Tag 115 oder Wenn man nicht die Auserwählte fürs Streicheln ist

Die menschliche Steuererklärung im Rudel

Es gibt in Mehrmenschenhundehaushalten ja diese etwas unangenehme Wahrheit, über die erstaunlich wenig gesprochen wird.

Man ist nicht automatisch für alles zuständig.

Nicht für Nähe.

Nicht für Begeisterung.

Nicht für weiches Ankuscheln bei romantischem Abendlicht.

Manchmal ist man einfach nur die Person, bei der der Hund hört.

Also im Grunde die menschliche Steuererklärung unter den Bezugspersonen.

Verlässlich.

Korrekt.

Nicht wahnsinnig sexy.

Ich glaube, viele erkennen die Beziehung ihres Hundes zu einzelnen Menschen zuerst daran, wie gut Befehle funktionieren.

Bei wem hört er besser.

Wem folgt er sofort.

Bei wem wird diskutiert und bei wem nicht.

Als wäre das schon die ganze Wahrheit.

Ist es aber nicht.

Denn es gibt noch diese anderen Ebenen, die sehr viel gemeiner sind.

Zu wem geht der Hund, wenn er gestreichelt werden will.

Wem fliegt er entgegen, wenn die Haustür aufgeht.

Wen sucht er, wenn er sich erschrickt.

Neben wen legt er sich zum Schlafen.

Und plötzlich sitzt man da und merkt, dass ein Hund Beziehungen nicht nach einem einzigen Kriterium sortiert, sondern ungefähr so komplex, wie wir Menschen unsere Kontakte sortieren.

Der eine ist gut zum Arbeiten.

Der andere gut zum Ausheulen.

Der nächste gut für Unsinn.

Und wieder jemand ist der Mensch, bei dem man einfach still werden kann.

Gehorsam ist nicht dasselbe wie zärtliche Verehrung

Bei uns ist das mit Flusen schon lange ein kleines Lehrstück in Demut.

Flusen hört bei mir ausgezeichnet.

Wirklich ausgezeichnet.

Da wird nicht viel diskutiert.

Da gibt es selten ein kreatives Neuverhandeln von Grenzen.

Es ist ziemlich klar, dass ein Nein kein poetischer Vorschlag ist, sondern eher das Ende der Sitzung.

Das funktioniert.

Und zwar sehr gut.

Nur leider ist Gehorsam nicht automatisch dasselbe wie zärtliche Verehrung.

Flusen lässt sich von mir eher wenig streicheln.

Also jedenfalls nicht in dieser üppigen, hingebungsvollen Art, die meinem inneren Bedürfnis nach gefühlter Hundeliebe entgegenkäme.

Er ist da eher zurückhaltend.

Sachlich fast.

Als hätte er intern beschlossen, dass ich zwar fachlich relevant bin, aber für den Bereich Wellness bitte eine andere Abteilung zuständig ist.

Ich habe daran lange gezweifelt.

Nicht an seiner Intelligenz.

Die ist unstrittig.

Eher an unserer Beziehung.

Weil man ja leicht denkt, wenn ein Hund nicht sofort in einen hineinschmilzt, dann sei da etwas nicht richtig.

Als wäre Streicheln die Währung, in der Bindung gemessen wird.

Flusen im Arbeitsmodus

Dabei war es von Anfang an so, dass Flusen im Arbeitsmodus überhaupt nicht gestreichelt werden will.

Von niemandem.

Nicht von mir.

Nicht von anderen.

Wenn er arbeitet, arbeitet er.

Dann ist er sehr bei der Aufgabe, sehr konzentriert, sehr nerdig.

Streicheln ist dann nicht Liebe, sondern Störung.

Im Grunde wie jemandem mitten in einer komplizierten Denksportaufgabe den Kopf tätscheln und sagen, na, mein Schatz.

Da würde ich auch beißen wollen.

Nicht wirklich, aber innerlich sehr deutlich.

Je klarer ich das sehe, desto logischer wird es eigentlich.

Ein Hund hat ja nicht einfach eine einzige Beziehung zu einem Menschen.

Er hat verschiedene Zustände mit diesem Menschen.

Verschiedene Kontexte.

Verschiedene innere Schubladen.

Bei dem einen ist Spiel.

Bei dem anderen Orientierung.

Bei dem nächsten Aufregung.

Und bei wieder jemand anderem Ruhe.

Manchmal ist derselbe Mensch sogar alles, aber eben nicht gleichzeitig.

Der funktionale Hochsicherheitstrakt mit Herz

Das finde ich tröstlich und unerquicklich zugleich.

Tröstlich, weil es erklärt, warum ein Hund einen lieben und trotzdem nicht dauernd gestreichelt werden wollen kann.

Unerquicklich, weil ich natürlich lieber die Frau wäre, bei der Kompetenz und sentimentale Anbetung harmonisch ineinanderfließen.

So eine Mischung aus Führungskraft und Kuschelsofa.

Leider bin ich für Flusen offenbar eher der funktionale Hochsicherheitstrakt mit Herz.

Denn das andere ist ja auch wahr.

Wenn Flusen sich erschrickt, kommt er zu mir.

Wenn er schlafen will, liegt er nah.

Wenn Kontaktliegen dran ist, dann nicht aus Versehen.

Das macht ein Hund nicht bei jemandem, zu dem die Beziehung schlecht ist.

Ein Hund, der bei Unsicherheit Nähe sucht, hat etwas sehr Grundsätzliches entschieden.

Nur entscheidet er eben trotzdem nicht automatisch, dass jetzt bitte noch eine Viertelstunde Stirnkraulen mitgebucht wird.

Mein kleines privates Drama

Und genau da beginnt vermutlich mein menschliches Drama.

Ich kann sehr gut akzeptieren, dass Bindung viele Formen hat.

Theoretisch.

Praktisch stehe ich dann manchmal da, möchte Flusen gern streicheln, und er gibt mir die kalte Schulter in einem Ausmaß, das an alte französische Filme erinnert.

Nicht grob.

Nicht beleidigt.

Einfach sehr klar.

Danke, aber nein danke.

Und ich sitze innerlich sofort wieder in meiner kleinen privaten Kommission für Beziehungszweifel.

Dabei weiß ich längst, dass das Unsinn ist.

Oder zumindest nicht die ganze Wahrheit.

Ich zwinge ihn nie.

Auch wenn es da ja durchaus Philosophien gibt, die finden, der Mensch müsse so etwas immer bestimmen.

Wann Nähe beginnt.

Wann sie endet.

Wer das Gespräch führt.

Wer wen worüber informiert.

Ich sehe das nicht so.

Vielleicht, weil ich Nähe, die nur deshalb stattfindet, weil die andere Seite schlechter argumentieren kann, nicht besonders überzeugend finde.

Vielleicht auch, weil ich niemanden gern festhalte, der gerade deutlich macht, dass er keinen Bedarf hat.

Nicht mal einen Hund.

Und trotzdem frustriert es mich manchmal.

Das kann ich leider nicht elegant wegpsychologisieren.

Es frustriert mich, dass ich für Verlässlichkeit offenbar erste Wahl bin, für sentimentales Angekuscheltwerden aber nicht immer.

Das kratzt an einer sehr kindlichen Stelle in mir, die offenbar gern goldmedaillenverdächtig geliebt werden möchte.

Möglichst sichtbar.

Möglichst flauschig.

Möglichst mit enthusiastischem Körpereinsatz.

Flusen hat dafür nur begrenztes Interesse.

Er liebt mich offenbar mit Struktur.

Was in seiner Welt wahrscheinlich ein großes Geschenk ist.

In meiner Welt muss ich es nur gelegentlich erst übersetzen.

Und dann ist da Enjah

Und dann ist da Enjah.

Bei ihr frage ich mich natürlich schon, wie das werden wird.

Auch sie soll Therapiehundeausbildung machen.

Auch sie soll mit mir arbeiten.

Agility.

Mantrailing.

All die schönen Dinge, bei denen ich wieder mit professioneller Hingabe auftauche und innerlich sofort anfange, aus einem Hund ein kleines Gemeinschaftsprojekt mit Lernzielen zu machen.

Ich frage mich, ob sie irgendwann auch so trennt wie Flusen.

Ob sie in einen Arbeitsmodus kippt, in dem Streicheln ungefähr denselben Charme hat wie ein unerwartetes Elterngespräch kurz vor Feierabend.

Ob sie sich dann in Aufgaben verbeißt und Nähe nur noch außerhalb dieser inneren Schicht zulässt.

Oder ob sie ganz anders ist.

Vielleicht ist das schon Nähe

Vielleicht wird Enjah später ganz anders lieben als Flusen.

Weniger sortiert vielleicht.

Oder genauso klar, nur auf ihre eigene Art.

Und vermutlich wird auch sie mir irgendwann zeigen, dass ein Hund nicht dafür da ist, all meine romantischen Vorstellungen von gegenseitiger Anhänglichkeit hübsch zu bestätigen.

Sondern eher dafür, mir sehr präzise zu sagen, wer ich für ihn bin.

Bei Flusen bin ich offenbar nicht die Wellnessabteilung.

Aber ich bin Orientierung.

Ruhe.

Verlässlichkeit.

Nicht die Auserwählte fürs dauerhafte Streicheln.

Aber die, zu der man kommt, wenn es zählt.

Vielleicht ist das nicht weniger Nähe.

Nur eine, die nicht dauernd flauschig aussieht.