Spazierfahrt statt Spaziergang
Enjah soll sich schonen.
Sechs Wochen möglichst wenig Bewegung.
Kein Toben.
Kein Rennen.
Also im Grunde ungefähr so, als würde man einem einjährigen Australian Shepherd sagen:
„Bitte stell für eine Weile das Hundsein ein.“
Enjah nimmt diese Empfehlung zur Kenntnis.
Und ignoriert sie mit bemerkenswerter Konsequenz.
Rennverbot für eine Rennsemmel
Sie rennt einfach unfassbar gern.
Nicht schnell.
Enjah läuft nicht schnell.
Enjah wird abgeschossen.
Wenn irgendwo drei Meter freie Fläche auftauchen, erkennt ihr Körper darin keine Fläche, sondern eine Startbahn.
Wir können natürlich begrenzen.
Aufpassen.
Bremsen.
Management betreiben.
Aber irgendwann stößt menschliche Vernunft auf Australian Shepherd.
Und dort endet bekanntlich die Zuständigkeit der Vernunft.
Also: Spazierfahrt
Heute Morgen haben wir deshalb etwas Neues ausprobiert.
Fahrrad.
Hundeanhänger.
Enjah hinein.
Flusen blieb zu Hause, denn Flusen kann Alleinbleiben inzwischen ungefähr so souverän wie andere Menschen Homeoffice.
Enjah dagegen saß im Anhänger und schaute zunächst so, als hätte man sie versehentlich in die mobile Business Class eingebucht.
Vorne Fenster.
Hinten Fenster.
Links Fenster.
Rechts Fenster.
Und oben auch noch Panorama.
Ich glaube, in ihrem Kopf lief ungefähr:
„Moment.
Ich muss NICHT laufen?
Und trotzdem bewegt sich die Welt?
Interessantes Konzept.“
Die rollende Aussichtsplattform
Und dann fuhren wir los.
Ich hatte mit Protest gerechnet.
Mit Empörung.
Mit einer kleinen parlamentarischen Anfrage aus dem Anhänger.
Vielleicht auch mit einem Misstrauensvotum.
Aber nichts.
Ein bisschen Unmut am Anfang.
Dann saß sie da.
Schaute.
Schnupperte.
Beobachtete.
Die Welt zog an ihr vorbei und Enjah sog offenbar jedes Blatt, jedes Geräusch und jeden vorbeifliegenden Grashalm direkt ins Gehirn.
Ihre persönliche Netflix Serie hieß:
Draußen. Staffel eins. Alles gleichzeitig.
Und sie war komplett gebannt.
Flusen hätte hierzu eine Stellungnahme
Bei Flusen war Fahrradanhänger immer eher eine Mischung aus Freiheitsberaubung und öffentlichem Protest.
Wir haben sehr langsam trainiert.
Sehr vorsichtig.
Sehr geduldig.
Das Ergebnis war trotzdem oft:
Bellen.
Aufregen.
Noch mehr bellen.
Existenzielle Empörung.
Und wehe, irgendwo tauchte ein Hund auf.
Dann war die Fahrt nicht mehr Fahrradtour, sondern akustisches Großereignis.
Heute begegneten wir ebenfalls einem Hund.
Ich spannte mich innerlich schon ein bisschen an.
Enjah schaute.
Der Hund schaute.
Ich wartete.
Nichts.
Kein Laut.
Nicht einmal ein kleines:
„HALLOOOO, WAS MACHST DU DA?“
Sie fuhr einfach weiter.
Ich hätte beinahe angehalten und ihr eine Urkunde überreicht.
Müde geguckt
Jetzt schläft sie.
Tief und zufrieden.
Man sagt ja, Aussies könne man auch durch Beobachten müde bekommen.
Ich habe das bisher für eine dieser wunderschönen Theorien gehalten, die irgendwo zwischen Fachwissen und Wunschdenken wohnen.
Aber offenbar stimmt es.
Zumindest bei Enjah.
Sie hat heute Morgen nicht Kilometer gemacht.
Sie hat Kilometer geguckt.
Und vielleicht ist genau das unsere Rettung für die nächsten Wochen.
Keine Spaziergänge.
Dann eben Spazierfahrten.
Enjah auf ihrer rollenden Aussichtsplattform.
Mit Panoramafenster.
Frischluft.
Entertainment.
Und Chauffeurservice.
Ganz ehrlich, verletzt sein bei uns hat inzwischen verdächtig viel von Wellnessurlaub.
Neue Wege
Ich bin jedenfalls ziemlich glücklich, dass wir diese Möglichkeit gefunden haben.
Sie kommt raus.
Sie ist dabei.
Sie sieht die Welt.
Und ihre Pfote darf trotzdem Pause machen.
Vielleicht ist das gerade unsere kleine Kunst.
Nicht alles stoppen zu können.
Aber neue Wege zu finden, auf denen trotzdem etwas weitergeht.
Oder eben weiterfährt.
Und falls sich jemand fragt, ob ich all diese Wortspiele wirklich allein aus dem Fahrradanhänger gezogen habe: Nein, ChatGPT hat beim Schreiben ein bisschen mitgetreten.