Noch fünf Wochen Hundebremse und sechs Wochen Masterthesis
Enjah muss noch fünf Wochen möglichst wenig laufen.
Ich habe noch sechs Wochen für meine Masterthesis.
Damit befinden wir uns beide derzeit in einer ausgesprochen interessanten Lebensphase.
Enjah möchte rennen.
Ich möchte fertig sein.
Beides geht gerade nicht.
Wir üben also Geduld.
Sie schlechter als ich.
Wobei ich mir da inzwischen nicht mehr ganz sicher bin.
Theorie trifft Australian Shepherd
Meine Masterarbeit beschäftigt mich gerade mit einer ziemlich spannenden Frage:
Warum wissen Menschen oft ganz genau, was ihnen guttun würde und machen anschließend trotzdem etwas völlig anderes?
Man reflektiert.
Man erkennt.
Man formuliert einen ersten Schritt.
Man findet ihn sogar überzeugend.
Und dann kommt der Alltag und sagt:
„Wie niedlich.“
Genau genommen könnte ich meine gesamte Forschung vermutlich auch an Enjah durchführen.
Tierarzt:
„Wenig Bewegung.“
Enjah:
„Verstanden.“
Drei Sekunden später:
RENNEN.
Ich:
„Nein.“
Enjah:
„Ach so.“
Zehn Sekunden später:
NOCH SCHNELLER RENNEN.
Transfer vom Gelernten in den Alltag:
ausbaufähig.
Leider bin ich keinen Deut besser
Das wirklich Unangenehme an Forschung ist, dass sie irgendwann zurückguckt.
Ich sitze also da und denke über Menschen nach, die genau wissen, was sie tun sollten, es aber trotzdem nicht tun.
Während ich selbst seit Tagen denke:
Ich muss meine Masterthesis ruhig und strukturiert schreiben.
Nicht ständig überlegen, ob ich in sechs Wochen fertig werde.
Nicht dauernd Ergebnisse vorwegnehmen.
Nicht jeden einzelnen Datenpunkt emotional adoptieren.
Einfach heute das tun, was heute dran ist.
Mein Gehirn:
„Absolut.“
Und fünf Minuten später:
„ABER WAS IST, WENN IN SECHS WOCHEN ALLES SCHRECKLICH IST?“
Forschung mit Beziehungsnebenwirkungen
Besonders schön wird es, wenn eine Person immer wieder zu meinem System zurückkehrt.
Eigentlich großartig.
Retention.
Engagement.
Ein kleiner wissenschaftlicher Freudensprung.
Bis mein nächster Gedanke kommt:
Vielleicht kommt sie einfach wieder, weil sie mich mag.
Aha.
Wunderbar.
Meine stärkste Nutzerbindung ist eventuell gar keine Nutzerbindung.
Vielleicht ist es Höflichkeit.
Damit hätte ich dann möglicherweise nicht Produktqualität gemessen, sondern erfolgreich nachgewiesen, dass ich nette Menschen kenne.
Auch ein Ergebnis.
Nur schwerer zu verkaufen.
Enjah hat die bessere Methode
Während ich also darüber nachdenke, was die Daten morgen bedeuten könnten, lebt Enjah völlig unbeeindruckt im Heute.
Gut, ihr Heute besteht momentan hauptsächlich daraus, ausgebremst zu werden.
Nicht rennen.
Nicht toben.
Nicht springen.
Ein Australian Shepherd im körperlichen Energiesparmodus ist ungefähr so überzeugend wie ein Espresso, der beschließt, ab jetzt Kamillentee zu sein.
Aber Enjah denkt nicht:
Noch fünf Wochen.
Sie denkt:
Jetzt.
Jetzt liege ich hier.
Jetzt gibt es vielleicht etwas zu essen.
Jetzt könnte Flusen interessant sein.
Jetzt könnte ich theoretisch losrennen.
Nein?
Gut.
Dann jetzt eben beleidigt gucken.
Eigentlich beneidenswert.
Vielleicht reicht heute
Ich merke gerade, wie absurd viel Kraft es kostet, ständig schon in der Zukunft zu wohnen.
Noch fünf Wochen.
Noch sechs Wochen.
Was wird aus Enjahs Pfote?
Was wird aus meiner Thesis?
Was sagen die Daten?
Was bedeutet das alles?
Dabei ist heute erstaunlich übersichtlich.
Enjah schläft.
Flusen schläft.
Ich schreibe.
Mehr passiert gerade nicht.
Vielleicht muss ich nicht fünf Wochen Hundeschonung schaffen.
Vielleicht muss Enjah nur heute nicht durchs Wohnzimmer rasen.
Vielleicht muss ich nicht in sechs Wochen eine fertige Masterarbeit haben.
Vielleicht muss ich heute einfach den nächsten sinnvollen Absatz schreiben.
Das klingt fast zu banal.
Mein Gehirn ist enttäuscht.
Es hatte mit einer deutlich komplizierteren Lösung gerechnet.
Ich übrigens auch.