Tag 116 oder Die Hundegruppe, die sich sehr geschlossen für Nebenbei entschied
Flusen hätte es schneller verstanden
Gestern hatte ich wieder Supervision mit den Studierenden, und irgendwann saß ich da und dachte, dass Flusen diese Gruppe vermutlich in unter drei Minuten durchschaut hätte.
Nicht analysiert.
Nicht systemisch aufbereitet.
Nicht mit Flipchart und Leitfrage.
Einfach durchschaut.
Mit diesem Blick, den ältere Hunde haben, wenn sie sofort merken, dass heute zwar alle körperlich anwesend sind, seelisch aber schon mehrere heimlich an einem Grashalm riechen.
In meinem Kopf wurde aus der Supervision deshalb irgendwann eine Hundegruppe.
Eine sehr junge Hundegruppe.
Eine von der Sorte, bei der zwei schon beim Reinkommen diese leicht funkelnde Energie mitbringen, die sagt: Wir könnten heute auch einfach ein bisschen Atmosphäre machen.
Nicht böse.
Nicht dramatisch.
Eher so, wie junge Hunde manchmal beschließen, dass man jetzt nicht unbedingt kooperieren muss, wenn man stattdessen auch kollektiv ein Blatt zu einem Ereignis machen kann.
Enjah würde noch an Teamgeist glauben
Enjah würde in so einer Gruppe vermutlich zuerst noch hoffnungsvoll gucken.
Mit diesem offenen Junghundgesicht, in dem die Idee lebt, dass man sich doch bestimmt gleich sortiert, einmal vernünftig schnüffelt und dann gemeinsam etwas Sinnvolles tut.
Flusen wäre da realistischer.
Der würde einmal schauen, sich hinlegen und innerlich notieren, dass dieses Rudel heute weniger auf Spurensuche ist als auf der Suche nach dem nächstbesten Nebenschauplatz.
Und das Faszinierende ist ja, wie schnell so etwas kippt.
Da reichen manchmal zwei.
Zwei, die kichern, kommentieren, Sätze mit dieser belustigten Präzision wiederholen, als hätten sie gerade eine neue Form des Gruppensports entdeckt.
Und der Rest des Rudels denkt sich sichtbar erleichtert: Ach herrlich, dann müssen wir heute ja auch nicht so genau da sein.
Das hat fast etwas Rührendes.
Fast.
Die hohe Kunst des Ausweichens
Bei Hunden ist Ausweichen viel ehrlicher.
Da wird plötzlich sehr konzentriert geschnüffelt.
Ein Ast bekommt biografische Relevanz.
Das eigene Hinterbein verlangt Aufmerksamkeit.
Ein Blatt am Boden wird behandelt, als sei es der verlorene Briefverkehr der Familie.
Bei Menschen ist das etwas digitaler, aber im Kern ähnlich.
Dann wird gelacht.
Ein Satz wird noch einmal halb belustigt in den Raum gestellt.
Es wird geredet, während ich etwas erkläre.
Die Blicke verschanzen sich hinter Laptops und Handys, als wäre Blickkontakt jetzt wirklich eine Form von Zumutung.
Und ich sitze davor und denke, wie erstaunlich elegant Gruppen es schaffen, sich gemeinsam an allem vorbeizubewegen, was auch nur entfernt nach innerer Beteiligung riecht.
Das ist fast schon Choreografie.
Leider keine, für die ich Eintritt nehmen kann.
Noch viel Junghund im System
Was mir hilft, nicht unerquicklich zu werden, ist der Gedanke, dass das nicht einfach nur Ablehnung ist.
Es ist oft auch Überforderung in sehr jungen Kleidern.
Anfang zwanzig.
Viel Tempo.
Viel Gegenwart.
Viel Leben, das sich vermutlich noch nicht begeistert in die ungemütlicheren Zimmer des eigenen Inneren setzen möchte.
Und dann komme ich da mit Themen wie Biografie, Trigger, eigene Anteile, traumatisierte Menschen, Kindeswohlgefährdung.
Also nicht gerade mit dem emotionalen Äquivalent zu: Komm, wir basteln heute mal was Schönes.
Ich kann schon verstehen, dass ein Teil von ihnen innerlich denkt, ach du liebe Zeit, was möchte diese Frau denn jetzt schon wieder von uns, wir waren doch gerade noch erfolgreich damit beschäftigt, jung zu sein.
In Hundesprache würde ich wahrscheinlich sagen: noch viel Junghund im System.
Viel Bewegung.
Viel Ausprobieren.
Viel Testen, wie weit man mit Albernheit kommt, bevor man aus Versehen bei etwas Echtem landet.
Flusen würde keine Identitätskrise daraus machen
Das Gute an Flusen ist, dass er aus so einer Gruppe keine große Selbstwertfrage bauen würde.
Er würde nicht nach Hause gehen und darüber nachdenken, ob er als älterer Hund inzwischen vielleicht zu wenig anschlussfähig, zu wenig zeitgemäß oder zu wenig spannend riecht.
Er würde auch nicht nachts wachliegen und sich fragen, ob seine Ansprache heute zu wenig partizipativ war.
Flusen würde einfach feststellen, dass dieses Rudel heute geschlossen entschieden hat, lieber ein bisschen an metaphorischen Leinen zu kauen, und dann wäre er damit fertig.
Diese Fähigkeit bewundere ich.
Ich selbst neige ja leider eher dazu, nach solchen Terminen innerlich sehr gründlich an allem herumzudenken wie ein Hund, der sich in einer Decke verfangen hat und das Problem nun durch noch mehr Bewegung lösen will.
Vielleicht ist das sogar die freundlichste Lesart
Vielleicht ist das überhaupt die freundlichste Sicht auf solche Nachmittage.
Nicht: Die wollen nichts.
Sondern: Die können gerade noch nicht gut wollen.
Nicht: Die hören nicht zu.
Sondern: Da ist noch sehr viel Energie darauf gebunden, bloß nicht dort anzukommen, wo etwas unangenehm wahr werden könnte.
Das macht es nicht leichter.
Aber weicher.
Und es bewahrt mich davor, aus einer Hundegruppe gleich eine Charakterstudie zu machen.
Enjah würde so etwas vermutlich noch eine Weile lang retten wollen.
Ein bisschen gucken.
Ein bisschen hoffen.
Vielleicht doch noch einmal freundlich in die Runde traben.
Flusen dagegen würde kurz husten, mich ansehen und sehr klar signalisieren, dass nicht jedes Rudel heute schon bereit für Tiefe ist.
Manche üben noch Formation.
Am Ende lieber Wald
Vielleicht war das diese Woche überhaupt der große Kontrast.
Da die erfahrenen Führungskräfte, mit denen man in zwei Sätzen mitten in etwas Echtem sein kann.
Da ein Teamworkshop, in dem ich richtig gespürt habe, dass etwas in Bewegung kommt.
Und dann wieder diese sehr junge Meute, die so geschlossen ins Nebenbei ausweicht, dass ich fast Respekt vor der sozialen Präzision bekomme.
Fast.
Am Ende denke ich jedenfalls, dass Flusen recht hätte.
Nicht jede Gruppe muss an jedem Tag gewonnen werden.
Nicht jedes Rudel will gerade lernen.
Manche möchten erst noch ein bisschen rennen, kichern, ausweichen und so tun, als sei ein Blatt am Boden das eigentlich drängende Thema.
Und vielleicht ist die gesündeste Reaktion darauf tatsächlich nicht, sich daran aufzureiben.
Sondern beim nächsten Mal Flusen mitzunehmen, Enjah dazu, mit allen ein Stück durch den Wald zu gehen und still zu beobachten, wer nach fünf Minuten immer noch so tut, als wäre ein Ast die größere Herausforderung als das eigene Innenleben.
Das wäre dann wenigstens ehrlich.
Und vermutlich auch die bessere Supervision.