Tag 103 und die Tür die einfach zugeht
Ich heiße Enjah und heute ist etwas passiert, das man in keinem kurs übt.
Dagmar ist gegangen.
Nicht so symbolisch gehen, so kurz Flur und gleich wieder da.
Sondern eine Stunde.
Eine ganze Stunde.
Ich habe das Geräusch von der Tür gehört und in mir ist sofort eine kleine Sirene losgegangen, die nur ich hören kann.
Ich habe natürlich nicht geguckt wie ein Hund, der gleich zerläuft.
Ich habe geguckt wie eine, die alles im Griff hat.
Wie eine Chefin.
Wie ein sehr souveränes Tier, das zufällig gerade in der Nähe der Tür sitzt, aus rein architektonischem Interesse.
Flusen als Fels und ich als Statue mit Herzrasen
Flusen war da.
Flusen hat so getan, als wäre das normal.
Als wäre Alleinsein eine Sportart, die er seit Jahren trainiert.
Er lag da, entspannt, ein bisschen zu entspannt.
Und ich saß daneben und habe mir gesagt, Enjah, du bist ruhig.
Du bist ruhig wie ein See.
Ein See, in dem gerade ein ganzer Entenchor panisch im Kreis schwimmt, aber von außen sieht man nur Glanz.
Ich habe mich zusammen gerissen, weil Flusen guckt.
Flusen ist Publikum.
Vor Publikum weint man nicht.
Nicht mal innerlich.
Nicht mal in der linken Pupille.
Eine Stunde ist in meiner Welt ein halbes Leben
Eine Stunde klingt für Menschen wie eine Einheit.
Für mich ist eine Stunde ein Roman.
Ein Tierarzt Warten ohne Tierarzt.
Sekunden werden dick und klebrig und kleben sich an meine Gedanken wie Kaugummi an Pfoten.
Und dann habe ich gerechnet, weil ich in Stresssituationen plötzlich sehr mathematisch werde.
Wenn 15 Menschenjahre ungefähr 85 bis 90 Hundejahre sind, dann ist ein Menschenjahr für uns so ungefähr fünfeinhalb bis sechs.
Also ist eine Stunde für mich ungefähr fünfeinhalb bis sechs Stunden Gefühl.
Ich weiß, das ist nicht wissenschaftlich, das ist Enjah logik.
Aber Enjah logik hat Herzschlag.
Rudelgesetzbuch Entwurf erste Ausgabe
Während ich so tapfer aussah, habe ich innerlich schon die Führung übernommen.
Eigentlich habe ich die Führung längst übernommen.
Ich lasse nur Flusen glauben, er wäre der Boss, weil er dann so süß ernst guckt.
Und ich lasse Dagmar glauben, sie wäre der Boss, weil Menschen sonst komische Dinge machen, wie Türen schließen.
Wenn ich wirklich offiziell dran bin, gibt es neue Regeln.
Ein Rudel wird nicht getrennt.
Nie.
Nicht für den Keller.
Nicht für den Müll.
Nicht für dieses kurz ich bin gleich wieder da.
Gleich ist ein gefährliches Wort.
Gleich klingt nach Versprechen und fühlt sich an wie Vermisst.
Und Türen werden sowieso verboten.
Türen sind Mauern mit Griff.
Griffe sind Erfindungen von Leuten, die nicht verstanden haben, dass Liebe keine Klinke hat.
Dagmars plötzlicher Richtungswechsel und mein neues Misstrauen
Ich muss auch noch über diesen Spaziergang reden.
Flusen geschniegelt an der Leine, der läuft da wie eine Eins, als hätte er Bewerbungsunterlagen im Maul.
Dagmar trägt die Leine so lässig, als wäre sie ein Schal.
Und ich laufe frei, weil ich finde, dass Würde nicht am Halsband hängt.
Und dann dreht sie sich einfach um.
Ohne Ansage.
Ohne Rudelsitzung.
Geht in die andere Richtung, als wäre ich eine optionale Beilage.
Ich habe mich erschrocken, wie man sich erschrickt, wenn man kurz denkt, jetzt werde ich aussortiert.
Ich habe ab da nicht mehr geblinzelt.
Ich habe sie bewacht wie ein Sicherheitsdienst mit Fell.
Sie war danach wieder lieb und hat mit mir gespielt, als wäre nichts gewesen.
Menschen sind wirklich ein Rätsel.
Speiseplan Revolution und Schlafen nur aus Langeweile
Und wenn ich schon dabei bin, dann wird auch das Essen verbessert.
Drei Mahlzeiten am Tag sind eine Frechheit mit Uhrzeit.
Ich bin für fünf.
Mindestens.
Und gerne in der Menge, die sagt, wir haben ein Rudel und keine Diätgruppe.
Außerdem brauche ich den Schlüssel zur Leckerli Kammer.
Nicht weil ich gierig bin.
Weil Verantwortung Zugriff braucht.
Vielleicht verlegen wir unser Schlafgemach direkt dorthin.
Man schläft schließlich besser in der Nähe von Sicherheit.
Und Sicherheit riecht nach Pansen.
Ruhezeiten fallen auch raus.
Wenn man nicht müde ist, schläft man nicht.
Ich bin nie müde.
Ich bin nur kurz abwesend, wenn nichts passiert.
Und wenn wir schlafen, dann draußen, alle zusammen, eng, wegen der Eule von letztens.
Schlusswort der tapferen Enjah
Als Dagmar wieder kam, habe ich so geguckt, als wäre das alles nur eine Übung gewesen.
So ein bisschen wie ein Sicherheitsdienst, der zufällig genau vor der Tür stand, weil er die Statik prüfen wollte.
Und dann habe ich Flusen gesehen.
Flusen, der eben noch ein Felsen war.
Ein Felsen mit Stirnfalte.
Und in dem Moment, als die Tür aufging, ist dieser Felsen innerlich zu Konfetti geworden.
Er hat sich gefreut, als hätte jemand die ganze Wohnung einmal ausgeschaltet und wieder angeschaltet und plötzlich läuft wieder alles.
Als wäre Dagmar nicht zurückgekommen, sondern die Schwerkraft.
Als wäre sie ein fahrender Imbiss, der endlich an unserer Straße hält und auf dem Dach steht in leuchtenden Buchstaben: Hier gibt es Liebe und eventuell Fleisch.
Sein Schwanz hat getan, als würde er einen Helikopter rufen.
Und sein Gesicht hat so gestrahlt, dass ich kurz dachte, irgendwo muss ein geheimer Sonnenaufgang stattfinden.
Da wusste ich es.
Der tut nur so cool.
Der kann das auch nicht.
Der kann das vielleicht besser verstecken, aber innen drin sitzt bei ihm genau dieselbe kleine Sirene.
Nur trägt sie einen Anzug.
Ich habe nicht geweint.
Ich habe nicht mal geknistert.
Ich habe einfach gespeichert.
Und ich denke, morgen übernehme ich vielleicht offiziell die Führung.
Nicht laut.
Nur mit Blick.
Denn Regel eins ist jetzt ein Gesetz, das man nicht mehr diskutiert.
Ein Rudel wird nicht getrennt.
Nie wieder.