Tag 114 oder Der Tag, an dem Enjah zur kleinen Kommissarin wurde

Ein Wald, ein Geruch, ein Auftrag

Heute durfte Enjah zum ersten Mal Mantrailing ausprobieren.

Ich war natürlich schon im Vorfeld innerlich in einer Mischung aus Stolz, Neugier und dezentem Organisationsversagen unterwegs. Also wie immer, nur mit Suchgeschirr. Enjah dagegen erschien in ihrer üblichen Haltung zum Leben: bereit, alles ernst zu nehmen, was nach Abenteuer riecht, und alles anzuschnuppern, was nicht bei drei auf dem Baum ist.

Und dann ging es los.

Mantrailing ist im Grunde die sehr elegante Version von dem, was Hunde ohnehin besser können als wir: riechen, unterscheiden, dranbleiben. Der Hund bekommt am Anfang den Geruch einer ganz bestimmten Person angeboten, arbeitet meist im Suchgeschirr an einer langen Leine und soll genau diese Person am Ende finden. Es geht also nicht einfach um irgendeine Spur, sondern um einen individuellen Menschen. Anders als beim klassischen Tracking steht nicht die Bodenspur mit Gegenständen im Vordergrund, sondern das Finden der Person selbst. Wetter, Untergrund, Wind und Alter der Spur machen die Sache dabei mal leichter und mal herrlich kompliziert.

Ich finde schon diesen Grundgedanken rührend.

Der Mensch irrt sichtbar und laut durch die Welt, der Hund hält kurz die Nase in ein Tuch und sagt dann sinngemäß: Schon gut, ich übernehme ab hier.

Enjah ermittelt

Enjah hat das großartig gemacht.

Nicht so großartig im Sinne von geschniegelt und fehlerfrei, als hätte sie heimlich seit Wochen ein verdecktes Praktikum bei der Kripo absolviert. Sondern großartig auf diese junge, lebendige, sehr echte Art.

Sie war konzentriert.

Sie war motiviert.

Und sie hatte diesen wunderbaren Moment, an dem ich kurz dachte: Aha, jetzt lerne nicht nur sie etwas, sondern ich auch.

An einer Weggabelung bog sie erst in die falsche Richtung ab. Sie lief ein paar Meter, blieb dann stehen und sah mich an. Nicht dramatisch. Nicht verwirrt. Eher so, als würde sie mir in ruhiger Höflichkeit mitteilen: Dagmar, wir müssen kurz über deine Erwartungen an lineare Prozesse sprechen.

Und ich wusste sofort, dass dieser Weg also nicht stimmen konnte.

Dann drehte sie um, nahm die andere Richtung und hatte die Spur wieder.

Ich fand das fast noch schöner, als wenn alles glatt gegangen wäre. Weil genau darin etwas sichtbar wurde. Diese kleine Pause. Dieses Prüfen. Dieses innere Korrigieren. Nicht blind nach vorn, sondern schnüffelnd denken.

Die Trainerin erklärte danach, dass kurz davor zwei Spaziergänger in die andere Richtung gegangen waren und damit vermutlich eine kleine falsche Spur mit erzeugt hatten. Das passte erstaunlich gut zu dem, was im Mantrailing ganz grundsätzlich als Schwierigkeit beschrieben wird: An Kreuzungen, Ecken und Querungen kann sich das Geruchsbild verziehen, in Seitenwege tragen oder durch fremde Spuren komplizierter werden. In den Regeln für Rettungshundearbeit ist sogar ausdrücklich beschrieben, dass Hunde an solchen Stellen kurz neben oder über die eigentliche Route hinausarbeiten dürfen, solange sie die Spur selbstständig wieder aufnehmen. Genau deshalb gehört zum Trailen nicht nur die Nase des Hundes, sondern auch meine Fähigkeit, ihre Körpersprache zu lesen und sie möglichst wenig mit meinem inneren Aktionismus zu stören.

Das ist, offen gesagt, eine eher demütigende Aufgabe für mich.

Ich möchte ja gern hilfreich sein.

Ich bin nur leider oft in einer Form hilfreich, die für Hunde ungefähr so nützlich ist wie ein Flipchart im Unterholz.

Was mich daran so begeistert

Ich glaube, genau deshalb fühlt sich das so stimmig an.

Mantrailing macht aus dem Spaziergang kein höheres Verwaltungsverfahren. Es macht aus ihm eine gemeinsame Suche. Der Hund darf führen. Ich darf lernen, ihm zuzusehen, statt mich wichtig dazwischen zu schieben. Vertrauen ist dabei kein nettes Zusatzwort, sondern ziemlich zentral. Erfahrene Verbände und Ausbilder beschreiben das genauso: Der Hund arbeitet die Spur, und meine Aufgabe ist es, ihn zu lesen, sauber zu begleiten und nicht aus Versehen der einzige Störfaktor mit Thermobecher zu werden.

Ich ahne jedenfalls sehr, warum wir beide daran Freude haben werden.

Und vermutlich auch Flusen.

Es ist ruhig, konzentriert, sinnvoll und spielt sich zu einer Jahreszeit ab, in der der Wald ohnehin so aussieht, als hätte jemand beschlossen, jetzt wirklich alles auf schön zu drehen. Überall dieses frische Grün, dieser weiche Boden, dieses Licht zwischen den Bäumen. Und mittendrin ein Hund, der plötzlich einer Spur folgt, als hinge die Wahrheit des Universums an einer unsichtbaren Geruchslinie.

Ganz ehrlich, poetischer wird ein Hobby auch nicht mehr.

Die Gruppe in voller pubertärer Pracht

Besonders schön war auch die Gruppe.

Da waren einige Hunde in ähnlichem Alter, und man konnte sehr gut sehen, dass die Pubertät sich bei manchen bereits mit voller Opernlautstärke angemeldet hat. Einige hörten ungefähr so zuverlässig, wie ich mit sechzehn auf vernünftige Argumente gehört hätte. Andere waren derart überdreht, dass man kurz den Eindruck hatte, ihr Nervensystem sei mit einem Laubbläser gekoppelt.

Es war tröstlich.

Nicht, weil ich fremdes Chaos genieße.

Natürlich nicht.

Ich betrachte es nur mit wissenschaftlichem Interesse und einer kleinen privaten Erleichterung.

Bei Enjah geht es im Moment noch vergleichsweise entspannt zu. Sie bellt, wenn sie ungeduldig ist, was nicht gerade das Zen Niveau eines alten Mönchs hat, aber im Vergleich zu den jungen Rüden mit komplettem Hormontheater wirkte sie fast schon staatsmännisch. Also staatsmännisch für einen jungen Hund, der Hummeln spannend findet und beim Warten gelegentlich akustisch auf sich aufmerksam macht.

Ich nehme, was ich kriegen kann.

Eine sehr schöne erste Spur

Was mir von heute bleibt, ist dieses Bild von Enjah an der Weggabelung.

Kurz falsch.

Kurz nachdenken.

Kurz mich ansehen.

Dann neu ansetzen und weitermachen.

Ich mag das sehr.

Nicht nur, weil sie es so gut gemacht hat.

Sondern auch, weil in diesem ersten Trail schon alles drinlag, was ich an Hunden so liebe. Diese Mischung aus Instinkt, Konzentration, Irrtum, Korrektur und stiller Selbstverständlichkeit. Kein Drama. Kein Selbstzweifel. Kein inneres Meeting mit drei Unterabteilungen. Einfach: Das war es nicht. Dann eben hier weiter.

Ich selbst brauche für solche Erkenntnisse bekanntlich Jahre, Gespräche und mindestens einen guten Kaffee.

Enjah brauchte ein paar Meter im Wald.

Das ist schon eine ziemlich eindrucksvolle Art, klug zu sein.