Wenn du lieber hörst

Sonntagsbericht einer schwer vernachlässigten Hündin

Ich möchte nicht dramatisieren.

Aber ich glaube, ich muss über meine Lebensumstände sprechen.

Heute Morgen musste ich bereits einen langen Jogginglauf absolvieren.

Danach gab es Frühstück.

Anschließend Ruhe.

Bis dahin dachte ich noch:

Gut.

Man kümmert sich.

Dann zerbrach die Familie

Annette fuhr weg.

Einfach so.

Ich blieb zurück.

Mit Dagmar.

Und Flusen.

Also praktisch Notbesetzung.

Zunächst habe ich versucht, Haltung zu bewahren.

Ich legte mich auf meinen Platz.

Eine Stunde.

Noch eine Stunde.

Irgendwann wurde mir klar:

Hier passiert nichts mehr.

Gar nichts.

Mein Leben war zum Stillstand gekommen.

Ich begann leise zu quengeln.

Nicht nervig.

Eher dokumentarisch.

„Hmmm.“

Keine Reaktion.

„Hmmmmmm.“

Dagmar arbeitete.

Arbeit.

An einem Sonntag.

Während ein junger Hund sichtbar verwelkt.

Endlich greift Flusen ein

Flusen lag zunächst herum.

Natürlich.

Der Mann hat inzwischen eine gewisse Lebenserfahrung mit menschlichem Versagen.

Irgendwann stand er auf.

Ging zu Dagmar.

Sah sie an.

Ich hörte ihn förmlich sagen:

„Also ich wollte mich eigentlich nicht einmischen.“

Pause.

„Aber das geht so nicht.“

Dagmar stand auf.

ENDLICH.

Sie holte Geschirr und Leine.

Ich war sofort erleichtert.

Der Rechtsstaat funktionierte noch.

Dann legte sie alles in den Flur

Und setzte sich wieder an den Computer.

Ich möchte diesen Satz noch einmal wirken lassen.

Sie.

Legte.

Leine.

Und Geschirr.

In den Flur.

Und arbeitete weiter.

EINE STUNDE.

Das ist keine Vorbereitung.

Das ist psychologische Kriegsführung.

Flusen sah die Leine an.

Dann mich.

Dann Dagmar.

„Anfängerfehler.“

„Was?“

„Du hast dich zu früh gefreut.“

„Aber die Leine liegt da.“

„Ja.“

„Dann gehen wir doch.“

Flusen seufzte.

„Du bist noch jung.“

Mein Sonntag

Ich möchte wirklich nicht undankbar wirken.

Ich hatte heute einen langen Lauf.

Frühstück.

Familienanschluss.

Ruhe.

Ein weiches Bett.

Flusen.

Dagmar.

Und offenbar steht sogar noch ein Spaziergang bevor.

Aber zwischen Leine rauslegen und tatsächlich losgehen können sehr dunkle sechzig Minuten liegen.

Darüber spricht nur niemand.

Deshalb tue ich es.

Für alle Hunde, die gerade irgendwo vor einem Geschirr liegen und nicht wissen, wann es endlich weitergeht.

Bleibt stark.

Ich muss Schluss machen.

Dagmar bewegt sich.

Vielleicht geht es los.

Oder sie holt nur Kaffee.

In diesem Haushalt weiß man nie.