Das leise „Äh“ und die große Manipulation der Menschen
Heute Nacht musste Enjah raus.
Das passiert inzwischen nur noch selten, denn eigentlich schläft sie wunderbar durch.
Wenn sie sich meldet, dann allerdings nicht mit Drama.
Kein Bellen.
Kein Kratzen.
Kein nächtlicher Notruf.
Enjah steht vor der Tür und sagt:
„Äh.“
Mehr nicht.
Ein einziges, winziges, höfliches:
„Äh.“
So zaghaft, als wolle sie sich entschuldigen, dass ihre Blase überhaupt existiert.
Ich habe es natürlich sofort gehört.
Und mich erst einmal schlafend gestellt.
Man muss schließlich auch Grenzen setzen.
Nach ungefähr dreißig Sekunden:
„Äh.“
Gut.
Überzeugendes Argument.
Also raus.
Der fatale Gedanke
Während ich nachts mit Enjah durch den Garten lief, dachte ich:
Perfekt.
Jetzt war sie draußen.
Morgen ist Sonntag.
Wir können ausschlafen.
Manchmal bin ich wirklich entzückend naiv.
Einige Zeit später lag ich wieder im Bett.
Warm.
Gemütlich.
Tief überzeugt davon, dass dieser Sonntag nun bis mindestens acht Uhr unter menschlicher Kontrolle steht.
Dann:
„Äh.“
Nein.
Ich stellte mich tot.
Absolute Regungslosigkeit.
Ich atmete vermutlich sogar weniger.
„Das kann nicht sein“, dachte ich.
„Du warst draußen.“
Stille.
Irgendwann öffnete ich ganz vorsichtig die Augen.
Fehler.
Vier Augen und sofort Party
Direkt vor mir:
vier Hundeaugen.
Enjah vorne.
Flusen dahinter.
Sekundenlang komplette Stille.
Dann bemerkten sie:
SIE IST WACH.
Beide Schwänze gingen gleichzeitig an.
Wummwummwummwumm.
Flusen offenbar innerlich:
„Sie hat uns gesehen.“
Enjah:
„Ja.“
Flusen:
„Dann los.“
Und plötzlich war Bettparty.
Nicht aufstehen.
Nein.
Das wäre ja verständlich gewesen.
Sie wollten ausschließlich kuscheln.
Jetzt.
Sofort.
Mit uns beiden.
Alle Hände im Einsatz.
Flusen links.
Enjah rechts.
„Hier bitte.“
„Und hier.“
„Da auch.“
„Du hast zwei Hände. Nutze deine Möglichkeiten.“
Es war kurz vor sechs.
Sie hatten uns also großzügig ungefähr eine Stunde Schlaf geschenkt.
Sonntag.
Wie aufmerksam.
Ich glaube inzwischen, Flusen steckt dahinter
Das wirklich Verdächtige war allerdings:
Enjah hatte uns geweckt.
Flusen hatte keinen Ton gesagt. Sonst ist er morgens der jenige der uns weckt.
Er stand nur direkt hinter ihr.
Und plötzlich hatte ich dieses Bild im Kopf.
Flusen, fünf Minuten vorher:
„Enjah.“
„Ja?“
„Mach du.“
„Warum ich?“
„Weil du Äh kannst.“
„Du kannst doch bellen.“
„GENAU DESHALB machst du.“
„Verstehe ich nicht.“
„Wenn ich sie wecke, heißt es: Flusen! Nein! SCHLAFEN!“
„Und bei mir?“
„Bei dir sagen sie: Ohhh, was ist denn, kleine Maus?“
Kurze Pause.
Enjah:
„Stimmt.“
Flusen:
„Also los. Operation Kuscheln.“
Am Frühstückstisch wurde der Verdacht erhärtet
Ja.
Unsere Hunde bekommen etwas vom Tisch.
Ich weiß.
Unfassbar.
Erziehungstechnisch vermutlich kurz vor dem Entzug des Hundehalterführerscheins.
Wir wissen auch, dass Betteln dadurch nicht zwingend weniger wird.
Und trotzdem machen wir es.
Warum?
Keine Ahnung.
Vielleicht möchten wir später einmal sagen können:
„Wir haben konsequent inkonsequent gehandelt.“
Jedenfalls saßen wir beim Frühstück.
Und da waren sie wieder.
Enjah vorne.
Flusen direkt dahinter.
Zwei Hunde.
Vier Augen.
Ein gemeinsames Ziel.
Essen.
Der Verhandlungsführer mit Fell
Enjah blickte mich an.
Sehr höflich.
Sehr zurückhaltend.
Dann:
„Äh.“
Ich musste sofort lachen.
Flusen stand hinter ihr und sah aus wie ein Vorstandsvorsitzender, der seinen jüngsten Mitarbeiter zur Gehaltsverhandlung vorgeschickt hat.
„Mach du.“
„Was soll ich sagen?“
„Einfach Äh.“
„Und dann?“
„Gucken.“
„Mehr nicht?“
„Nein. Du hast dieses Gesicht.“
„Welches Gesicht?“
„Dieses Ich bin klein und höflich und habe noch niemals irgendetwas Unanständiges getan Gesicht.“
Enjah:
„Das funktioniert?“
Flusen:
„Leider hervorragend.“
Ich:
„Ihr bekommt nichts.“
Beide Hunde:
Stille.
Enjah:
„Äh.“
Ich:
„Na gut.“
Flusen innerlich vermutlich:
„Und genau deshalb bist du vorne.“
Wir haben selbstverständlich alles im Griff
Manchmal denke ich, wir erziehen diese Hunde.
Dann gibt es solche Tage.
Enjah hat inzwischen offenbar verstanden, dass ein einziges leises „Äh“ reicht, um erwachsene Menschen aus dem Schlaf zu holen, Streicheleinheiten zu aktivieren und Frühstücksverhandlungen einzuleiten.
Flusen wiederum hat verstanden, dass man überhaupt nichts sagen muss, wenn man jemanden im Team hat, der deutlich bessere Erfolgsquoten besitzt.
Das ist keine Manipulation.
Das ist Arbeitsteilung.
Und wir?
Wir wissen natürlich ganz genau, was hier passiert.
Wir durchschauen das System.
Wir erkennen die Muster.
Wir sind erwachsene, reflektierte Menschen.
Und dann reicht dieses kleine:
„Äh.“
Und einer von uns greift nach dem Käse.
Ich fürchte, die Hunde haben uns hervorragend erzogen.