Tag 110: Wenn Flusen hustet
Heute Morgen fing es harmlos an.
Oder jedenfalls in dieser tückischen Art harmlos, in der Dinge anfangen, die später den ganzen Tag aus der Spur kippen. Erst dachten wir noch, er hätte sich an einem Keks verschluckt. So ein kleiner falscher Moment, einmal blöd eingeatmet, gleich vorbei.
Aber es ging nicht vorbei.
Im Laufe des Tages wurde der Husten schwerer, tiefer, kruppartig, als würde jemand mit groben Händen an seiner kleinen Brust rütteln. Jedes Mal, wenn er hustete, ging etwas durch den Raum, das ich kaum beschreiben kann. Als würde kurz das Licht flackern. Als würde das Haus selbst erschrecken.
Also abends noch zum Tierarzt.
Nun also wieder ein dicker Infekt. Nur diesmal schlimmer als sonst. Und sofort war sie wieder da, diese alte Erinnerung an den abgebrochenen Urlaub, an den Campingplatz, an dieses hilflose Husten mitten zwischen Zelthaut, feuchter Luft und dem verzweifelten Wunsch, dass es bitte einfach aufhören soll. Damals noch dort zum Tierarzt, dann so schnell wie möglich nach Hause. Es ist erstaunlich, wie schnell ein Hundehusten aus Ferien Rückzug machen kann. Eben noch Zeltromantik, im nächsten Moment Fluchtgepäck und Medikamententasche.
Jetzt liegen die Medikamente wieder hier, geschniegelt in ihren kleinen Packungen, als hätten sie alles im Griff. Ich glaube ihnen kein Wort und bin trotzdem froh, dass sie da sind.
Und Enjah wird sich sehr wahrscheinlich anstecken, sagt der Tierarzt, wir sollen die beiden trennen.
Trennen.
Ja.
Als würde man zwei Wolken bitten, künftig getrennt zu regnen.
Als würde man zwei Herzschläge in derselben Brust höflich darauf hinweisen, sich bitte räumlich etwas besser zu organisieren.
Natürlich geht das nicht wirklich. Nicht in diesem Haus. Nicht mit diesen beiden.
Enjah hat den ganzen Tag geguckt, als hätte das Leben plötzlich eine Sprache gesprochen, die sie noch nie gehört hat. Immer wieder ist sie zu Flusen hin, vorsichtig, fragend, mit diesem offenen kleinen Gesicht, in dem sich Sorge noch ungeschützt zeigt. Wirklich Fragezeichen im Blick. So deutlich, dass man sie ihr beinahe von der Stirn hätte pflücken können.
Sie stand vor ihm, ganz weich geworden, als wollte sie sagen: Du bist doch sonst der Fels. Warum klingt dein Körper heute wie ein kaputter Wald.
Und Flusen, dieses wundervolle, stille Wesen, hustet sich durch den Tag und bleibt dabei trotzdem so tapfer, dass es mir fast das Herz bricht. Er war noch nie einer für großes Theater. Eher die Sorte Hund, die selbst Krankheit mit Würde trägt. Aber genau das macht es manchmal noch schwerer. Dieses Leise. Dieses Nicht Klagen. Dieses bloße Dasein mit einem Körper, der gerade gegen etwas anarbeiten muss, das größer ist als er.
Nun heißt es warten.
Hoffen, dass die Medikamente greifen. Hoffen, dass die Nacht ruhig wird. Hoffen, dass Enjah verschont bleibt oder es sie wenigstens nicht so schlimm erwischt. Hoffen überhaupt, diese alte, etwas lächerliche, völlig unersetzliche Tätigkeit, die man aufnimmt, wenn man einen Hund husten hört und sonst nichts tun kann, als da zu sein.
Heute fühlt sich alles ein bisschen an, als würde das Haus den Atem anhalten.
Und mittendrin diese zwei.
Flusen, krank und still.
Enjah, besorgt und ganz nah.
Zwei wundervolle Wesen, die einem mit jedem Tag tiefer ins Herz wachsen, bis man irgendwann merkt, dass schon ein Husten reicht, um in einem selbst ganze Landschaften ins Zittern zu bringen.