Tag 109: Mythen der Hund Mensch Beziehung

Es gibt in der Hundewelt Sätze, die kleben an Menschen wie schwarze Haare an einem Wollmantel.

Man bekommt sie nicht weg.

Sie liegen auf Hundeplätzen herum, in Familienküchen, in Trainingsgruppen, in Instagram Kommentaren und vermutlich auch heimlich in Wartezimmern beim Tierarzt.

Alle sagen sie mit dieser Miene, mit der man sonst nur Steuerregeln oder Omas Kartoffelsalat überliefert.

Als wären sie wahr, weil sie schon sehr oft ausgesprochen wurden.

Und dann sitze ich hier mit Flusen und Enjah und denke, dass die Hund Mensch Beziehung vielleicht vor allem daran scheitert, dass wir aus einem ziemlich lebendigen, widersprüchlichen, opportunistischen Miteinander gern eine Gebrauchsanweisung machen würden.

Mythos 1: Der Hund muss wissen, wer der Chef ist

Dieser Mythos hat die Energie eines Mannes, der in der Grillsaison plötzlich sehr laut über Führung spricht.

Natürlich klingt das toll.

Chef.
Ordnung.
Klarheit.
Ein System, in dem einer oben ist und der andere bitte nicht diskutiert.

Leider leben bei mir zwei Hunde, die auf dieses Organigramm nur sehr begrenzt anspringen.

Flusen interessiert nicht, ob ich der Chef bin.

Flusen interessiert, ob ich sinnvoll bin.

Ob ich berechenbar bin.
Ob ich in der Lage bin, eine Situation zu lesen, bevor ich mit meiner Idee hereinplatze wie eine schlecht vorbereitete Projektleitung.

Enjah wiederum findet Führung grundsätzlich akzeptabel, solange sie mit ihrer Tagesform kompatibel ist.

Es gibt Momente, da folgt sie mir mit so rührender Ernsthaftigkeit, dass ich sofort an mir zweifle.

Und dann gibt es Momente, da schaut sie mich an, als hätte ich soeben vorgeschlagen, wir könnten doch beide einmal rückwärts durch den Wald joggen.

Ich glaube, wir halten an diesem Chef Mythos fest, weil Hierarchie die menschliche Angst beruhigt.

Wenn einer oben ist, muss ich nicht so viel aushalten.

Keine Ambivalenz.
Keine Aushandlung.
Keine peinliche Erkenntnis, dass Beziehung etwas ist, das man nicht einfach kommandieren kann.

Chef ist so schön aus den Siebzigern.

Beziehung leider nicht.

Mythos 2: Wenn mein Hund mich liebt, hört er IMMER

Das ist ein Satz, den ich fast zärtlich absurd finde.

Als wäre Liebe ein gut sitzender Gehorsam mit Ohren.

Und überhaupt, bevor wir hier groß mit Liebe hantieren, könnte man ja einmal kurz fragen, was das eigentlich sein soll.

Liebe.

Dieses Wort, mit dem Menschen seit Jahrhunderten ziemlich alles belegen, was sie gern behalten würden.

Natürlich gibt es zwischen Mensch und Hund Bindung.
Nähe.
Vertrauen.
Suche nach Kontakt.
Wiedererkennen.
Beruhigung.
Freude.

Aber ob Hunde lieben.

Wer weiß das schon.

Vielleicht tun sie es.

Vielleicht ist das, was wir Liebe nennen, bei Hunden einfach eine sehr elegante Mischung aus Bindung, Gewohnheit, Sicherheit, Körpergedächtnis, gelernter Kooperation und der berechtigten Hoffnung, dass bei mir Dinge passieren, die ihr Leben insgesamt verbessern.

Also ehrlich gesagt genau wie bei Menschen.

Nur dass Hunde das nicht mit Kerzenlicht verwechseln.

Hunde sind Opportunisten.

Menschen übrigens auch.

Wir nennen es nur ungern so, weil wir uns lieber für tief halten.

Enjah liebt mich, falls das Liebe ist, jedenfalls sehr konsequent dort, wo ich bin, wo Wärme ist und wo die Chancen auf Kontakt, Orientierung oder Keks statistisch auffallend steigen.

Flusen liebt mich, falls das Liebe ist, auf diese ältere, würdevollere Art, in der man nicht dauernd aneinander klebt und trotzdem sofort merkt, wenn der andere innerlich vom Stuhl kippt.

Und trotzdem hören beide nicht immer.

Nicht, weil die Liebe aus ist.

Sondern weil gerade ein Geruch wichtiger ist.
Oder ein Reiz.
Oder ein Impuls.
Oder ein Hundedasein, das mit meiner romantischen Deutung bedauerlicherweise nicht abgestimmt wurde.

Ich glaube, wir halten an diesem Mythos fest, weil er uns schmeichelt.

Wenn der Hund immer hört, weil er mich liebt, bin ich nicht nur Bezugsperson.

Dann bin ich Ereignis.
Heimat.
Sonnenaufgang mit Leckerlibeutel.

Das ist natürlich verführerisch.

Nur leider sind selbst sehr zugewandte Hunde nicht dauerhaft lyrisch.

Mythos 3: Mit Futter zu konditionieren ist schlecht

Auch so ein Satz, der gern so gesagt wird, als hätte irgendwo ein Ethikrat getagt.

Ich stehe dann immer da mit einer Handvoll Käse und dem Gefühl, gerade in dunkle pädagogische Machenschaften verwickelt zu sein.

Dabei lernen Hunde nun einmal so.

Sie lernen, was sich lohnt.
Was Erfolg hat.
Was Sicherheit bringt.
Was sich wiederholt.
Wobei es Huhn gibt.

Enjah hat auf Futter ungefähr so reagiert, wie andere Menschen auf gute Nachrichten und ein geregeltes Einkommen.

Mit ehrlicher Bereitschaft zur Zusammenarbeit.

Flusen ist da differenzierter.

Er nimmt Futter mit der Würde eines Mannes entgegen, der längst weiß, dass er auch ohne Bonus strukturell überlegen wäre.

Aber auch er lernt über Konsequenzen.
Über Verstärkung.
Über das, was sinnvoll und wirksam ist.

Was genau soll daran schlecht sein.

Hunde lernen nicht an unseren edlen Idealen vorbei direkt aus dem Nichts.

Sie lernen an Folgen.

Das tun wir doch auch.

Wir gehen ja ebenfalls nicht morgens aus reinem Charakter zur Arbeit.

Ich glaube, wir hängen an diesem Mythos fest, weil wir gern glauben möchten, echte Beziehung müsse ohne Bezahlung auskommen.

Als wäre ein mit Käse verstärktes Sitz weniger würdevoll als ein mit Lob verstärktes.

Dabei ist Lob bei vielen Menschen auch nur emotionales Futter in schön.

Mythos 4: Hunde sind eifersüchtig

Ja gut.

Es sieht manchmal verflucht so aus.

Ich kraule Flusen und Enjah taucht auf wie eine sehr kleine Anwältin für Gleichbehandlung.

Oder Enjah liegt bei mir und Flusen stellt sich mit diesem Blick daneben, der irgendwo zwischen Würde und Amtsbeschwerde schwebt.

Und trotzdem glaube ich nicht, dass das im menschlichen Sinn Eifersucht ist.

Es geht viel häufiger um Ressourcen.

Um Nähe.
Um Zugang.
Um Kontakt.
Um Gewohnheiten.
Um die Frage, wer gerade am wichtigen Ort liegt, nämlich an mir.

Das ist weniger große Oper und mehr hochsensible Sitzordnung.

Wir lieben den Eifersuchts Mythos, weil er Hunde romantisiert.

Dann wird aus Platzmanagement sofort Liebe mit Konfliktpotenzial.

Das hat mehr Glanz.

Weniger Wahrheit vielleicht, aber sehr viel mehr Kino.

Mythos 5: Ein Hund muss dreimal am Tag spazieren gehen

Dieser Mythos wird gern so vorgetragen, als hätte ihn jemand in Stein gemeißelt, vermutlich auf einer Tafel, die Mose beim Abstieg noch schnell mit Hunderegeln ergänzt hat.

Dreimal.

Morgens, mittags, abends.

Sonst kommt der Hund emotional vom rechten Weg ab.

Nur leider kennt das Leben weder Flusen noch Enjah in festen Tabellen.

Es gibt Tage, da wollen beide viel.
Raus.
Laufen.
Riechen.
Welt.

Und es gibt Tage, da ist Flusen nach einem Termin innerlich satt und Enjah nach zehn klugen Minuten im Kopf deutlich voller als nach einer Stunde Marsch im Regen.

Es gibt Tage, da reicht weniger.

Und Tage, da braucht es mehr.

Nicht aus Prinzip.
Sondern aus Tagesform.
Alter.
Nervensystem.
Wetter.
Leben.

Ich glaube, wir halten an diesem Mythos fest, weil Zahlen beruhigen.

Dreimal klingt nach guter Haltung.

Nach Sicherheit.
Nach man kann nichts falsch machen, wenn man nur Striche macht.

Leider, oder zum Glück, sind Hunde keine Zimmerpflanzen mit Gießplan.

Was am Ende bleibt

Das Ärgerliche ist ja, dass ich all diese Mythen beim Schreiben zerlege und ihnen im Alltag trotzdem immer wieder kurz auf den Leim gehe.

Weil sie so schön einfach sind.

Weil sie Ordnung versprechen, wo in Wahrheit Beziehung ist.

Und Beziehung ist selten sauber.

Sie ist eher Flusen, der mit einem Blick mehr sagt als manche Fachbücher.

Und Enjah, die in drei Minuten sechs Theorien widerlegt und dabei aussieht, als hätte sie es rein aus Charme getan.

Vielleicht stimmt am Ende weder das eine noch das andere ganz.

Vielleicht ist vieles davon nur eine Vermutung mit Leine.

Ein Versuch, etwas Lebendiges in Sprache zu sperren, damit wir uns weniger ausgeliefert fühlen.

Und dann sitzen hier zwei Hunde.

Der eine still wie ein gut gehütetes Geheimnis.

Die andere wie ein flauschiger Einwand mit Herzrasen.

Und beide erinnern mich täglich daran, dass die Hund Mensch Beziehung wahrscheinlich nicht daran scheitert, dass wir zu wenig wissen.

Sondern daran, dass wir zu schnell so tun, als wüssten wir etwas ganz genau.