Tag 108: Die Entscheidung ist gefallen
Gestern in der Klinik, zwischen Stationsflur und diesem Licht, das immer so aussieht, als hätte es selber Gesprächsbedarf, ist die Entscheidung gefallen.
Flusen darf das nächste Mal wieder mit.
Und Enjah soll auch Therapiehund werden.
Ich habe der Trainerin schon geschrieben. Es wird ein Vorstellungsgespräch geben.
Die Checkliste
Seit ich weiß, dass sie sich vorstellen muss, läuft in meinem Kopf eine Checkliste.
Nicht offiziell natürlich.
Eher so eine innere Liste, auf der Flusen schon mit Füller und ordentlicher Handschrift steht, während Enjah ihren Namen in Glitzer darübergekritzelt hat.
Impulskontrolle.
Wenn draußen ein Blatt falsch abbiegt, ist Enjah für einen kurzen Moment wieder reine Idee und sehr wenig Form.
Frustrationstoleranz.
Wenn etwas nicht sofort klappt, schaut sie erst die Tür an, dann mich, dann noch einmal die Tür, als sei irgendwo ein Beschwerdemanagement versteckt, das endlich seine Arbeit tun soll.
Geräuschfestigkeit.
Ein metallisches Klappern in der Küche und Enjah sitzt da, als hätte jemand eben den Beginn einer Apokalypse eingeläutet.
Sich anfassen lassen.
Das wiederum kann sie erstaunlich gut. Pfoten, Ohren, Bauch, Rücken, Fell, alles kein Problem. Sie hat dabei oft den Ausdruck einer reichen Erbin im Wellnesshotel, die den Service als angemessen betrachtet.
Grenzen zeigen.
Wenn ihr etwas zu viel wird, kippt sie nicht heldenhaft in sich zusammen. Sie geht weg. Sie schaut. Sie entzieht sich. Das ist nicht spektakulär, aber sehr anständig. Ich mag das an ihr.
Hilfe suchen.
Wenn sie nicht weiterweiß, kommt sie nicht auf die Idee, die Weltherrschaft allein zu übernehmen. Sie kommt zu mir. Mit diesem Blick, der irgendwo zwischen Fragezeichen und Vertrauensvorschuss hängt.
Blickkontakt.
Wichtig. Wirklich wichtig.
Und Enjah kann das. Nicht immer staatsmännisch, eher in kleinen, hellen Stößen. Aber sie schaut mich an, oft mitten aus dem Trubel heraus, als würde sie kurz prüfen, ob wir noch dieselbe Geschichte erzählen.
Orientierung am Menschen.
Da ist sie fast rührend eindeutig. Wo ich bin, ist für Enjah der Mittelpunkt der Lage. Nicht aus Unterwürfigkeit. Eher wie ein inneres GPS mit leicht romantischer Störung.
Ruhe halten.
Sagen wir so: Sie findet das Konzept interessant. In der Theorie. Praktisch liegt sie still da und man sieht am ganzen Hund, wie innen jemand mit Topfdeckeln durch die Küche rennt.
Freundlichkeit.
Die besitzt sie in einem Ausmaß, das fast unvernünftig ist. Enjah geht auf Menschen nicht zu, als wolle sie glänzen. Sie geht auf sie zu, als hätte sie beschlossen, dass niemand heute allein sein muss.
Sich nicht von allem aus der Bahn werfen lassen.
Hier haben wir noch Entwicklungspotenzial. Enjah ist manchmal schon erschüttert, wenn das Leben nur die Serviette anders faltet als erwartet.
Sich führen lassen.
Ja. Und nein. Und ja.
Sie folgt gut, solange sie nicht gleichzeitig eine bessere Idee hat. Leider hat sie ungefähr alle zwölf Minuten eine bessere Idee.
Das kleine Problem mit dem Selbstbild
Das eigentlich Rührende ist, dass Enjah diese Checkliste vermutlich ganz anders ausfüllen würde.
Impulskontrolle hervorragend.
Frustrationstoleranz stark.
Geräuschfestigkeit heldenhaft.
Blickkontakt exzellent.
Besondere Eignung offensichtlich.
Da liegt zwischen Selbstbild und Fremdbild ungefähr ein mittleres Naturschutzgebiet.
Enjah hält sich, so mein Eindruck, bereits für eine Art leitende Obertherapeutin mit Schwerpunkt Herzangelegenheiten und gelegentlichen Sprints über Flure.
Die Realität sieht etwas weniger befördert aus.
Eher Praktikantin mit großem Herzen, null Understatement und einer Tendenz, in entscheidenden Momenten noch kurz zu prüfen, ob man nicht doch irgendwo hüpfen könnte.
Was nirgends auf der Liste steht
Und dann gibt es diese Punkte, die auf keiner Checkliste ordentlich aussehen und am Ende vielleicht doch alles sind.
Enjah kann Menschen auf eine Weise ansehen, die mich manchmal selber aus dem Konzept bringt.
Nicht, weil sie schon alles könnte.
Sondern weil sie nichts vorspielt.
Bei Flusen ist es oft diese ruhige, tiefe Würde, die einen sofort an etwas Sicheres glauben lässt.
Bei Enjah ist es etwas anderes.
Sie kommt mit ihrem ganzen offenen Herzen. Ein bisschen zu schnell, ein bisschen zu hell, manchmal noch mit dem Charme einer Hündin, die ihre Bewerbungsmappe in der U Bahn vergessen hätte. Aber darunter ist so viel Lauterkeit, dass es einen kalt erwischt.
Sie will nicht wichtig wirken.
Sie will dazugehören.
Sie will mit hinein in diesen stillen Raum, in dem Hunde nicht einfach nur Hunde sind, sondern Brücken aus Fell, Wärme, Blickkontakt und Liebe.
Und vielleicht ist genau das ihr schönster Punkt.
Dass sie noch längst nicht fertig ist.
Dass sie an der Checkliste wahrscheinlich grandios scheitern und gleichzeitig jeden Raum ein kleines bisschen menschlicher machen würde.
Dass sie noch weit entfernt ist von Flusens abgeklärter Therapiehund Würde.
Und trotzdem schon etwas hat, das man nicht trainieren kann.
Dieses Herz.
Dieses unverschämt weiche, helle Herz, das immer schon bei anderen ist.