Tag 106 und 107: Das schöne Wort

Es gibt Wörter, die klingen so schön, dass man sie kaum noch anfassen darf.

Augenhöhe ist so ein Wort.

Warm.
Rund.
Sozialverträglich.
Fast schon in Bioqualität verpackt.

Und gleichzeitig merke ich immer öfter, dass es in Teams, in Gruppen, in Projektgruppen und überhaupt überall dort, wo Menschen gemeinsam etwas zustande bringen sollen, eine seltsame Karriere gemacht hat.

Augenhöhe wird oft wie ein Schutzschild benutzt.
Gegen Spannung.
Gegen Kränkung.
Gegen Unterschied.
Gegen Realität.

Ich höre dann sinngemäß:
Bitte gib mir Rückmeldung, aber so, dass ich mich dabei kompetent fühle.
Bitte sag mir, dass etwas nicht gut ist, aber so, dass ich nicht spüren muss, dass es wirklich nicht gut ist.
Bitte bleib auf Augenhöhe, auch wenn du gerade etwas siehst, was ich nicht sehe, oder etwas kannst, was ich noch nicht kann.

Und da beginnt in mir regelmäßig ein innerliches Stirnrunzeln.

Denn was heißt das eigentlich.

Der Unterschied, über den niemand gern spricht

Wie soll ich auf Augenhöhe sagen:
Dieses Ergebnis reicht für unseren Qualitätsanspruch nicht aus.

Wie soll ich auf Augenhöhe sagen:
So wie das hier gerade gemacht wurde, ist es im schlimmsten Fall geschäftsschädigend.

Wie soll ich auf Augenhöhe sprechen, wenn die Sache selbst gerade nicht auf Augenhöhe ist.

Das ist ja der Punkt, über den erstaunlich ungern gesprochen wird.

Menschen sind nicht in jeder Situation auf demselben Kompetenzniveau.
Nicht im Denken.
Nicht im Handwerk.
Nicht in der Verantwortung.
Nicht in der Fähigkeit, Folgen abzuschätzen.

Und das ist nichts Gemeines.

Das ist einfach Leben.

Ich bin ja auch nicht beleidigt, wenn ich mich von einer Herzchirurgin nicht auf Augenhöhe operiert fühle.
Im Gegenteil.
Ich hoffe sehr, dass sie mehr weiß als ich.
Ich möchte in dem Moment wirklich keine demokratische Wundöffnung.

Aber sobald es um Kommunikation geht, tun wir oft so, als sei jeder Unterschied schon ein Übergriff.

Als wäre jede klare Rückmeldung automatisch eine Demütigung.
Als würde Kritik die Würde verletzen und nicht vielleicht einfach nur einen Fehler benennen.

Und dann passiert etwas Merkwürdiges.

Wir verwechseln Augenhöhe mit Gleichstand.

Was Augenhöhe für mich eher ist

Augenhöhe heißt für mich nicht, dass wir identisch kompetent sind.
Nicht, dass wir gleich viel wissen.
Nicht, dass jeder Beitrag dieselbe Qualität hat.

Augenhöhe heißt für mich eher:
Ich entwürdige dich nicht, während ich den Unterschied benenne.

Ich mache dich nicht klein, um klar zu sein.

Ich sage nicht:
Du bist falsch.

Ich sage:
Das Ergebnis ist nicht tragfähig.

Ich sage:
So geht es nicht.

Ich sage:
Da fehlt etwas.

Ich sage:
An dieser Stelle brauchst du Entwicklung.

Und ja, natürlich kratzt das manchmal an etwas.
An Stolz.
An Selbstbild.
An der sehr menschlichen Hoffnung, schon fertig zu sein, obwohl man innerlich noch die Anleitung falsch herum hält.

Vielleicht ist genau das das Problem.

Wir wollen in Teams oft die Sprache der Reife sprechen, ohne die Reibung der Reife auszuhalten.

Wir möchten Feedbackkultur.
Aber bitte ohne Scham.
Ohne Trotz.
Ohne den bitteren Beigeschmack, dass jemand anderes gerade mehr Überblick hat als wir selbst.

Dabei ist Entwicklung doch fast nie ein freundliches Wattebad.

Entwicklung hat ja oft diesen Moment von:
Ach so.
Ich kann es doch noch nicht so gut, wie ich dachte.

Nicht glamourös.
Nicht LinkedIn tauglich.
Eher innerlich barfuß auf Legosteinen.

Ein kurzer Blick zu Enjah und Flusen

Und genau an dieser Stelle muss ich dann doch an Enjah und Flusen denken.

Nicht romantisch.
Eher lehrreich auf diese unangenehm ehrliche Art, in der Hunde manchmal bessere Organisationsberater sind als Menschen mit Moderationskarten.

Enjah wusste am Anfang schlicht noch nicht, wie fein man Grenzen liest.
Sie war voller Impuls, voller Energie und manchmal ungefähr so subtil wie ein Presslufthammer im Treppenhaus.

Flusen dagegen konnte längst mehr.
Er konnte Signale klarer setzen, Timing besser lesen und Grenzen eindeutiger halten.

Und er hat nicht so getan, als seien beide schon auf demselben Kommunikationsniveau, nur damit sich niemand schlecht fühlt.

Er war deutlich.
Manchmal sehr deutlich.

Nicht, um Enjah klein zu machen, sondern damit sie überhaupt lernen konnte, was zu viel ist, wo ein Stopp beginnt und wie Beziehung nicht nur aus eigenem Drang besteht.

Erst durch diese Klarheit konnte sie nach und nach feiner werden.
Und erst als sie mehr verstanden hatte, entstand etwas, das man tatsächlich Augenhöhe nennen könnte.

Nicht am Anfang.
Als Folge.

Was wir in Teams vielleicht eigentlich versuchen

Vielleicht versuchen wir in Teams oft, genau diesen Zwischenraum zu überspringen.

Wir wollen sofort Augenhöhe herstellen, wo eigentlich erst einmal Orientierung nötig wäre.

Wir nennen jede Hierarchie toxisch, auch wenn sie gerade einfach ein Kompetenzgefälle beschreibt.

Wir haben Angst, dass Führung abwertet.
Dabei ist Führung im besten Fall genau das, was Entwicklung überhaupt erst möglich macht.

Nicht Herrschaft.
Nicht Ego.
Nicht Machtdemonstration.

Sondern die Fähigkeit, einen Unterschied tragen zu können, ohne den anderen zu erniedrigen.

Ich glaube, genau das versuchen wir in guten Teams zu erreichen.

Nicht eine künstliche Gleichheit, in der keiner mehr sagen darf, was nicht funktioniert.

Sondern einen Raum, in dem Unterschied nicht beschämt, sondern bearbeitet wird.

Einen Raum, in dem ich sagen kann:
Das ist nicht ausreichend.

Und der andere hört idealerweise nicht:
Du bist ungenügend als Mensch.

Sondern:
Hier ist noch Strecke.

Vielleicht ist Augenhöhe ein Ergebnis

Was für eine Zumutung eigentlich.
Und was für eine Reifeleistung.

Denn dafür müssen beide etwas können.

Die eine Person muss klar sprechen können, ohne sich an Überlegenheit zu berauschen.

Die andere muss Kritik hören können, ohne sofort die eigene Identität in Trümmern zu sehen.

Das ist vielleicht die eigentliche Augenhöhe.

Nicht gleicher Stand.

Sondern gemeinsame Fähigkeit, Unterschied auszuhalten.

Vielleicht ist Augenhöhe gar kein Ausgangspunkt.

Vielleicht ist es ein Ergebnis.

Etwas, das entsteht, nachdem man eine Weile nicht auf Augenhöhe war, sondern im Lernen, im Ringen, im Korrigiertwerden, im Korrigieren, im Missverstehen, im Nachreifen.

Wir wollen wachsen, aber uns dabei nicht klein fühlen.
Wir wollen Rückmeldung, aber bitte ohne Schmerz.
Wir wollen Qualität, aber ohne Zumutung.
Wir wollen Augenhöhe, aber nicht den Weg dorthin.

Und der Weg dorthin ist selten bequem.

Eher ein paar ehrliche Kollisionen.
Ein paar klare Grenzen.
Ein paar Momente, in denen man merkt:
Ah.
Ich bin noch nicht dort.
Aber ich könnte es werden.

Und vielleicht ist das die freundlichste Form von Nicht Augenhöhe, die es gibt.