Ich dachte, es läge am Blatt.

Eine Bestandsaufnahme in Fellnase.

Ein ganz normales Blatt. Mittlere Größe. Keine Waffe. Keinerlei böse Absicht. Es fiel, wie Blätter fallen — lautlos, ohne Ankündigung, vollkommen desinteressiert an seinen Folgen.

Flusen bellte los.

Ich wurde wütend auf Flusen.

Das ist die kurze Version. Die längere ist: Ich war an diesem Tag in einer Stimmung, die man höflich als komprimiert bezeichnet. Ich wusste das noch nicht — weil man das an sich selbst immer erst hinterher weiß. Flusen wusste es sofort. Flusen weiß immer alles sofort. Das ist sein Talent, sein Verhängnis und, je nach Tag, auch meins.

Es gibt diese Tage.

Wir gehen los, und schon nach zwanzig Metern merke ich — oder merke ich es nicht, das ist ja der Punkt — dass sein Schritt enger wird. Dass er nicht mehr frei vor mir läuft, sondern neben mir bleibt, etwas zu nah, und ab und zu nach oben schaut. Kurz. Kontrollierend. Als würde er etwas überwachen, das ich noch nicht sehe.

Er sieht es. Ich nicht.

Ich gehe durch Gedanken, die niemand bestellt hat. Durch Listen, die sich selbst neu schreiben. Durch ein unbestimmtes Gefühl, das ich noch nicht benennen kann und deshalb ignoriere. Er läuft neben mir und trägt das alles mit — weil er keine andere Wahl hat. Er lebt in meinem Klima.

Dann fällt ein Blatt.

Er bellt. Ich straffe die Leine.

Wir gehen schweigend nach Hause.

Irgendwo auf dem Rückweg denke ich: Ich könnte ihn abgeben. Der Gedanke sitzt da wie ein nasser Handschuh. Unangenehm. Nicht wirklich gemeint. Aber da.

Zwei Stunden später, auf dem Sofa, fällt es mir ein.

Oh.

Das bin ich.

Was ich in Wahrheit dachte, war: Ich kann mit mir selbst gerade nicht. Ich habe mich abgelehnt, nicht ihn. Er war nur das Einzige in meiner Umgebung, das ehrlich genug war, es zu zeigen — ohne die kleine soziale Lüge, die wir Menschen füreinander ständig aufführen. Hunde lügen nicht. Das ist ihr größter Vorzug. Und ihr brutalster.

Die andere Seite sieht so aus.

Wir gehen los, und ich bin — aus welchem Grund auch immer, manchmal weiß man es nicht einmal — einfach da. Nicht performt. Nicht zusammengehalten. Einfach: da. Flusen läuft vor mir, Nase am Boden, im eigenen Tempo, kein Blick nach oben. Keine Überwachung. Kein Alarm. Ein Hund.

Ich bin sein Wettervorhersagesystem. Er lebt in meinem Klima.

Alles, was ich in mich hineinschreibe ohne es auszusprechen, läuft er nach außen. Alles, was ich trage ohne es zu wissen, trägt er sichtbar. Der Unterschied zwischen uns: Ich kann es verbergen. Er nicht. Das macht ihn ehrlicher und mich zuständig.

Das Schwerste ist nicht die Erkenntnis. Die Erkenntnis kommt inzwischen, nur immer noch mit Verspätung. Erst Ärger auf Flusen. Dann: oh. Dann die kurze Scham, wenn man merkt, dass man gerade nicht den Hund abgelehnt hat, sondern sich selbst.

Das Schwerste ist die Frage, auf die ich keine Antwort habe:

Wie sage ich einem Hund, dass er meine Probleme nicht tragen muss?

Ich habe es versucht. Nicht mit Worten — Flusen spricht kein Deutsch, was ich für einen erheblichen Kommunikationsbruch halte, den er offensichtlich entspannter sieht als ich. Ich versuche es mit Haltung. Mit Atem. Mit dem bewussten Entschluss, einen Schritt so zu gehen als wäre alles gut — auch wenn ich noch nicht sicher bin, ob es das ist.

Manchmal klappt das.

Manchmal fällt ein Blatt.

Es gibt diesen Satz, den Hundemenschen irgendwann zu hören bekommen. Am Anfang klingt er nach Kalenderspruch:

Du bekommst nicht den Hund, den du willst. Du bekommst den Hund, den du brauchst.

Ich habe Flusen seit Jahren. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, was das bedeutet.

Jetzt — nach einem Blatt, nach der Scham, nach dem Moment in dem er mich anschaut als hätte er die ganze Zeit gewusst, was ich gerade herausfinde — nehme ich es sehr ernst.

Ich arbeite daran.

Meistens.

Manchmal fällt ein Blatt.