Wenn Liebe plötzlich auf dem Beifahrersitz sitzt
Die Woche, die erst glitzerte und dann den Boden wegzog
Puh.
Diese Woche war viel.
Also nicht dieses normale „viel“, bei dem man abends erschöpft auf dem Sofa sitzt, in eine Decke eingewickelt wie eine leicht angeschlagene Frühlingsrolle und denkt: War schon ordentlich heute.
Nein.
Es war dieses Viel, das sich in alle Ecken legt.
In den Körper.
In den Kopf.
Ins Herz.
In die Stellen, von denen ich dachte, sie hätten gerade vielleicht mal Pause.
Es gab Schönes. Richtig Schönes. Weiches. Helles. Kleine Momente, die sich anfühlten wie Sonnenflecken auf dem Küchenboden.
Und dann kam gestern.
Gestern war schlimm.
Nicht dramatisch im Sinne von „unangenehm“. Sondern schlimm in diesem stillen, kalten Sinn, in dem plötzlich alles eng wird und man merkt, dass Liebe kein romantisches Wort ist, sondern manchmal ein Zustand, in dem man funktioniert, während innerlich alles schreit.
Um fünf Uhr morgens begann die Welt zu kippen
Enjah war schon in der Nacht unruhig gewesen.
Nicht dieses normale Welpengewusel, dieses „Ich sortiere mich einmal um und nehme dabei sicherheitshalber das halbe Zimmer akustisch mit“.
Sondern anders.
Unruhig.
Nicht richtig da.
Nicht richtig weg.
Und dann, um fünf Uhr morgens, ging es los.
Durchfall.
Erbrechen.
Und draußen diese unfassbare Hitze, als hätte jemand die Welt in einen Backofen geschoben und vergessen, vorher nachzusehen, ob noch Lebewesen drin sind.
Am Anfang war sie noch recht fit.
Sie schaute, bewegte sich, war irgendwie noch Enjah.
Ein bisschen matt, ja, aber noch da.
Und ich klammerte mich an dieses „noch“.
Noch frisst sie vielleicht gleich.
Noch trinkt sie bestimmt.
Noch ist es vielleicht nur kurz.
Noch ist ein sehr gefährliches kleines Wort.
Es tut so, als wäre es Hoffnung, dabei ist es manchmal nur die dünne Gardine vor der Angst.
Dann wurde sie schlechter.
Nicht plötzlich wie im Film, mit dramatischer Musik und flatternden Vorhängen.
Sondern langsam.
Gemein langsam.
So, dass man jede Veränderung sieht und gleichzeitig hofft, man bilde sie sich ein.
Zehn Tierärzte und eine Hilflosigkeit mit Zähnen
Ich rief sofort beim Tierarzt an.
Die Antwort war, dass ich frühestens um 18 Uhr kommen könne.
18 Uhr.
Ich schaute auf diesen kleinen Hund, der nichts mehr trinken wollte, der immer matter wurde, und in mir passierte etwas.
Erst Angst.
Dann Ungläubigkeit.
Dann Wut.
Diese Wut, die nicht laut ist, sondern glühend. Wie eine Herdplatte, auf die man aus Versehen die Hand legt und dann merkt: Oh. Das brennt wirklich.
Ich rief weiter an.
Ein Tierarzt.
Noch einer.
Noch einer.
Zehn insgesamt.
Freitagvormittag.
Noch früh.
Und trotzdem: Nein. Nein. Nein. Keine Kapazität. Nicht möglich. Rufen Sie woanders an.
Ich wurde immer wütender.
Und gleichzeitig immer hilfloser.
Eine ganz miserable Kombination.
Wut und Hilflosigkeit sind zusammen wie zwei betrunkene Handwerker im Nervensystem. Der eine hämmert, der andere reißt tragende Wände raus.
Ich stand da mit meinem Telefon in der Hand, meinem kleinen kranken Hund vor mir und diesem Gefühl, dass die Welt gerade aus lauter geschlossenen Türen besteht.
Und ich dachte:
Bitte.
Irgendjemand.
Bitte macht eine Tür auf.
Die Klinik, die sofort sagte: Kommen Sie
Dann fand ich eine Tierklinik.
In einiger Entfernung.
Ich rief an.
Erklärte.
Und dort sagte eine Stimme sofort:
Enjah einpacken und vorbeikommen.
Sofort.
Ich weiß nicht, ob Menschen, die so einen Satz sagen, wissen, was sie damit tun.
Vielleicht ist es für sie Alltag.
Vielleicht sagen sie es zwischen zwei Terminen, zwischen Laborwerten und Wartezimmern, routiniert und ruhig.
Aber für mich war es in diesem Moment keine Auskunft.
Es war ein Seil.
Ein echtes Seil.
Ausgeworfen in meine Panik.
Ich packte Enjah ein.
Die Box auf den Beifahrersitz, so, dass ich sie während der Fahrt aus den Augenwinkeln sehen konnte.
Und dann fuhren wir los.
Sie erbrach weiter.
Auf dem Weg.
Später noch einmal im Wartezimmer.
Und ich fuhr mit diesem kleinen Körper neben mir, der viel zu erschöpft wirkte für so ein junges Leben, und spürte, wie sich etwas in mir zusammenzog.
Ihre Augen waren die ganze Zeit bei mir.
Diese Enjah Augen.
Wach und müde zugleich.
Fragend.
Vertrauend.
Immer wieder fielen sie ihr zu vor Erschöpfung, dann öffnete sie sie wieder, als müsste sie kontrollieren, ob ich noch da bin.
Ich war da.
Natürlich war ich da.
Ich wäre am liebsten aus mir selbst ausgestiegen und hätte mich neben sie in die Box gelegt.
Völlig unpraktisch, vermutlich verkehrsrechtlich fragwürdig und körperlich kaum umsetzbar, aber emotional war ich längst dort.
Neben ihr.
Bei ihr.
Mit ihr.
Diese Augen auf dem Beifahrersitz
Auf dieser Fahrt habe ich gemerkt, wie sehr wir sie lieben.
Nicht theoretisch.
Nicht als Satz.
Nicht dieses „Ja klar, wir lieben unsere Hunde“.
Sondern körperlich.
Mitten ins Herz.
So heftig, dass es fast weh tat.
Diese kleine Enjah, die hier eingezogen ist wie ein Wirbelsturm mit Fell, als hätte jemand einen Gedankenblitz in einen Welpenkörper gesteckt.
Diese kleine Systemsprengerin, die Flusen herausfordert, mich spiegelt, unsere Nächte kürzt, unsere Routinen zerzaust und manchmal aussieht, als hätte sie persönlich beschlossen, die Evolution noch einmal neu zu starten.
Und da lag sie.
Still.
Erschöpft.
Zu klein für meine Angst.
Zu wichtig für mein Herz.
In diesem Moment war nichts mehr lustig.
Kein Crazy Enjah.
Kein Flummi.
Kein kleiner T Rex im Rucksack.
Nur ein Wesen, das ich liebe.
Und die Erkenntnis, dass Liebe manchmal bedeutet, mit zusammengebissenen Zähnen Auto zu fahren, während man innerlich betet, obwohl man gar nicht genau weiß, an wen.
Fünf Minuten bis Hilfe
In der Klinik kamen wir nach fünf Minuten dran.
Fünf Minuten.
Nach zehn Absagen fühlten sich fünf Minuten an wie ein Wunder mit Empfangstheke.
Enjah bekam Medikamente.
Eine Spritze gegen Übelkeit.
Etwas für zu Hause.
Sie wurde versorgt.
Gesehen.
Ernst genommen.
Und ich durfte sie wieder mitnehmen.
Ich weiß, es wäre vernünftig gewesen, wenn es anders hätte sein müssen.
Ich weiß, man lässt ein Tier in der Klinik, wenn es nötig ist.
Aber auf dem Weg dorthin hatte ich mir schon vorgestellt, was ich mache, wenn sie sagen, sie muss bleiben.
Und alles in mir hatte sich dagegen gewehrt.
Nicht aus Besitz.
Nicht aus Drama.
Sondern aus diesem tiefen, fast kindlichen Gefühl:
Ich kann sie jetzt nicht allein lassen.
Ich kann sie nicht an einem Ort lassen, an dem sie mich sucht und ich nicht da bin.
Vielleicht hätte ich es geschafft.
Natürlich hätte ich es geschafft, wenn es hätte sein müssen.
Aber ich bin sehr froh, dass ich nicht beweisen musste, wie tapfer ich sein kann.
Meine Tapferkeit hatte gestern nämlich ungefähr die Stabilität eines nassen Kekses.
Menschen, die sofort antworten
Und dann war da noch unsere Hundetrainerin.
Unsere tolle, liebe Hundetrainerin.
Ich schrieb ihr über WhatsApp.
Und sie antwortete direkt.
Sofort.
Nicht irgendwann.
Nicht später.
Nicht mit diesem modernen „Ich melde mich, wenn meine emotionale Kapazität wieder verfügbar ist“.
Sondern da.
Ansprechbar.
Hilfreich.
Warm.
Und ich dachte wieder:
Was haben wir für ein Glück.
Wirklich.
Was haben wir für ein Glück mit Menschen, die nicht wegsehen.
Die antworten.
Die helfen.
Die einen nicht mit der eigenen Angst allein in der Gegend stehen lassen wie eine vergessene Gießkanne im Gewitter.
Manchmal ist Hilfe gar nicht das große Retten.
Manchmal ist Hilfe eine Stimme.
Eine Nachricht.
Ein Satz.
Ein „Ich bin da“.
Und plötzlich hält die Welt wieder ein kleines bisschen besser zusammen.
Hüttenkäse als Heimkehrlied
Zu Hause wurde es langsam ruhiger.
Nicht sofort gut.
Aber ruhiger.
Abends wollte Enjah erst nur Hüttenkäse essen.
Hüttenkäse.
Dieses völlig unspektakuläre Lebensmittel, das gestern für mich aussah wie ein Festbankett der Hoffnung.
Später nahm sie auch etwas Schonkost.
Und dann trank sie.
Sie trank.
Ich hätte daneben stehen und applaudieren können.
Vielleicht habe ich innerlich auch applaudiert. Sehr würdevoll natürlich. Mit Tränen in den Augen und der Eleganz einer Frau, die seit Stunden zwischen Angst, Hitze, Erbrochenem und Tierarzttelefonaten pendelt.
Die Nacht war okay.
Dreimal raus.
Weiterhin Durchfall.
Aber kein Erbrechen mehr.
Kein Erbrechen.
Manchmal wird ein Satz so klein und gleichzeitig so riesig.
Flusen ist weiterhin fit.
Zum Glück.
Zur Sicherheit wird er direkt mitbehandelt.
Flusen, der große Bruder, der vermutlich nicht versteht, warum plötzlich alle so ernst sind und warum die Stimmung im Haus riecht wie Sorge.
Er ist da.
Fit.
Mein Flusen.
Mein Seismograf mit Fell.
Mein Ruhepol, wenn er nicht gerade wegen eines Blattes im Dorf eine Bürgerwehr gründen möchte.
Vorher war da noch dieses freie Schlafen
Und das Verrückte ist:
Diese schlimme Geschichte fiel direkt in eine Woche, in der auch etwas so Schönes passiert ist.
Enjah durfte das erste Mal frei im Zimmer schlafen.
Nicht mehr geschlossen in ihrer Box.
Sondern wie Flusen.
Frei.
Beweglich.
Teil des nächtlichen Rudeluniversums.
Ich hingegen schlief unfassbar schlecht.
Natürlich.
Weil mein Gehirn daraus kein „Wie schön, sie darf freier werden“ machte, sondern ein komplexes Sicherheitskonzept mit Katastrophensimulation.
Was, wenn sie ins Bett kommt?
Was, wenn Flusen im Bett ist?
Was, wenn er es nicht gut findet?
Was, wenn sie an ihm vorbei will?
Was, wenn die ganze Nacht plötzlich aussieht wie eine schlecht moderierte Talkshow zwischen zwei Hunden und einer übermüdeten Frau?
Dann kam sie.
Ganz vorsichtig.
Ganz leise.
An Flusen vorbei.
Zu uns hoch.
Und Flusen?
Reagierte nicht.
Einfach nicht.
Keine große Szene.
Kein Drama.
Kein „Ich bin der König dieses Bettes und habe hier eine Verfassung zu verteidigen“.
Er ließ sie.
Es war okay.
Für ihn soweit okay.
Und ich lag da und hielt die Luft an, als würde mein Atem persönlich den Weltfrieden gefährden.
Morgens haben wir zusammen gekuschelt.
Alle irgendwie da.
Noch weich vom Schlaf.
Noch unschuldig vor dem, was kommen würde.
Ich wusste da noch nicht, dass diese Nähe kurz darauf einen anderen Klang bekommen würde.
Dass ich diese kleine Hündin wenig später ansehen würde und denken:
Bitte bleib.
Bitte werde wieder gesund.
Bitte trink.
Bitte schau mich weiter an.
Mantrailing und das Mädchen unter den Rüden
Und dann war da auch noch Mantrailing.
Enjah war grandios.
Wirklich richtig gut.
Das einzige Mädchen unter den Rüden.
Und ja, sie war die Beste.
Natürlich war sie die Beste.
Ich meine, ich bin da vollkommen objektiv. So objektiv wie eine Hundemutter eben sein kann, deren Herz bei jeder halbwegs gelungenen Suchleistung eine kleine La Ola Welle macht.
Aber die Trainerin sagte es auch.
Dass Enjah besonders sei.
Dass sie richtig gut sei.
Und ja.
Das ist sie.
Sie ist besonders.
Nicht nur, wenn sie funktioniert.
Nicht nur, wenn sie glänzt.
Nicht nur, wenn sie beim Mantrailing den kleinen Superhund auspackt und ich daneben stehe wie ein stolzer Gartenzwerg mit feuchten Augen.
Sie ist auch besonders, wenn sie krank ist.
Wenn sie müde ist.
Wenn sie mich aus der Box heraus anschaut, als würde sie fragen, ob ich die Welt bitte kurz wieder reparieren könnte.
Und genau da liegt vielleicht dieser Schmerz.
Dass Liebe nicht unterscheidet zwischen Glanz und Hilflosigkeit.
Sie wird nicht kleiner, wenn das Fell verklebt ist, wenn der Körper erschöpft ist, wenn man nachts zum dritten Mal rausgeht und denkt, dass man selbst eigentlich auch dringend medizinisch als übermüdetes Möbelstück eingestuft werden müsste.
Liebe bleibt.
Sie sitzt auf dem Beifahrersitz.
In einer Box.
Mit schweren Augen.
Und schaut mich an.
Nach gestern ist etwas anders
Heute ist noch nicht alles gut.
Aber es ist besser.
Und besser ist nach so einem Tag ein großes Wort.
Ein kostbares Wort.
Ein Wort mit Wasser im Napf und Hüttenkäse im Bauch.
Ich merke, wie mein Körper noch nachzittert.
Diese Art von Nachzittern, die kommt, wenn die akute Angst schon etwas nachlässt, aber das Nervensystem noch nicht mitbekommen hat, dass es die Sirenen langsam runterdrehen darf.
Ich sehe Enjah an und bin gerührt.
Noch mehr als vorher.
Als hätte gestern eine unsichtbare Hand mein Herz genommen, einmal fest gedrückt und gesagt:
Da.
Schau hin.
So tief sitzt sie schon.
So sehr gehört sie schon zu euch.
Ich glaube, manchmal merkt man erst in der Angst, wie groß die Liebe geworden ist.
Nicht, weil man die Angst braucht.
Um Gottes willen, nein.
Ich hätte auf diese Lektion sehr gut verzichten können. Wirklich. Ich nehme auch Erkenntnisse in milder Darreichungsform. Als Tee. Als Postkarte. Als freundlichen Gedanken beim Duschen.
Aber das Leben liefert ja selten in der Verpackung, die ich bestellt habe.
Es kommt eher mit matschigen Pfoten rein, wirft den Napf um und sagt:
Hier. Fühl mal.
Dieses kleine Rudel, das gerade Familie wird
Flusen ist da.
Enjah ist da.
Wir sind da.
Noch ein bisschen erschöpft.
Noch ein bisschen dünnhäutig.
Noch mit Sorge in den Knochen.
Aber da.
Und vielleicht ist genau das Familie.
Nicht die perfekte Harmonie.
Nicht die Hunde, die dekorativ nebeneinander schlafen, während ich in Leinenkleidern durch einen aufgeräumten Alltag schwebe.
Eine lustige Vorstellung übrigens.
Ich besitze weder diesen Alltag noch vermutlich genug Leinenkleider, um glaubwürdig darin herumzuschweben.
Familie ist vielleicht eher das hier:
Eine Box auf dem Beifahrersitz.
Ein Hund, der vorsichtig ins Bett klettert.
Ein anderer Hund, der es zulässt.
Eine Trainerin, die sofort antwortet.
Eine Klinik, die sagt: Kommen Sie.
Hüttenkäse um halb acht.
Dreimal nachts raus.
Und ein Herz, das nach einem schlimmen Tag noch offener ist als vorher.
Nicht unversehrt.
Aber offen.
Und dann schaue ich sie an
Enjah schläft.
Oder döst.
Oder tut zumindest so, als würde sie nicht gleich wieder irgendeine kreative Idee entwickeln, die unsere pädagogische Standfestigkeit testet.
Ich schaue sie an.
Diese kleine Hündin, die in so kurzer Zeit so viel Raum eingenommen hat.
Im Haus.
Im Alltag.
In Flusens Leben.
In meinem Herzen.
Sie ist unser Flummi.
Unser kleines Genie.
Unser T Rex mit sensibler Seele.
Unsere Herausforderung.
Unser Hüttenkäse Wunder.
Und gestern, auf dieser Fahrt, mit ihren müden Augen neben mir, war sie vor allem eins:
mein Herz auf vier Pfoten.
Sehr klein.
Sehr krank.
Sehr geliebt.
Und heute sitze ich hier, schreibe das auf und merke, dass mir wieder die Tränen kommen.
Nicht nur aus Angst.
Auch aus Dankbarkeit.
Dass sie wieder trinkt.
Dass sie wieder frisst.
Dass Flusen fit ist.
Dass Menschen geholfen haben.
Dass Liebe manchmal wehtut, aber trotzdem das Schönste bleibt, was uns passieren kann.
Auch wenn sie Durchfall hat.
Auch wenn sie nachts raus muss.
Auch wenn sie mein Nervensystem gelegentlich wie einen alten Teppich ausklopft.
Sie ist da.
Und das reicht heute.
Mehr muss das Leben gerade gar nicht leisten.