Tag 119 oder Wie ein dumpfer Morgen plötzlich wieder aufging

Der Tag begann komisch.

Nicht dramatisch.

Nicht traurig genug für Pathos.

Nicht klar genug für eine gute Erklärung.

Eher dumpf.

So, als hätte jemand über meine Gedanken eine Wolldecke gelegt, nur leider keine freundliche, sondern diese kratzigen aus alten Schränken, die nach Stillstand riechen.

Draußen war Frühling, aber innerlich eher November mit Restbetrieb.

Ich kann gar nicht sagen, warum.

Es gibt einfach solche Tage.

Tage, an denen schon das eigene Innenleben wirkt, als hätte es sich ohne mich auf stumm gestellt.

Und dann passierte das erste kleine Wunder.

Flusen freute sich morgens auf unsere Laufrunde.

Nicht höflich.

Nicht kooperativ im Sinne von na gut, wenn es denn sein muss.

Sondern wirklich.

Er kam fröhlich.

Ließ sich sein Laufgeschirr anziehen, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, kurz nach fünf mit mir durch die Gegend zu laufen.

Ich musste ihn nicht überreden.

Nicht verhandeln.

Nicht innerlich einen Motivationskongress eröffnen.

Er war einfach da.

Bereit.

Gut gelaunt.

Was bei Flusen um diese Uhrzeit ungefähr denselben Seltenheitswert hat wie ein entspannter Welpe im Baumarkt.

Ich hätte es ahnen können, dass der Tag sich vielleicht doch noch anders entscheidet.

Dann kam der nächste Moment.

Einer von der Sorte, bei denen man innerlich kurz innehält, weil etwas gelingt, das sich so lange unmöglich angefühlt hat, dass man es fast schon aus dem Bereich realistischer Erwartungen gestrichen hatte.

Flusen hat im Dorf zwei Erzfeinde.

Nicht im metaphorischen Sinn.

Nicht als kleine Reibung.

Sondern richtig.

Es reicht sonst schon ihr Geruch, und sein ganzes System sagt sofort: nein.

Nicht nur nein.

Niemals.

Einer davon ist ein großer Golden Retriever.

Eine Art blondes Unheil auf vier Beinen.

Und natürlich begegneten wir genau ihm.

Morgens.

Früh.

Zu einer Uhrzeit, zu der kein Nervensystem der Welt Lust auf Eskalation im Straßenraum hat.

Ich sah den Hund.

Flusen sah den Hund.

Und ich signalisierte ihm noch bevor der erste Laut überhaupt die Chance hatte, sich in seinem Körper Richtung Welt zu bewegen: heute nicht.

Du hältst die Klappe.

Ich will um diese Uhrzeit nichts hören.

Und Flusen setzte sich.

Einfach so.

Er setzte sich und wartete, bis dieser Erzfeind vorbei war.

Kein Theater.

Kein Gepöbel.

Kein Weltuntergang auf Leine.

Ich konnte mein Glück kaum fassen.

Es war nur ein kurzer Moment, aber er fühlte sich größer an.

Nicht wie Gehorsam.

Eher wie Vertrauen.

Wie ein winziger stiller Beweis, dass all die Wiederholungen, all die Mühe, all die vielen unspektakulären Male, in denen man etwas übt, sich manchmal eben doch irgendwann in so einer einzigen Szene sammeln.

Da saß dieser Hund, der sonst bei diesem Anblick alles vergessen hätte.

Und diesmal blieb er.

Bei mir.

Ich glaube, ab da wurde meine Laune langsam wieder menschlich.

Später traf ich dann noch eine ehemalige Nachbarin.

Früher sind wir oft gemeinsam spazieren gegangen.

Sie mit ihrer wunderschönen Huskyhündin Jessy, die Flusen sehr liebte.

So eine richtige Hundeliebe.

Nicht dramatisch.

Nicht mit Geigen.

Aber mit dieser stillen Selbstverständlichkeit, in der zwei Hunde einfach gern zusammen unterwegs sind.

Dann ist sie weggezogen.

Und gestern Morgen stand sie plötzlich wieder vor mir.

Einfach so.

Mitten im Dorf.

Mitten im Alltag.

Und ich habe mich so gefreut, sie zu sehen.

Manche Menschen tragen so wenig Inszenierung in sich, dass man neben ihnen sofort wieder weiß, wie wohltuend Echtheit ist.

Sie ist so ein Mensch.

So natürlich.

So normal im besten Sinn.

So ganz da.

Nicht geschniegelt.

Nicht bemüht.

Nicht mit diesem dauernden kleinen Glanz, den manche über ihr Leben legen, damit es bedeutender aussieht.

Sondern einfach echt.

Ich glaube, ich war auch deshalb so berührt, weil solche Begegnungen einen kurz daran erinnern, dass Vertrautheit nicht laut sein muss, um zu wirken.

Und dann kam die Supervision im Kinderheim.

Und auch dort war wieder alles anders als an diesen zähen, widerständigen Gruppen, die einem die Energie aus dem Gesicht ziehen wie ein schlecht gelaunter Staubsauger.

Diese Menschen dort waren so reflektiert.

So bereit, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen.

So offen für Komplexität.

Nicht geschniegelt offen.

Nicht in dieser aufgeräumten Art, in der Menschen kluge Worte über Haltung sagen und dabei sehr darauf achten, nicht wirklich gemeint zu sein.

Sondern echt offen.

Arbeitend.

Ringend.

Denkend.

Bereit, sich selbst in die Gleichung mit hineinzunehmen.

Und ich bin davon immer wieder tief berührt.

Weil ihre Arbeit so schwer ist.

Weil sie mit Kindern arbeiten, die schon viel zu früh viel zu viel tragen mussten.

Weil dort Professionalität nicht aus schöner Sprache besteht, sondern aus dem täglichen Versuch, trotz allem zugewandt zu bleiben.

Und weil es etwas ungeheuer Würdevolles hat, wenn Menschen in so einem Feld nicht hart werden, sondern weiter an sich arbeiten.

Vielleicht war das der eigentliche Ton dieses Tages.

Dass er morgens so dumpf begann und sich dann Schritt für Schritt wieder öffnete.

Nicht mit einem großen Knall.

Nicht mit einem einzigen rettenden Ereignis.

Sondern mit diesen kleinen, fast stillen Momenten.

Ein Hund, der sich freut.

Ein Hund, der sitzen bleibt.

Ein vertrauter Mensch, der plötzlich wieder auftaucht.

Eine Gruppe, die zeigt, dass Reflexion keine Zumutung sein muss, sondern eine Form von Respekt.

Am Ende dachte ich, dass es manchmal genau so geht.

Dass ein Tag nicht schön anfängt und trotzdem schön werden kann.

Dass das Herz nicht immer mit Pauken und Trompeten zurückkommt.

Manchmal setzt es sich einfach langsam wieder dazu.

Erst auf eine Laufrunde um fünf.

Dann auf einen Bürgersteig mit Golden Retriever.

Dann auf einen alten gemeinsamen Weg.

Und irgendwann ist es wieder da.