Tag 111: Zwischen Husten, Hausarbeit und Zukunft
Flusen geht es besser.
Das ist im Moment die Art Nachricht, die mein Nervensystem sofort ein kleines Stück vom Fensterbrett zurückholt. Er hustet nicht mehr so, Enjah hat sich bisher nicht angesteckt, und das Haus klingt wieder mehr nach Alltag und weniger nach besorgtem Warten.
Ich nehme inzwischen jede unspektakuläre Minute mit beiden Hunden wie ein kleines Geschenk, das sich als völlig normal tarnt.
Und dann habe ich auch noch die letzte Hausarbeit abgegeben.
Nur noch die Masterthesis.
Dieser Satz hat die Energie von jemandem, der nach einem Marathon sagt, jetzt kommt nur noch der Berg.
Die verschiedenen Kirchen der KI
Gerade habe ich das Gefühl, die Welt teilt sich in sehr unterschiedliche KI Lager auf, und jedes sitzt mit einer anderen Miene am selben Tisch.
Da sind die, die KI benutzen wie andere Menschen Lichtschalter. Ganz selbstverständlich. Jeden Tag. Für alles. Texte, Mails, Ideen, Struktur, Lebensführung, wahrscheinlich auch für die Frage, ob man heute eher Linsensuppe oder Pasta kochen sollte.
Dann gibt es die, die schon beim Wort KI innerlich alle Fenster schließen. Weil sie Sorge haben. Um Arbeit. Um Kreativität. Um Wahrheit. Um Menschen, die ohnehin schon zu wenig denken und jetzt auch noch anfangen, sich das Denken auszulagern wie Wintermäntel im April.
Dann gibt es die technisch Begeisterten, die schon längst Agenten im Team haben. Nicht als Gimmick, sondern als Kollegen mit sehr fragwürdiger Sozialkompetenz und erstaunlicher Ausdauer. Diese Menschen sagen Sätze wie Mein Agent übernimmt das, und man weiß nie genau, ob man beeindruckt sein oder die Menschheit kurz aus dem Raum bitten soll.
Und dann gibt es die, die nicht zuerst an Produktivität denken, sondern an Strom. An Server. An Wasser. An Rechenzentren. An eine Zukunft, in der wir vielleicht alle hochpersonalisierte KI Systeme besitzen, während irgendwo still ein halber Wald in Ohnmacht fällt.
Ich verstehe sie alle.
Das ist leider meine Spezialität. Ich kann in fast jede Richtung denken und sitze am Ende da wie eine Frau, die gleichzeitig vier Wetterberichte ernst nimmt und deshalb weder Sandalen noch Mantel wirklich ausschließen kann.
Warum ich das trotzdem studiert habe
Und trotzdem habe ich mich sehr bewusst für dieses Studium entschieden.
Nicht, weil ich glaube, dass man alles, was technisch möglich ist, nun auch begeistert mit Konfetti begrüßen muss.
Sondern weil ich viele dieser Fragen interessant finde. Relevant. Wirksam. Unbequem. Genau deshalb.
Mich reizt an KI nicht dieses große Maschinen Pathos. Nicht die kalte Zukunftsgeste. Eher die seltsame, fast intime Frage, was passiert, wenn ein System lernt, einem Menschen nicht nur irgendetwas zu liefern, sondern auf ihn einzugehen.
Nicht geschniegelt.
Nicht mit digitalem Namaste.
Sondern wirklich so, dass da Persönlichkeit mitgedacht wird. Temperament. Muster. blinde Flecken. überfachliche Kompetenzen. Future Skills. Alles, was zwischen Wissen und Leben liegt und meistens genau dort anstrengend wird.
Meine Idee für die Masterthesis
Im Moment zieht es mich zu der Idee, einen Agenten empathischer zu trainieren.
Also so, dass er nicht bloß Antworten ausspuckt wie ein höflicher Getränkeautomat, sondern unterschiedliche Persönlichkeiten besser lesen lernt und Menschen in ihrer Entwicklung unterstützen kann. Nicht im Sinne von Ich mache dich jetzt zu einem optimierten Premium Menschen mit Morgenroutine und sauber sortiertem Innenleben.
Eher im Sinne von: Ich sehe, wo du dir selbst dauernd im Weg herumstehst, und ich halte dir freundlich einen Spiegel hin, bevor du wieder mit Karacho hineinläufst.
Am liebsten lokal.
Nicht als große Datenwallfahrt Richtung OpenAI und Weltmarkt, sondern so, dass Daten auf einem deutschen Server bleiben können. In erreichbarer Nähe. Unter nachvollziehbaren Bedingungen. Mit weniger digitalem Auslieferungsgefühl.
Das finde ich nicht romantisch, aber beruhigend.
Fast schon deutsch von mir.
Mein persönlicher Anwendungsfall, leider ich
Denn natürlich würde ich so einen Agenten sofort selbst benutzen.
Nicht nobel.
Nicht abstrakt.
Nicht in der Rolle der objektiven Forscherin mit makelloser Innenarchitektur.
Sondern als mein eigenes Versuchskaninchen.
Ein Thema, das bei mir immer wieder auftaucht, sind Urteile.
Was für eine Psychologin natürlich wirklich unangenehm glamourös ist.
Ich urteile.
In beide Richtungen.
Über Menschen. Über Situationen. Über mich. Über Dinge, die ich nach drei Minuten beobachtet habe, mit der stillen Entschlossenheit einer inneren Richterin, die schon den Hammer hebt, während der Rest des Saals noch die Akte sucht.
Und ich merke, wie sehr mich das einschränkt.
Urteile machen schnell Ordnung, aber selten Weite.
Sie sind geistige Klappstühle. Man setzt sich drauf und tut so, als säße man schon.
Ich hätte also gern eine KI, die mir dabei hilft, diese schnellen inneren Sortierungen aufzudecken. Früher. Genauer. Ohne Pathos. Ohne digitale Klangschale. Eher mit der Haltung: Schau mal, da hast du gerade wieder in 0,8 Sekunden aus einer Nuance ein Weltbild gebaut.
Beta Test mit Fell
Und weil mein Leben bekanntlich nie nur aus einer Person besteht, würden Flusen und Enjah selbstverständlich mit ins Projekt rutschen.
Nicht offiziell, versteht sich.
Eher als sehr flauschige Co Forschende mit wechselnder Arbeitsmoral.
Mich interessiert nämlich nicht nur, wie so ein Agent blinde Flecken in mir selbst sichtbar machen könnte, sondern auch im täglichen Umgang mit den beiden.
Wo bin ich unfair, ohne es zu merken.
Wo bin ich inkonsequent und nenne es flexibel.
Wo überfordere ich Enjah und halte es für Erziehung.
Wo unterschätze ich Flusen, weil seine Würde mich gelegentlich glauben lässt, er sei schon als emeritierter Professor zur Welt gekommen.
Wo lese ich zu viel hinein.
Wo zu wenig.
Wo verwechsel ich mein Bedürfnis nach Ruhe mit dem, was der Hund gerade wirklich braucht.
Wo halte ich Enjah für impulsiv, obwohl sie vielleicht einfach nur sehr klar kommuniziert, dass mein Plan für sie ungefähr denselben Reiz hat wie Steuerrecht bei Kerzenlicht.
Wo halte ich Flusen für stabil, obwohl er vielleicht längst feiner reagiert, als mein grobmotorisches Menschenauge es sieht.
Ich würde diese KI vermutlich irgendwann fragen:
Zeig mir bitte, wo ich bei Enjah ständig Führung sagen und Kontrolle meinen könnte.
Und zeig mir auch, wo ich bei Flusen Reife sehe, nur weil er seine Einwände in einem Blick unterbringt und nicht in einem opernhaften Ganzkörperhüpfen.
Der eigentliche Witz
Je länger ich darüber nachdenke, desto komischer wird es.
Da sitze ich, kurz vor der Masterthesis, mit einer Idee über empathische Agenten, Persönlichkeitsentwicklung und Future Skills, während mein eigener Haushalt im Kern aus drei sehr verschiedenen Versuchsanordnungen besteht.
Ich mit meinen Urteilen.
Flusen mit seiner stillen, fast unanständigen Klugheit.
Enjah mit ihrer Energie eines flauschigen Start ups, das leider noch kein Compliance Team hat.
Und irgendwo dazwischen die Hoffnung, dass eine KI vielleicht helfen könnte, blinde Flecken nicht nur technisch, sondern menschlich besser zu sehen.
Nicht als Ersatz für Beziehung.
Nicht als neue Hohepriesterin der Wahrheit.
Eher als zusätzliche, kluge, lokale, datenschutzfreundliche Instanz, die ab und zu trocken anmerkt:
Spannend, Dagmar. Du hast Enjah gerade innerhalb von sechs Sekunden für ungeduldig gehalten, obwohl du selbst seit vier Minuten mit der Leine kämpfst wie mit einer feindlichen Gartenschlange.
Oder:
Interessant. Bei Flusen deutest du Zurückhaltung als Zustimmung. Es könnte sich auch um höflich verpackte Kritik handeln.
Ganz ehrlich, ich würde so etwas sofort abonnieren.
Auch wenn es unerquicklich wäre.
Gerade dann wahrscheinlich.
Vielleicht ist das die Zukunft, die mich interessiert
Nicht die große kalte Erzählung von KI als Erlösung oder Untergang.
Sondern die stillere Frage, ob sie uns helfen kann, präziser, ehrlicher und weniger blind mit uns selbst und anderen umzugehen.
Mit Menschen.
Mit Hunden.
Mit dem, was wir dauernd zu wissen glauben.
Vielleicht wäre das für mich wirklich eine interessante Richtung.
Ein Agent, der nicht nur antwortet, sondern mitdenkt.
Nicht besserwisserisch.
Nicht übergriffig.
Eher wie ein sehr kluger, diskreter Begleiter, der freundlich auf die Stellen zeigt, an denen man sich selbst noch immer am elegantesten im Weg steht.
Bis dahin bleibe ich mein eigenes Versuchskaninchen.
Flusen vermutlich der skeptische Senior Advisor.
Und Enjah ganz sicher Head of Chaos Testing.