22 Feb. Esel gerettet, Kinder zurückgelassen, und was das über uns verrät
Esel gerettet, Kinder zurückgelassen, und was das über uns verrät
Die Schlagzeile ist verstörend: Deutschland nimmt acht Esel aus Gaza auf, während nur zwei verletzte Kinder einreisen durften und über 2.500 dringend medizinische Hilfe benötigen. Städte wie Hannover, Bremen und Frankfurt hatten längst ihre Bereitschaft erklärt, doch die Aufnahme wird blockiert.
Ja, wir lieben unsere Tiere. Und für viele sind sie weit mehr als nur Haustiere. Sie sind:
- Familie ein gleichberechtigter Teil unseres Lebens
- Halt in Zeiten der Unsicherheit
- Der einzige Grund durchzuhalten wenn alles andere schwer wird
- Aufmunterung bedingungslos und ohne Agenda
- Freude pure, ungefilterte Lebensfreude
- Fürsorge jemand, um den wir uns kümmern können
- Kindersatz oder Geschwister für unsere Kinder
- Ansprache ein Gegenüber, das immer da ist
- Kommunikation ohne Worte, aber voller Verständnis
- Vertrauen das niemals enttäuscht wird
- Routine Struktur in unserem Tag
- Bedingungslose Liebe ohne Wenn und Aber
- Seelentröster in den dunkelsten Momenten
- Sicherheit emotionale Stabilität
- Sinn ein Lebensinhalt, der nie hinterfragt werden muss
Saadi brachte es auf den Punkt: „Der Hund vergisst den einzigen Bissen nicht, und wirfst du ihm auch hundert Steine nach. Im Menschen, den du jahrelang gepflegt, wird durch ein Nichts Verrat und Feindschaft wach.“
Und genau hier wird es interessant, nicht urteilend, nur beobachtend:
Wir ziehen uns zurück.
Spätestens seit Corona haben wir uns in unsere Mikrokosmen zurückgezogen. Wir vermeiden schwierige Kontakte und Gespräche. Sobald es unbequem wird, gehen wir. Wir sind müde, in Diskussionen zu gehen. Wir suchen im Privaten, was wir im Umfeld nicht mehr finden: Eine heile Welt, in der immer alles gut ist.
Erst letzte Woche erzählten mir drei Führungskräfte im Coaching eine bemerkenswerte Geschichte: Zu ihrer Anfangszeit im Job wäre es völlig normal gewesen, zu diskutieren, auch laut, auch mal wütend den Raum zu verlassen, und am nächsten Tag wieder von vorne zu beginnen. Ja, es durfte auch mal laut werden. Sogar ein bisschen „dreckig“ im Ton.
Heute? Wird es zum Problem, sobald die Diskussion anspruchsvoller wird. Es wird als Belastung wahrgenommen. Das „harmonische Feld“ ist verletzt.
Das Paradoxon der psychologischen Sicherheit:
Alle schreien danach. Alle wollen, dass alles gesagt und ausgesprochen werden kann. Dass eine echte Fehlerkultur existiert. Dass man verletzlich sein darf, ohne verurteilt zu werden. Dass unterschiedliche Meinungen Raum haben. Dass man auch mal falsch liegen darf.
Und gleichzeitig? Wird es nicht mehr gehalten. Sobald es wirklich kontrovers wird, heißt es: „Die Beziehungsebene stimmt nicht mehr.“
Mit unseren Tieren müssen wir nicht diskutieren. Sie werden uns nicht auf die Art verraten wie Menschen. Sie widersprechen nicht. Sie urteilen nicht. Sie fordern keine Rechtfertigung.
Und gleichzeitig, ist es nicht unfassbar schade, dass wir diese Kultur nicht mehr verfolgen? Eine Kultur, die doch so bereichernd war?
Einstein wird das Zitat zugeschrieben: „Ein Abend, an dem sich alle Anwesenden völlig einig sind, ist ein verlorener Abend.“
Psychologisch brauchen wir diese Rückzugsorte. Wir brauchen Räume, in denen wir bedingungslos geliebt werden. In denen wir nicht performen müssen. In denen wir einfach sein dürfen. Unsere Tiere geben uns das.
Aber während wir diese sichere Basis aufbauen, verlieren wir die Fähigkeit zur produktiven Auseinandersetzung. Wir verwechseln Harmonie mit psychologischer Sicherheit. Wir denken, echte Sicherheit bedeutet Konfliktfreiheit, dabei bedeutet sie eigentlich: die Sicherheit, auch im Konflikt nicht aus der Beziehung zu fallen.
Wir fallen aus der Diskussionskultur. Und das ist ein Verlust. Für Teams. Für Beziehungen. Für Innovation. Für Fortschritt.
Vielleicht wäre es gut, mal wieder ein paar diskussionsreiche Abende zu haben. Vielleicht brauchen wir ein Spiel, ein Format, bei dem heftige Diskussionen erlaubt sind, Streitkultur geübt werden kann, ohne dass es persönlich wird oder persönlich genommen wird.
Einen Raum, in dem wir lernen: Man kann unterschiedlicher Meinung sein UND sich dennoch respektieren. Man kann streiten UND am nächsten Tag wieder gemeinsam arbeiten. Man kann laut werden UND trotzdem professionell bleiben.
Was denkt ihr? Wie haltet ihr die Balance zwischen dem Bedürfnis nach Harmonie und der Notwendigkeit produktiver Auseinandersetzungen?
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