Tag 112 und 113 oder Flusen, der Seniorberater für klare Ansagen, und ich, die Praktikantin mit Flipchart
Führung im Ausnahmezustand
Morgens um fünf ist die Welt schon erstaunlich entschieden, obwohl ich es noch gar nicht bin.
Enjah hüpft durch den Frühling, als hätte jemand die ganze Wiese nur für sie angeknipst, während Flusen wegen seines Hustens gerade eher die Position des hustenden Seniorberaters auf dem Sofa innehat.
Und genau aus diesem Alltag bin ich in zwei Workshoptage gegangen.
Leadershipworkshops für Führungskräfte in der Klinik.
Schon dieses Wort, Führungskraft, klingt manchmal so sauber, so aufgeräumt, so als ginge es um Modelle, Prozesse und halbwegs tragfähige Powerpoint Folien.
Und dann sitzt man da mit Menschen, die im Klinikalltag führen.
Mitten in Schichtsystemen, Personalmangel, Anspannung, hoher Taktung und diesen Ausnahmesituationen, die man nicht elegant wegmoderieren kann, weil dort echte Menschen mit echter Angst liegen.
Ich empfinde Führung in diesem Feld als besonders.
Nicht heroischer.
Nicht wichtiger.
Aber dichter.
Emotional dichter.
Man kann dort nicht einfach irgendein hübsches Konzept in den Raum werfen und so tun, als hätte man gerade Mehrwert produziert.
Jedenfalls will ich das nicht.
Zeit ist mir in solchen Workshops fast heilig.
Vielleicht, weil ich selbst so allergisch auf Zeitverschwendung reagiere.
Vielleicht, weil ich finde, dass zehn Menschen in einem Raum auch zehn Leben mitbringen, zehn volle Kalender, zehn Nervensysteme, zehn Geschichten, die nicht dafür da sind, mit sinnfreiem Moderationskonfetti beworfen zu werden.
Wenn ich mit Führungskräften arbeite, will ich ihre Zeit nicht verbrauchen.
Ich will sie achten.
Und ja, ich komme dann mit einem ganzen Koffer voller Spiele an, was von außen ungefähr so seriös aussieht, als hätte ich mich in der Adresse geirrt und wollte eigentlich einen Kindergeburtstag leiten.
Aber ich glaube inzwischen sehr an das, was Menschen erleben.
Nicht nur an das, was sie hören.
Von dem, was ich erzähle, bleibt vielleicht ein freundlicher Rest im Kopf.
Von dem, was sie miteinander tun, spüren, ausprobieren, verkörpern, bleibt oft etwas ganz anderes.
Etwas, das nicht geschniegelt im Notizbuch sitzt, sondern im Körper.
Etwas, das sich später meldet, wenn eine schwierige Situation kommt.
Nicht als Theorie.
Eher als Erinnerung daran, wie sich etwas angefühlt hat.
Vielleicht ist Lernen am Ende genau das.
Nicht Information mit Krawatte.
Sondern Erfahrung, die im richtigen Moment wieder auftaucht.
Flusen braucht kein Seminarhotel
Und während ich dort über Führung spreche, lebt zuhause Flusen, der die Sache mit Führung deutlich besser gelöst hat als ich.
Flusen braucht keinen Workshopkoffer.
Keine Moderationskarten.
Kein charmantes Ankommen im Raum.
Er liegt da, hustet ein bisschen, schaut Enjah an und regelt mit einem Blick mehr, als ich mit meiner gesamten inneren Dagmar GmbH.
Ich dagegen neige bei Junghunden zu einer Art tragischer Fehlprofessionalisierung.
Ich stehe innerlich neben Enjah wie eine überengagierte Referentin für zwischenartliche Entwicklung und würde am liebsten jeder Hummel noch ein Lernziel zuordnen.
Enjah sieht eine Hummel und ist glücklich.
Ich sehe eine Hummel und denke kurz, ob man daraus ein Format zur Frustrationstoleranz entwickeln kann.
Flusen sieht mich dabei an wie einen Menschen, der zwar lesen und schreiben kann, aber beim Thema Hund leider einmal komplett am Leben vorbeistudiert hat.
Was ein Junghund wirklich braucht
Ich glaube, wenn Flusen mir einen Leadership Workshop geben würde, wäre seine Botschaft unerquicklich einfach.
Ein Junghund braucht nicht meine dauernde pädagogische Betriebsamkeit.
Er braucht einen Platz im Rudel, der klar ist.
Er braucht Rhythmus.
Wiederholung.
Grenzen.
Ruhe.
Und vor allem jemanden, der nicht bei jedem Quatsch selbst innerlich mit ausrastet.
Glücklich wird Enjah nicht dadurch, dass ich sie menschlich behandle, als wäre sie ein sehr kleines, sehr impulsives Kind mit Fell und überraschend begrenzter Einsichtsfähigkeit.
Glücklich wird sie, wenn sie sich orientieren kann.
Wenn nicht alles verhandelt wird.
Wenn sie jung sein darf, ohne dass ich aus jeder Blume einen Bildungsauftrag mache.
Wenn das Rudel verlässlich ist.
Wenn Nähe da ist.
Wenn die Regeln nicht täglich von meiner Tagesform abhängen.
Flusen weiß das längst.
Er führt nicht aus Aktionismus.
Er führt aus Klarheit.
Die Praktikantin mit Flipchart
Und ich?
Ich führe manchmal aus einer Mischung aus Liebe, Ambition und leichtem Kontrollhunger mit guter Frisur.
Oder einfacher gesagt:
Flusen ist der Seniorberater.
Ich bin die Praktikantin mit Flipchart.
Vielleicht ist das die etwas demütigende, aber sehr brauchbare Wahrheit.
Nicht nur in Workshops.
Auch im Rudel.
Gute Führung erkennt man nicht daran, wie viel einer erklärt.
Sondern daran, wie ruhig die anderen darin werden.