Wenn die Leine reißt und mein Nervenkostüm gleich mit

Die Hitze ist gerade kein Wetter mehr.

Sie ist ein Zustand.

Ein schwerer, klebriger, alles umarmender Zustand, der sich über den Tag legt und sagt:

„Na, wolltest du heute funktionieren? Süß.“

Die Hunde leiden darunter. Wir leiden darunter. Sogar meine Gedanken bewegen sich nur noch in Zeitlupe und suchen Schatten.

Morgens um fünf gehen wir raus. Eine Runde. Die einzige echte Runde des Tages. Danach gibt es für Flusen und Enjah nur noch kurze Ausflüge zum Lösen, weil draußen einfach kein Leben ist, sondern ein Backofen mit Bäumen.

Abends versuchen wir, sie drinnen irgendwie glücklich zu machen.

Kleine Spielchen.

Suchaufgaben.

Und neuerdings das Hütchenspiel.

Unter einem Hütchen liegt Futter, und die Hunde müssen erschnüffeln, welches das richtige ist. Flusen macht das souverän, als hätte er bereits ein Seminar in olfaktorischer Entscheidungsfindung besucht.

Enjah liebt es.

Natürlich liebt sie es.

Es vereint alles, was sie wichtig findet:

Futter.
Denken.
Recht haben.
Futter.

Heute Morgen also wieder: fünf Uhr, raus, noch halb in der Nacht, noch halb in der Hoffnung, dass die Welt schläft.

Normalerweise begegnen wir um diese Uhrzeit niemandem.

Niemandem.

Nicht einmal Menschen mit ernsthaften Lebensentscheidungen.

Direkt hinter der Bahn sah ich dann in einiger Entfernung eine Frau kommen.

Und mein inneres Frühwarnsystem sprang sofort an.

Nicht elegant.

Eher wie ein Toaster, der Funken schlägt.

Ich konnte nicht erkennen, ob sie einen Hund dabei hatte. Ich wusste nur: Wegen der Hitze ist auch der Boxer manchmal schon so früh unterwegs.

Der Boxer.

Flusens persönlicher Endgegner.

Der Hund, dessen bloße Existenz Flusens Nervensystem in ein Feuerwerk aus Meinungen verwandelt.

Also wechselte ich sicherheitshalber die Straßenseite.

Ich war vorbereitet.

Ich war vorausschauend.

Ich war eine Frau mit Strategie.

Für ungefähr acht Sekunden.

Dann sah Flusen sie.

Und Flusen tat, was Flusen in solchen Momenten tut:

Er verwandelte sich in ein bellendes Naturereignis.

Er ging voll in die Leine.

Und dann passierte es.

Die Leine riss.

Also nicht irgendwo poetisch im übertragenen Sinne. Nicht „meine Geduld riss“, nicht „der rote Faden riss“.

Nein.

Die Leine.

Ganz real.

Karabiner durch.

Flusen frei.

Über die Straße.

Mein Herz verließ kurz meinen Körper, füllte vermutlich irgendwo einen Antrag auf Versetzung aus und kam erst später wieder zurück.

Ich rief:

„Flusen, hierher!“

Keine Reaktion.

Natürlich nicht.

Das war der Moment, in dem mein Gehirn alle Katastrophenfilme der letzten vierzig Jahre gleichzeitig abspielte. Mit Sondervorstellung. In 3D. Ohne Popcorn.

Dann rief ich sein Abrufwort.

„Zackie!“

Und er kam.

Er kam wirklich.

Erst schnell.

Dann langsamer.

Dann in diesem kleinen Trab, der ungefähr sagte:

„Na gut. Wenn es dir wichtig ist.“

Wenn es mir wichtig ist?

FLUSEN.

Mein Puls hatte inzwischen eine eigene Postleitzahl.

Zum Glück hatte ich einen Keks.

Also bekam er eine Belohnung, weil er kam. Natürlich bekam er eine Belohnung. Auch wenn ein Teil von mir gern gesagt hätte:

„Junger Mann, wir sprechen später noch über Straßenverkehr, Karabiner und meine Lebenserwartung.“

Ich entschuldigte mich bei der Frau.

Sie sagte nur:

„Alles gut, ist ja nichts passiert.“

Ja.

Zum Glück.

Zum sehr großen, sehr unfassbaren, sehr wackelig machenden Glück.

Und genau dieser Satz ist für Menschen wie mich natürlich kein Trost, sondern Benzin für den inneren Bedenkenträger.

Denn ich hatte vor ein paar Wochen noch gedacht:

Die Laufleine ist jetzt drei Jahre alt. Vielleicht sollte ich mal eine neue kaufen.

Dann dachte ich:

Ach Quatsch. Warum sollte eine Leine reißen?

Ich möchte an dieser Stelle kurz festhalten:

Mein Bauchgefühl hatte recht.

Mein Verstand hatte eine PowerPoint Präsentation mit dem Titel „Übertreib nicht“ erstellt.

Und die Realität hat sie heute Morgen zerrissen.

Am Karabiner.

Der war offenbar so abgenutzt, dass er einfach nachgegeben hat. Nicht die Leine selbst, sondern dieses kleine Metallteil, dem ich jahrelang mein Vertrauen geschenkt habe.

Ein Karabiner.

So klein.

So unscheinbar.

So bereit, mein gesamtes Nervensystem in einen Ausnahmezustand zu stürzen.

Ich glaube, ich hätte mir nie verziehen, wenn etwas passiert wäre.

Nicht weil man alles verhindern kann. Das kann man nicht.

Aber weil ich es vorher gefühlt hatte.

Weil dieser kleine Gedanke da war.

Und ich ihn weggelächelt habe.

Ab jetzt gibt es neue Leinen.

Regelmäßig.

Alle.

Nicht irgendwann.

Nicht „die geht doch noch“.

Nicht „ach, der Karabiner sieht nur müde aus“.

Alle zwei Jahre neue Leinen.

Vielleicht auch früher.

Vielleicht richte ich eine Excel Tabelle ein.

Vielleicht bekommen die Karabiner Geburtstagskarten und Kündigungsfristen.

Man weiß es nicht.

Der restliche Spaziergang war dann natürlich geprägt von dieser besonderen Mischung aus Dankbarkeit, Schock und leichtem inneren Zittern.

Flusen ging weiter, als wäre nichts gewesen.

Ich ging weiter, als wäre ich gerade knapp einer Nahtoderfahrung entkommen.

Das ist vermutlich der Unterschied zwischen Hund und Mensch.

Flusen dachte:

Hund gesehen.
Gebellt.
Kurz Ausflug.
Keks.
Guter Morgen.

Ich dachte:

Straße.
Karabiner.
Versäumnis.
Schicksal.
Lebenslektionen.
Ausrüstungskonzept.

Und ich sah ihn an und dachte:

Du kleiner Wahnsinn auf vier Pfoten.

Du bist gekommen.

Bei „Zackie“.

Mitten aus der Aufregung.

Über die Straße zurück.

Und plötzlich war da neben dem Schreck noch etwas anderes.

Dankbarkeit.

Heute war nichts passiert.

Zum Glück.

Und manchmal reicht dieses „nichts passiert“ vollkommen aus, um einen ganzen Tag lang dem Leben innerlich die Füße zu küssen.

Während man online neue Leinen bestellt.