster.

Oder die hohe Wahrscheinlichkeit auf Hände.

Wahrscheinlich stimmt alles zusammen.

Das ist ja genau das Faszinierende.

Hunde verstehen oft nicht das, was wir glauben, dass sie verstehen.

Aber sie verstehen sehr präzise das, was für sie relevant ist.

Nicht den Satz in seiner grammatikalischen Würde.

Eher das soziale Angebot darin.

Nicht die Sprache wie Sprache.

Eher die Musik darunter.

Und manchmal leider auch die Stellen mit Streichelpotenzial.

Das Reh und die Entscheidung für uns

Die dritte Szene heute hat mich dann wirklich glücklich gemacht.

Nachmittags draußen beim Spaziergang durfte Enjah frei laufen.

Nicht immer.

Nicht blind.

Sondern so, wie man das mit einem jungen Hund eben macht, wenn Orientierung da ist und man an dem Tag das Gefühl hat, dass der Explorationswille noch nicht in Richtung Welteroberung eskaliert.

Flusen war dabei, und das hilft ihr sehr.

Wir liefen also entspannt.

Dann schoss plötzlich ein Reh hinter einem Busch über die Wiese.

Und natürlich sah Enjah es.

Und natürlich rannte sie los.

Für genau solche Momente wird wahrscheinlich irgendwo in meinem Körper ein eigenes Alarmsystem betrieben.

Man ruft dann ja nicht elegant.

Man ruft mit allem, was man an Restwürde und Nervensystem noch zusammenbekommt.

Und Enjah kam zurück.

Einfach so.

Zu uns.

Nicht, weil das Abrufwort schon geschniegelt konditioniert wäre.

Davon sind wir weit entfernt.

Nicht, weil sie alles schon perfekt könnte.

Sondern weil sie sich in diesem Moment für uns entschieden hat.

Das war richtig gut.

Und natürlich bekam sie einen Jackpot an Keksen, als hätte sie soeben den Familienfrieden eigenhändig gerettet.

Was sie in gewisser Weise auch getan hat.

Ich fand daran so schön, dass in diesem Moment wieder beides sichtbar wurde.

Mehr als wir glauben.

Weniger als wir glauben.

Sie versteht nicht im menschlichen Sinn, was Jagdverhalten ist, was Impulskontrolle später einmal bedeuten soll oder welche langfristige Bedeutung ein sauberer Rückruf für mein Herz Kreislauf System hat.

Aber sie versteht Beziehung.

Orientierung.

Beteiligung.

Die Möglichkeit, dass es bei uns vielleicht doch interessanter sein könnte als beim Reh.

Und das ist nicht wenig.

Die Wahrheit trägt Fell

Vielleicht ist es genau das, was mich an Hunden so rührt.

Dass sie uns nie ganz falsch verstehen.

Nur eben nicht dort, wo wir es gern hätten.

Nicht in unseren klugen Erklärungen.

Nicht in den hübschen Geschichten, die wir uns über uns selbst erzählen.

Sondern viel näher dran.

An unserer Stimmung.

An unseren Mustern.

An dem, was sich wiederholt.

An dem, worauf wirklich Verlass ist.

Und vielleicht ist das am Ende ihre eigentliche Klugheit.

Dass sie nicht auf unsere Worte hereinfallen, sondern auf unsere Stimmigkeit achten.

Dass Enjah nicht weiß, was ein Prinzip ist, aber sehr genau, wo es Kekse gab.

Dass Flusen keine semantische Analyse meines Satzes braucht, um zu verstehen, wo gerade Zuwendung im Umlauf ist.

Und dass ein junger Hund nicht erst den Sinn von Rückruf begreifen muss, um sich in einem entscheidenden Moment trotzdem für uns zu entscheiden.

Ich glaube, Hunde verstehen uns nicht kleiner, als wir sind.

Aber auch nicht größer.

Sie verstehen uns dort, wo wir echt werden.

Und das ist, wenn ich ehrlich bin, eine ziemlich schöne Form von Wahrheit.

Auch wenn sie gelegentlich Fell hat, charmant manipuliert und mich im eigenen Garten aussehen lässt wie die schlechter vorbereitete von uns beiden.