Tag 104 und der große Horrorszenario Abgleich
Als wir Enjah geholt haben, war das nicht nur ein Welpenkauf. Es war eine gesellschaftliche Veranstaltung.
Alle hatten Warnungen dabei, als würden sie mir am Gartentor Schutzhelme und Taschenlampen aushändigen.
Zweiter Hund, sagten sie.
Welpe, sagten sie.
Flusen ist dreieinhalb, sagten sie, und schauten mich an, als hätte ich gerade beschlossen, in eine aktive Waschmaschine zu ziehen.
Heute ist Tag 104.
Zeit, die Horrorgeschichten einmal auszupacken und zu prüfen, was daraus geworden ist.
Spoiler, es ist schlimmer und schöner zugleich.
Schlimmer fürs Nervensystem.
Schöner fürs Herz, das jetzt ständig irgendwo zwischen Lachen und Oh nein und Ach guck mal hängt.
Horror eins und die Zerstörung der Ordnung
Alle sagten, ab jetzt wäre mein Zuhause ein permanent laufender Tornado mit Fell, der Möbel nicht umwirft, sondern demütigt.
Passiert ist, dass Enjah Dinge immer noch für eine Art interaktives Theater hält. Aber Flusen sitzt daneben, als wäre er der Hausmeister der Realität. Er guckt nur kurz, und plötzlich liegt Enjah auf ihrer Decke, als hätte sie das Konzept Decke erfunden.
Flusen macht Decke seit Enjah da ist so perfekt, dass ich manchmal denke, er übt heimlich für eine Prüfung. Oder für die neue Version von sich selbst.
Horror zwei und das schlechte Benehmen färbt ab
Alle sagten, ein Welpe lernt nur Quatsch.
Passiert ist, dass Enjah sich vor allem das kopiert, was sie beeindruckt.
Enten zum Beispiel.
Flusen geht entspannt an Enten vorbei wie ein Mensch an einem Schaufenster, das ihn nicht betrifft. Enjah guckt ihn dabei an, als hätte er gerade eine physikalische Regel gebrochen.
Dann guckt sie die Enten an, guckt wieder Flusen an, und ich sehe richtig, wie ihr Gehirn die neue Software installiert.
Aha.
Enten sind nur Deko.
Cool bleiben.
Und dann sieht sie eine Hummel und entscheidet sich, dass Flusen schlicht keine Ahnung hat. Hummeln sind nämlich unfassbar cool. Punkt. Da braucht es keinen Leader, da braucht es Leidenschaft.
Horror drei und das große Pöbel Duett
Alle sagten, der zweite Hund macht den ersten schlimmer.
Passiert ist, dass Flusen reicht, wenn die Nachbarskatze irgendwann mal auf dem Grundstück war. Der Geruch allein ist für ihn ein ganzer Film, inklusive Abspann und Rage.
Dann lasse ich beide in den Garten und Flusen läuft pöbelnd den Zaun entlang wie ein Security Mann, der jeden Busch persönlich kontrolliert.
Enjah versteht kein Wort vom Inhalt.
Sie versteht nur den Vibe.
Und macht mit.
Sie läuft hinterher, als wäre das eine Party, bei der man nicht weiß, warum gefeiert wird, aber die Getränke sind gut und alle schreien.
Neulich war sie sogar mit der Katze im Garten und fand es völlig okay.
Flusen hingegen riecht einen Katzenatom und hält eine Grundsatzrede mit seiner Stimme.
Horror vier und die Hundebegegnungen werden Chaos
Alle sagten, draußen wird es unmöglich.
Passiert ist, dass Enjah bei Hundebegegnungen Flusen anguckt wie eine Praktikantin, die lernen will, wie man professionell reagiert.
Er macht irgendwas.
Sie übernimmt es.
Manchmal wirkt das, als würde sie seine Mimik nachsynchronisieren.
Und manchmal wirkt es, als wäre sie ein kleines Echo mit Pfoten.
Ich sehe sie gucken, abgleichen, nachmachen.
Und ich muss mich zusammenreißen, weil ich sonst mitten auf dem Gehweg laut lache und aussehe wie jemand, der eine sehr private Comedy Show besucht.
Horror fünf und der Ältere wird eifersüchtig
Alle sagten, Flusen wird leiden.
Passiert ist, dass Flusen nie zugeben würde, dass er froh ist.
Aber ich sehe es.
Es ist in diesen Mini Sekunden, wenn er denkt, keiner schaut.
Wie er sich ein bisschen mehr aufrichtet, wenn Enjah ihn ansieht.
Wie er plötzlich Dinge ernst nimmt, die er früher nur halb ernst nahm.
Als wäre er jetzt nicht nur Hund, sondern auch Programm.
Flusen als Vorbild.
Flusen als Konzept.
Und er tut so, als wäre das alles Zufall.
Horror sechs und keiner kann mehr alleine bleiben
Alle sagten, jetzt ist alles vorbei, ihr seid gefangen.
Passiert ist, dass Flusen alleine bleiben kann wie ein Profi, der die Türverhältnisse akzeptiert, auch wenn er innerlich natürlich eine Meinung hat.
Und Enjah ist, wenn Flusen da ist, wirklich entspannt.
Es ist, als hätte Flusen eine eingebaute Decke aus Normalität, die sie sich über die Schultern zieht.
Sie tut dann so, als wäre es völlig okay.
Als wäre sie schon immer so gewesen.
Als wäre sie die Sorte Hund, die alleine bleiben nicht mal buchstabieren müsste.
Ich kenne sie.
Ich weiß, wie tapfer sie sich dabei macht.
Und es macht mich weich.
Horror sieben und die Begrüßung eskaliert zur Raumfahrt
Alle sagten, du kommst nie wieder rein, ohne dass es eine Explosion gibt.
Passiert ist, dass Flusen sich maximal freut, wenn wir nach Hause kommen.
So maximal, dass die Luft kurz wackelt.
Und Enjah hat gelernt, dass man Freude offenbar so macht.
In die Luft springen.
Ah okay.
So muss man sich freuen.
Jetzt begrüßen sie mich manchmal, als wäre ich nicht vom Bäcker, sondern von einer Expedition zum Mond zurück.
Ich bin das Raumfahrtprogramm und habe nur Brötchen dabei.
Horror acht und der Welpe respektiert nichts
Alle sagten, der Welpe wird Grenzen ignorieren.
Passiert ist, dass Enjah inzwischen weiß, was Zähne fletschen bedeutet.
Flusen sagt damit nicht ich bin böse.
Er sagt ich will das nicht.
Und Enjah hat das gelernt wie eine neue Sprache.
Abstand.
Okay.
Und manchmal flirtet sie kurz an der Grenze entlang, so ein winziges antanzen, nur um zu prüfen, ob das Gesetz wirklich gilt.
Manchmal lässt er es dann doch zu, dass ich ihr das Ding wegnehme, das er gerade hat.
Außer bei Futter.
Bei Futter ist Flusen plötzlich eine Festung mit Schildkrötenpanzer und Bundeswehr Disziplin.
Da gibt es keine Verhandlungen, nur Zuständigkeit.
Horror neun und die Leine bleibt eine Katastrophe
Alle sagten, zwei Hunde, zwei Leinen, das wird ein Zirkus.
Passiert ist etwas Unverschämt Schönes.
Flusen läuft seit ungefähr zwei Monaten perfekt an der Leine, wenn nichts Aufregendes da ist.
Vor Enjah war das eher so, als hätte ich einen Drachen am Band.
Jetzt läuft er wie ein Gentleman, als hätte er plötzlich verstanden, dass die Welt auch ohne Ziehen existiert.
Bei Rehen muss er noch kurz daran erinnern, dass er Gefühle hat.
Aber sonst.
Flusen.
Leinenführig.
Ich sage das manchmal laut, nur um es selbst zu hören.
Horror zehn und der Welpe wird zur Kopiermaschine
Alle sagten, der Welpe macht alles nach, und zwar das Falsche.
Passiert ist, ja.
Sie kopiert.
Sie guckt.
Sie übernimmt.
Sie macht.
Und es ist manchmal, als hätte ich einen kleinen Spiegel dabei, der zeigt, wie sehr Flusen eigentlich wirkt.
Wie sehr er Welt erklärt, ohne ein Wort zu sagen.
Enjah lernt nicht nur Kommandos, sie lernt Haltung.
Und dann erfindet sie ihre eigenen Regeln dazu, weil sie Enjah ist und nicht eine Flusen Kopie mit kleinerem Format.
Horror elf und alles wird laut, immer
Alle sagten, es wird ein Dauergeräusch.
Passiert ist, dass es ruhiger ist als erwartet.
Nicht weil sie brav sind.
Sondern weil sie sich gegenseitig regulieren, wie zwei Instrumente, die manchmal schief sind, aber zusammen plötzlich Musik machen.
Dann wieder.
Dann sind sie ein Orchester aus Quatsch.
Das ist auch Musik.
Nur eher Punk.
Horror zwölf und ich verliere den Überblick
Alle sagten, ich werde nur noch reagieren, nie mehr führen.
Passiert ist, dass ich oft daneben stehe und denke, ach so, so läuft das jetzt.
Wie bei einem System Update, das nachts passiert ist.
Ich lerne ihre Regeln mit.
Ich bin Teil des Lernprozesses.
Ich bin nicht mehr die alleinige Regisseurin, eher die, die das Licht hält, während zwei Schauspieler improvisieren.
Und ich liebe es.
Meistens.
Horror dreizehn und der Welpe wird zum Anti Flusen
Alle sagten, die passen vielleicht nicht zusammen.
Passiert ist, dass sie sich geradezu aneinander kalibrieren.
Flusen zeigt Enten.
Enjah sortiert Enten aus.
Flusen sagt Gartenkatze ist Weltuntergang.
Enjah sagt okay, wenn das dein Film ist, spiele ich kurz mit.
Flusen zeigt Grenzen.
Enjah lernt Grenzen und testet sie mit Charme.
Das ist wie ein Tanz, nur mit mehr Dreck und weniger Würde.
Horror vierzehn und die Spaziergänge werden langweilig
Alle sagten, du gehst nur noch dieselbe Strecke, weil du überlebst.
Passiert ist, dass ich mich draußen manchmal fühle wie eine Moderatorin bei einer Natur Doku.
Hier sehen wir Flusen, wie er Enten ignoriert.
Hier sehen wir Enjah, wie sie versucht, Schmetterlinge in eine Religion zu verwandeln.
Hier sehen wir beide, wie sie völlig selbstverständlich aus einem Geruch eine Meinung machen.
Langweilig ist anders.
Horror fünfzehn und ich werde zum Schiedsrichter
Alle sagten, ich werde nur noch trennen und schlichten.
Passiert ist, dass ich erstaunlich oft einfach zuschaue.
Weil sie so viel untereinander klären.
Weil Flusen so viel kommuniziert, ohne Drama zu produzieren.
Und weil Enjah so viel annimmt, ohne sich klein zu machen.
Sie ist nicht angepasst.
Sie ist aufmerksam.
Das ist ein Unterschied, den man hören kann, wenn sie atmet.
Horror sechzehn und niemand wird mehr ich selbst sein
Alle sagten, der Erste verändert sich, der Zweite auch, und du erkennst keinen wieder.
Passiert ist, dass Flusen tatsächlich anders ist.
Er ist wacher.
Präsenter.
Manchmal wirkt er wie ein älterer Bruder, der plötzlich merkt, dass er Vorbild ist, und sich kurz die Haare richtet.
Und Enjah wird dadurch nicht weniger Enjah.
Sie wird nur Enjah mit Kontext.
Enjah mit Rudel.
Enjah mit Blick nach links, ob Flusen gerade nickt.
Horror siebzehn und die Hormone machen alles kaputt
Alle sagten, warte ab, wenn sie das erste Mal läufig wird.
Passiert ist, noch ist es ein Zukunftsfilm.
Ich sehe ihn schon als Trailer.
Vielleicht müssen wir trennen.
Vielleicht wird Flusen zu aufdringlich.
Vielleicht will Enjah keine Nähe.
Vielleicht wird aus Rudel plötzlich bitte Abstand.
Ich habe keine Ahnung.
Ich habe nur das Gefühl, dass sie das auch irgendwie miteinander verhandeln werden.
Und dass ich dabei wahrscheinlich aussehe, als würde ich versuchen, ein Gewitter zu moderieren.
Horror achtzehn und ich verliere meinen Platz
Alle sagten, zwei Hunde, weniger Mensch.
Passiert ist, dass ich mehr Mensch geworden bin.
Weicher.
Wachsamer.
Lachender.
Ich bin die, die sieht, wie sich zwei Wesen gegenseitig beim Wachsen beobachten.
Und ich darf das miterleben, wie man sonst nur sehr gute Serien schaut, nur dass die Figuren hier nach Gras riechen und manchmal mit dem Zaun diskutieren.
Horror neunzehn und der Ältere wird nur noch genervt
Alle sagten, Flusen wird irgendwann sagen, lass mich in Ruhe.
Passiert ist, dass er es sagt.
Mit Zähnen.
Mit Blick.
Mit Körper.
Und Enjah versteht.
Sie respektiert es.
Meistens.
Und manchmal versucht sie es trotzdem nochmal, ganz kurz, mit diesem charmanten ich bin doch klein Blick.
Und manchmal lässt er sich erweichen.
Ich sehe dann, wie er sich selbst dabei ertappt, dass er sie eigentlich mag.
Und er tut sofort wieder so, als wäre das nicht passiert.
Flusen würde seine Freude lieber in den Garten vergraben, als sie offen zu zeigen.
Aber der Boden ist schon voll.
Man sieht es ihm an.
Horror zwanzig und am Ende bereust du es
Alle sagten, du wirst es bereuen.
Passiert ist, ich bereue nichts.
Ich bin müde.
Ich bin manchmal überfordert.
Ich bin manchmal so sehr gerührt, dass ich plötzlich kichern muss, weil ich sonst heulen würde.
Zwei Hunde sind nicht doppelte Arbeit.
Zwei Hunde sind ein neues Universum.
Mit eigenen Regeln, eigener Physik und dieser absurden Schönheit, wenn einer den anderen anschaut und denkt, ah okay.
So macht man das also.
Und selbst wenn Flusen es nie sagen würde.
Er ist froh.
Man merkt es von Tag zu Tag mehr.
Nicht in Worten.
In diesen kleinen, unverschämten Momenten, in denen er sich ein bisschen größer fühlt, weil Enjah da ist.
Und Enjah.
Enjah wird gerade zu der Hündin, die sie sowieso schon war.
Nur jetzt nicht mehr allein.
Und irgendwie ist es erst mit Enjah passiert, dass wir vier plötzlich wirklich ein Rudel geworden sind.
Flusen, Enjah, Annette und ich.
Vier Köpfe, ein Herzschlag.
Sehr liebevoll, ziemlich verrückt, komplett eigen und so stimmig.