Enjahs Tagebuch: Keksschule

Gestern war Keksschule.

Ich halte die Keksschule für eine der wenigen menschlichen Erfindungen, die wirklich zu Ende gedacht wurden.

Direkt nach Kühlschränken.

Und Wurst.

Der Tag begann wie immer kurz nach fünf.

Kaffeemaschine.

Kühlschrank auf.

Kühlschrank zu.

Flusen und ich sofort auf Position.

Hinlegen.

Lieb gucken.

Kekse empfangen.

Zehn Minuten lang.

Ich verstehe bis heute nicht, warum Menschen sich mit Berufen, Steuern und Altersvorsorge beschäftigen, wenn man auch einfach nur freundlich schauen könnte.

Flusen macht das sehr würdevoll.

Er sieht aus, als würde er den Keks eigentlich ablehnen, ihn aber aus Höflichkeit doch nehmen.

Ich dagegen bin ehrlich.

Mein Blick sagt:

Ich habe seit mindestens drei Minuten nichts gegessen.

Die Lage ist kritisch.

Danach laufen, schlafen, Flusen nerven, Rudelspaziergang, wieder schlafen.

Ein gut organisierter Vormittag.

Dann stand Dagmar in der Küche und füllte zwei Taschen.

Zwei.

Ich sah Popcorn mit Leberwurstgeschmack.

Wurst.

Kekse.

Noch mehr Wurst.

Und Dinge, deren Namen ich nicht kenne, die aber eindeutig in meinen Körper gehören.

Flusen und ich saßen sofort da.

Sehr gerade.

Sehr lieb.

Sehr kurz davor, aus Unterzuckerung zusammenzubrechen.

Wir bekamen zwei Stück.

Zwei.

Der Rest verschwand in den Taschen.

Ich fand das menschlich enttäuschend.

Dann fuhren wir los.

Ich dachte natürlich:

Ausflug.

Abenteuer.

Neue Gerüche.

Vielleicht etwas Verbotenes.

Dann hielten wir am Leckerlihaus.

Sehr gut.

Dort wohnen Menschen, die verstehen, dass Hunde grundsätzlich zu wenig bekommen.

Aber dann wurde nur Flusen ausgeladen.

Mit einer Tasche.

Ich blieb im Auto.

Allein.

Mit meinem Verrat.

Ich protestierte.

Laut.

Klar.

Juristisch einwandfrei.

Niemand reagierte.

Also weinte ich.

Nicht aus Schwäche.

Sondern damit später niemand behaupten kann, er habe von der Ungerechtigkeit nichts gewusst.

Dann kam Dagmar zurück.

Ohne Flusen.

Flusen durfte bleiben.

Mit Keksen.

Ich wurde weggefahren.

Ich dachte kurz darüber nach, das Rudel zu kündigen.

Dann stieg ich aus.

Und wusste sofort:

Keksschule.

Meine Keksschule.

Ich war augenblicklich wieder versöhnt.

Fast.

Die Keksschule funktioniert so:

Ich sehe Dagmar an.

Keks.

Ich sitze.

Keks.

Ich liege.

Keks.

Ich bleibe liegen.

Noch ein Keks.

Ich atme.

Nichts.

Das System hat Lücken.

Manchmal laufen andere Hunde an mir vorbei.

Sehr aufgeregt.

Sehr interessiert.

Sehr unprofessionell.

Ich weiß nicht, was sie von mir wollen.

Wir sind hier nicht zum Kennenlernen.

Wir sind hier zur Vergütung.

Ich kenne übrigens jedes Signal.

Auch die, die Dagmar angeblich kaum mit mir geübt hat.

Sie unterschätzt mich gern.

Ich beobachte.

Ich speichere.

Ich optimiere.

Ich bin kein Hund.

Ich bin ein kleines, sehr flauschiges Leistungszentrum.

Die Regeln sind einfach:

Andere ignorieren.

Dagmar ansehen.

Sofort reagieren, wenn Dagmar etwas zu mir sagt.

Keks kassieren.

Das ist kein Training.

Das ist erfolgsabhängige Bezahlung.

Dann kam diese Frau.

Beim letzten Mal war sie schon verdächtig verkleidet.

Diesmal hatte sie einen schwarzen Drachen dabei.

Erst war er klein.

Dann machte es klack.

Und plötzlich war er riesig.

Direkt vor meiner Nase.

Ich ging sofort hinter Dagmar.

Nicht aus Angst.

Zur Prüfung ihrer Schutzschildqualitäten.

Dann sah ich kurz den Drachen an.

Dann Dagmar.

Keks.

Damit war die Gefahrenlage geklärt.

Drache groß.

Drache unnötig.

Keks überzeugend.

Weiter im Programm.

Nach 45 Minuten war ich satt, klug und emotional vollständig stabil.

Dagmar war sehr stolz auf mich.

Sie dachte vermutlich, wir hätten eine besonders tiefe Verbindung.

Haben wir auch.

Sie besitzt die Tasche.

Ich besitze ihren Blick.

Das ist Bindung.

Ich liebe unsere gemeinsame Stunde wirklich sehr.

Vor allem, wenn sie gut vorbereitet ist.

Mit Wurst.

Mit Popcorn.

Mit kleinen Keksen.

Und ohne unnötige Diskussionen über Kalorien.

Denn ganz ehrlich:

Charakterbildung ist anstrengend.

Und irgendjemand muss sie schließlich essen.