Tag 101

Es war ein Online Meeting. Unvorhergesehen einberufen, wie ein Kalendereintrag mit dem Charme eines anonymen Briefumschlags.

Ich sitze da, Kamera Gesicht an, innerlich schon auf Alarmstufe Teekanne, und merke nach zwei Minuten: Ich verstehe nichts. Also frage ich.

Was genau willst du mir sagen.

Was soll ich daraus mitnehmen.

Was ist der Punkt.

Dreimal.

Freundlich, klar, mit diesem Lächeln, das sagt: Ich bin offen für Inhalte, bitte liefern Sie Inhalte.

Das Meeting endet. Der Bildschirm wird schwarz.

Und in mir geht das Tatort Licht an.

Nicht gemütlich. Eher grell.

Als hätte jemand in meinem Kopf eine Leiche aus Andeutungen gefunden und sofort Absperrband gespannt.

Enjah steht im Türrahmen, still, gerade, wie Sicherheitsdienst in Fell. Flusen schiebt mir lautlos ein Spielzeug vor die Füße. Beweisstück A. Quietschender Fuchs. Das ist sein Beitrag zur Ermittlungsarbeit.

Dann kommt mein inneres Team rein, geschniegelt wie eine Krimi Truppe mit sehr schlechten Hobbys.

Der Sach Kommissar kniet auf dem Teppich und flüstert: Wortlaut. Zeitstempel. Betonung. Ich brauche Betonung.

Die Beziehungsspezialistin riecht an Pausen wie an Käse: Diese zwei Sekunden Stille waren kein Versehen, das war eine Botschaft mit Schimmelrand.

Der Appell Agent brüllt: Du sollst etwas tun. Was genau, egal. Hauptsache sofort.

Und der Selbstoffenbarungszeuge sitzt schon auf meinem Brustbein und sagt leise: Ich mag das nicht. Ich mag das nicht überhaupt nicht.

Ich sehe mich selbst im Kopfkino, wie ich das Meeting rückwärts abspiele, als wäre ich FBI und gleichzeitig die, die alles falsch verstanden hat. Mein Gehirn hängt rote Fäden zwischen Sätzen, die nicht mal Nägel sind.

Enjah guckt mich an, als würde sie sagen: Du willst aus Nebel einen Tatort machen. Kühn.

Flusen schüttelt den Fuchs, Quietsch, als wäre das ein Lügendetektor.

Und ich sitze da, inmitten meiner inneren Ermittler, und merke: Das Problem ist nicht nur das Unausgesprochene. Das Problem ist, dass mein Kopf jede Lücke als Einladung sieht, ein komplettes Musical daraus zu bauen.

Mit Blut.

Mit Geigen.

Mit Nebenrollen, die alle mich spielen.