Von Nachtwachen, Eiskaffee und einem sehr verdächtigen Briefumschlag
Es gab diese Woche gleich mehrere Situationen, in denen wir etwas Ungeheuerliches getan haben.
Wir haben Flusen und Enjah getrennt.
Beide haben überlebt.
Aber selbstverständlich nicht, ohne daraus kleine Geschichten zu machen.
Flusen übernimmt die Nachtschicht
Wir waren bei unserer neuen Doppelkopfrunde eingeladen.
Enjah durfte mit, denn die dortige Hündin kennt sie bereits.
Flusen nicht.
Und eine fremde Hündin, fremdes Haus, fremde Situation und vermutlich noch irgendwo ein fallender Teelöffel wären für sein Nervensystem ungefähr die Reizlage eines Rockfestivals in einer Telefonzelle gewesen.
Also durfte Flusen zu meinen Eltern.
Für ihn kein Trostpreis.
Eher All inclusive mit Seniorenanschluss.
Als ich ihn spätabends abholte, war es längst dunkel. Meine Eltern lagen schon im Bett.
Normalerweise werde ich bei meiner Ankunft angebellt.
Flusen begrüßt schließlich nicht einfach.
Flusen gibt eine Pressekonferenz.
Diesmal nicht.
Er sah mich, warf sich auf den Boden und wimmerte vor Freude.
Mein kleiner Liebeverstreuer.
Am nächsten Tag erzählte mein Pa dann, Flusen sei zweimal zu ihm ins Bett gesprungen.
Nur kurz.
Kuscheln.
Liebe abliefern.
Streicheleinheiten kassieren.
Dann wieder runter und vor die Haustür.
Nachtdienst.
Mein Pa habe wunderbar geschlafen.
Sogar besser als seit längerer Zeit.
Damit ist die Sache eigentlich klar.
Wir haben offenbar jahrelang völlig unnötig über Schlafhygiene nachgedacht.
Die Lösung heißt Flusen.
Dosierung: abends einen kleinen Hund ins Schlafzimmer geben.
Mögliche Nebenwirkungen: Wärme, Fell im Bett und plötzlich sehr gute Laune.
Ein Ausflug ohne Flusen ist möglich. Theoretisch.
Heute besuchten wir eine Freundin in der Reha.
Wieder durfte nur Enjah mit.
Flusen blieb erneut bei meinen Eltern und wurde später sogar von meiner Schwester samt Großeltern zu einem kleinen Ausflug abgeholt.
Sein Sozialkalender ist inzwischen besser gefüllt als meiner.
Enjah machte ihren Reha Besuch großartig.
Am Anfang etwas aufgeregt, danach völlig entspannt.
Wir konnten sogar in Ruhe Eiskaffee trinken, während sie sich ihrem neuen Lieblingsleckerli widmete.
Sie kaute so zufrieden daran herum, als hätte sie verstanden:
„Ihr habt Kaffee. Ich habe das hier. Wir müssen nicht alles gemeinsam machen.“
Ich war beeindruckt.
Von ihr.
Und ein bisschen von uns.
Wir saßen tatsächlich irgendwo mit einem jungen Aussie und tranken in Ruhe Eiskaffee.
Man muss Erfolge auch erkennen, wenn sie sich als Getränk tarnen.
Zu Hause fehlte ein wichtiges Möbelstück
Dann kamen wir nach Hause.
Ohne Flusen.
Enjah ging in den Garten.
Guckte.
Noch mal gucken.
Kein Flusen.
Komisch.
Vielleicht andere Ecke.
Nein.
Sie kam wieder rein.
Und seitdem liegt sie in der Nähe der Tür.
Nicht dramatisch.
Nicht jammernd.
Einfach wartend.
Als wäre Flusen kein Hund, sondern ein fester Bestandteil des Hauses.
Sofa.
Esstisch.
Flusen.
Fehlt einer davon, stimmt der Grundriss nicht.
Ich kann natürlich nicht wissen, was sie denkt.
Aber ihr Blick Richtung Tür sieht sehr nach:
„Der kommt doch gleich.“
aus.
Und plötzlich wird aus diesem ganzen lustigen Hundezirkus etwas ganz Leises.
Denn natürlich nerven sie sich.
Sie klauen einander Plätze.
Sie kommentieren Bewegungen.
Sie geraten wegen Dingen in Aufregung, deren Bedeutung sich mir auch nach längerem Studium nicht erschließt.
Und offenbar merkt man manchmal erst an einer leeren Stelle, wie selbstverständlich jemand längst dazugehört.
Und dann kam noch Post
Als wäre dieser Tag nicht aufregend genug, hat Enjah auch noch Post bekommen.
Richtige Post.
Mit Briefumschlag.
Sie durfte bereits daran schnüffeln.
Mehr wird noch nicht verraten.
Enjah:
„Ist es essbar?“
Ich:
„Nein.“
„Dann hoffe ich, dass du dich irrst.“
Was darin ist, bleibt vorerst geheim.
Nur so viel:
Der Umschlag wurde fachkundig geprüft.
Die Empfängerin ist informiert.
Und ich bin ziemlich sicher, dass Flusen nach seiner Rückkehr ebenfalls eine vollständige Geruchskontrolle durchführen wird.
Schließlich kann man einen jungen Hund nicht ein paar Stunden allein lassen und erwarten, dass währenddessen keine verdächtigen Briefgeschäfte stattfinden.
Zwei Hunde, zwei Ausflüge, ein Zuhause
Vielleicht war das Schönste an diesen Tagen gar nicht das, was wir unternommen haben.
Sondern das Dazwischen.
Flusen, der nachts noch zweimal zu meinem Pa ins Bett hüpft, als müsse er vor Dienstschluss dringend ein bisschen Liebe verteilen.
Enjah, die wunderbar allein mit uns unterwegs sein kann und danach trotzdem zu Hause nach ihm sucht.
Und ich, die offenbar immer noch überrascht ist, wenn Hunde Beziehungen führen, ohne vorher mit mir die Einzelheiten zu besprechen.
Flusen kommt natürlich wieder.
Dann wird Enjah vermutlich kurz gucken.
Flusen wird schnüffeln.
Vielleicht wird einer dem anderen im Weg stehen.
Und innerhalb von drei Minuten benehmen sie sich wahrscheinlich wieder so, als wäre überhaupt nichts gewesen.
Nur der Grundriss stimmt dann wieder.