Tag 118 oder Wie ich sonntags versuche, eine Woche zu sortieren, während mein Gehirn noch an alten Gesprächsknochen nagt

Sonne, Hunde, seelische Wetterlage

Sonntag war sonnig.

So sonnig, dass selbst mein Nervensystem kurz so tat, als wäre es vielleicht gar nicht chronisch daran interessiert, sich vorsorglich schon um Mittwoch zu sorgen.

Wir waren lange draußen.

Viel Licht, viel Luft, viel Hund, viel dieses merkwürdige Frühlingsgefühl, bei dem alles aussieht, als hätte das Leben sich kurz geschniegelt, obwohl es intern natürlich genauso chaotisch weiterläuft wie immer.

Flusen lief wie ein alter Kenner durch die Welt.

Nicht eilig.

Nicht beeindruckt.

Eher in dieser Haltung, in der man den Weg nicht geht, sondern abnimmt.

Enjah dagegen war wie üblich der bewegte Teil des Systems.

Alles interessant.

Alles womöglich relevant.

Jeder Halm mit persönlicher Botschaft.

Jeder Geruch eine Pressekonferenz.

Jeder Vogel eine absurde Grenzverletzung.

Ich lief zwischen beiden und dachte, dass es eigentlich ungerecht ist, wie klar Hunde mit der Gegenwart umgehen.

Flusen prüft.

Enjah staunt.

Und ich bin schon wieder halb in der kommenden Woche, halb in der letzten Supervision und zu einem gewissen Prozentsatz auch im Podcastintro, das gerade irgendwo zwischen Mikrofon, Selbsthumor und meinem inneren Anspruchsausschuss heranwächst.

Der Podcast zieht schon mal ein

Die Vorbereitungen für den Podcast laufen also.

Was schön ist.

Und ein bisschen komisch.

Weil ich das Gefühl habe, schon seit Jahren innerlich mit mir selbst zu podcasten.

Nur bisher ohne Mikrofon und leider mit deutlich schlechterer Tonqualität im Kopf.

Jetzt sitze ich also da, schiebe Sätze hin und her, denke über Titel nach, über Einstiege, über Spannungsfelder und darüber, wie so ein Name eigentlich klingen muss, wenn er weder nach Hundeschule noch nach Managementkongress klingen soll.

Während ich ernsthaft über Worte nachdenke, benehmen sich Flusen und Enjah bereits so, als sei vollkommen klar, wer in diesem Projekt die eigentlichen Protagonisten sind.

Flusen mit der Würde eines leicht unterforderten Hauptdarstellers, der seit Jahren weiß, dass er die Szene auch ohne Text trägt.

Enjah dagegen wie eine sehr junge Schauspielerin mit zu viel Espresso, die jederzeit bereit ist, durch jedes Intro zu rennen und alles mit Körper zu lösen.

Wenn ich am Schreibtisch sitze, liegt Flusen so herum, als würde er stillschweigend auf die Freigabe des Skripts warten.

Enjah macht eher den Eindruck, als wolle sie das Aufnahmegerät fressen, den Kabelsalat neu interpretieren und nebenbei noch kurz meine Nachdenklichkeit verbellen.

Es ist also alles sehr professionell.

Die Sache mit der KI Stimme

Natürlich habe ich ausprobiert, ob ich das Ganze nicht einfach von einer KI sprechen lasse.

Man ist ja schließlich neugierig, modern und für ungefähr acht Minuten auch offen für die Idee, dass das Leben vielleicht leichter wäre, wenn eine sehr ordentliche künstliche Stimme alles sauber für einen übernimmt.

Und ich muss sagen, gar nicht so schlecht.

Wirklich nicht.

Nur leider eben auch nicht gut genug.

Es dauerte nicht lange, und ich dachte plötzlich:

Oh je.

Die kenne ich doch.

Die liebe Leonie.

Ich habe diese Stimme schon einmal gehört.

Und dann noch einmal.

Und wahrscheinlich noch in sieben weiteren Kontexten, in denen Menschen ebenfalls hofften, dass eine sympathisch neutrale Kunststimme jetzt bitte glaubwürdig Nähe herstellt.

Ich habe überhaupt nichts gegen Leonie.

Sie macht das bestimmt hervorragend.

Aber ich saß da und merkte, dass ich nicht möchte, dass mein Podcast klingt, als hätte er seine Stimme versehentlich mit drei Meditationen, zwei Imagefilmen und einer App für strukturiertes Atmen geteilt.

Außerdem war sie mir zu glatt.

Zu sauber.

Zu richtig.

So eine Stimme, die klingt, als hätte sie noch nie mitten im Satz kurz gezweifelt, sich verheddert oder beschlossen, ein Wort spontan gegen ein anderes auszutauschen.

Und genau das will ich eigentlich gar nicht wegbügeln.

Wenn da mal ein Versprecher drin ist, dann ist das eben so.

Das Leben verspricht sich schließlich auch dauernd und trägt seine Geschichten trotzdem weiter.

Es muss ein Mensch sein

Irgendwann war deshalb klar, nein, das muss ein Mensch lesen.

Eine echte Stimme.

Eine, die atmet.

Eine, die nicht klingt, als wäre sie in einem sehr freundlichen Labor für akustische Perfektion aufgezogen worden.

Annette kann wunderbar erzählen.

So eine Stimme, bei der man nicht denkt, jetzt beginnt ein Format, sondern eher, da nimmt mich jemand wirklich mit.

Und das passt viel besser.

Nicht geschniegelt.

Nicht synthetisch beruhigt.

Nicht so, als hätte jemand dem Text noch vorsorglich alles Menschliche ausgebügelt.

Ich mag den Gedanken, dass da eine echte Stimme ist, während hier echte Hunde durchs Bild laufen und ich echte Sonntage damit verbringe, Titel zu verschieben, Einstiege zu prüfen und meine Woche so vorzubereiten, als ließe sie sich mit genug innerem Anlauf vielleicht doch halbwegs elegant sortieren.

Meine Kalenderplanung hat Fell

Ich bereite die Woche vor.

Was bei mir leider nie nur bedeutet, Termine anzusehen.

Ich bereite innerlich auch schon Begegnungen vor.

Räume.

Energien.

Mögliche Kipppunkte.

Meine Kalenderplanung hat deshalb stellenweise etwas von Wettervorhersage für seelische Fronten.

Und mitten in all dem entsteht jetzt eben auch noch dieser Podcast.

Nicht großspurig.

Nicht mit Produktionsgestus.

Sondern genauso, wie alles andere hier auch entsteht.

Zwischen Garten, Gedanken, Hunden, einem offenen Dokument und dem sehr realen Risiko, dass Enjah plötzlich beschließt, meine Konzentration sei ein Spielangebot.

Flusen würde das vermutlich gelassen abnehmen.

Enjah würde sich sofort zur kreativen Leitung erklären.

Und ich sitze dazwischen und versuche, einem Namen beim Entstehen zuzusehen, ohne ihn gleich kaputtzudenken.

Auch nicht die schlechteste Art, einen Sonntag zu verbringen.