Mein Erzfeind stand vor der Tür

Ich möchte zunächst festhalten:

Ich hatte einen guten Tag.

Ich war ausgeglichen.
Ich war ansprechbar.
Ich war ein moderner, reflektierter Hund.

Dann ging die Haustür bei Oma und Opa auf.

Und da stand er.

Zehn Meter entfernt.

CARLO.

Mein Erzfeind.
Mein Endgegner.
Mein persönlicher Voldemort mit Leine.

Ich sah ihn.

Er sah mich.

Und in meinem Kopf fiel eine sehr differenzierte Entscheidung:

AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!

Flusen.exe wurde unerwartet beendet

Annette hatte mich an der Leine.

Dagmar hatte Enjah.

Alles war friedlich.

Bis mein Nervensystem innerhalb von ungefähr 0,03 Sekunden von

„Ach, schön bei Oma und Opa“

auf

„DIE APOKALYPSE HAT EINEN NAMEN UND ER HEISST CARLO“

umschaltete.

Ich bellte.

Ich tobte.

Ich sprang.

Ich brüllte Dinge, die ich hier aus Gründen des Jugendschutzes nicht wiedergeben möchte.

Annette versuchte, mich festzuhalten.

Dabei fiel Dagmars Rechner runter.

Das möchte ich ausdrücklich richtigstellen:

Der Rechner war Kollateralschaden.

Ich hatte keine persönliche Auseinandersetzung mit ihm.

Enjah bellte auch einmal.

Vermutlich wollte sie fragen, ob das jetzt eine Familienveranstaltung sei.

Dagmar:

„Enjah!“

Enjah:

„Okay.“

Setzte sich quasi hin und war wieder ansprechbar.

Streberin.

Währenddessen bei mir: Bürgerkrieg

Carlo stand immer noch da.

Zehn Meter!

Zehn Meter sind objektiv eine Entfernung.

Subjektiv befand er sich IN MEINEM GESICHT.

Dagmar war währenddessen kurz erstarrt.

Verständlich.

Man sieht schließlich nicht jeden Tag, wie 14 Kilo Blue Merle versuchen, sich in einen ausgewachsenen Berserker zu verwandeln.

Dann fragte sie Annette:

„Kannst du ihn noch halten?“

Annette:

„Nicht mehr lange.“

An diesem Punkt wurde die Geschäftsführung ausgetauscht.

Dagmar übernahm meine Leine.

Schlechte Personalentscheidung.

Für mich.

Dann wurde Dagmar zum Rottweiler

Und plötzlich hatte ich ein Problem.

Denn Dagmar versuchte nicht, mich mit einem freundlichen:

„Flusen, möchtest du vielleicht wieder Kontakt zu deinem präfrontalen Cortex aufnehmen?“

zu erreichen.

Nein.

DAGMAR ESKALIERTE ZURÜCK.

Nicht einfach nur laut.

Energie.

Volle Präsenz.

Hundert Prozent:

FLUSEN. JETZT. IST. SCHLUSS.

Ich war gerade emotional auf ungefähr 147.

Dagmar kam auf 148.

Und plötzlich geschah etwas Bemerkenswertes.

Ich hörte sie.

Ich kam zurück.

Ich setzte mich.

Gut, ich knurrte noch.

Man muss schließlich seine Würde behalten.

Aber ich war wieder da.

Bei ihr.

Carlo ging weiter.

Ich:

AAAAAAAA—

Dagmar:

FLUSEN!

Ich:

…

grummel.

Und blieb.

Das eigentlich Verrückte

Jetzt muss kurz Dagmar übernehmen.

Denn so lustig es im Nachhinein klingt: Ich bin darauf tatsächlich stolz.

Nicht darauf, dass Flusen so eskaliert ist. Das war heftig. Richtig heftig.

Sondern darauf, was danach passiert ist.

Früher hätte ich mir kaum zugetraut, in so einer Situation überhaupt noch zu ihm durchzukommen.

Diesmal habe ich ihn erreicht.

Mit einer Energie, die zu seiner Erregung durchdringen konnte. Bei mir war sie laut – sehr laut sogar. Nicht weil Energie grundsätzlich Lautstärke bedeutet, sondern weil ich offenbar noch keinen Flüstermodus für „MEIN HUND IST GERADE KOMPLETT IRRE“ entwickelt habe.

Und noch etwas war anders.

Ich habe ihn korrigiert.

Deutlich.

Und Flusen hat das angenommen.

Er hat sich zu mir zurückorientiert.

Er ist geblieben.

Hätte man mich früher gefragt, ob ich in so einem Zustand so klar an ihn herantreten würde, hätte ich vermutlich gesagt:

Auf gar keinen Fall. Der frisst mich gleich mit.

Heute fühlt sich unsere Beziehung anders an.

Er kann völlig außer sich sein – und trotzdem bin ich für ihn offenbar nicht weg.

Und er für mich übrigens auch nicht.

Männer halt

Hunde ins Auto.

Puls langsam wieder unterhalb der Wiederbelebungsgrenze.

Da kam eine Nachbarin mit ihrem Hund vorbei.

„Gehören die jetzt beide zu euch?“

Ja.

„Und was ist mit eurem anderen?“

Der musste gehen.

Sie schaut unsere beiden an.

„Wollt ihr irgendwann Kleine? Züchten?“

Nein, leider nicht.

Sie schaut Richtung Flusen.

Dann zu mir.

Und sagt sinngemäß:

„Männer sind halt so.“

Ich musste lachen.

Da stand er also.

Mein kleiner hormonfreier, kastrierter Kronzeuge für die These:

Männer. Was willste machen.

Freispruch wegen Geschlecht.

Und dann ist da Enjah

Und ja, man darf es vielleicht nicht sagen.

Ich sage es trotzdem.

Flusen nervt mich manchmal.

Ich war schon wütend auf ihn.

Richtig.

Enjah?

Noch nie.

Keine einzige Sekunde.

Dieses kleine Wesen ist so zugewandt, so aufmerksam, so unfassbar komisch, dass ich selbst nachts im Garten stehen und denken kann:

Warum genau pinkeln wir eigentlich um 3:17 Uhr?

Und gleichzeitig:

Ach, guck sie dir an. Meine kleine Zuckerpuppe.

Flusen dagegen ist Flusen.

Sehr bei sich.

Sehr klar.

Sehr:

„Ich habe meine eigene Agenda, Dagmar. Schön, dass du auch hier wohnst.“

Und trotzdem liebe ich diesen Hund abgöttisch.

Vielleicht sogar nicht obwohl er so ist.

Sondern auch deswegen.

Ich bin Team Flusen.

Selbst wenn Team Flusen gelegentlich dazu führt, dass Computer auf Asphalt einschlagen.

Oma, Opa – GENAU DESHALB!

Danach ging ich noch einmal zu meinen Eltern.

Die hatten alles mitbekommen.

Sie waren einigermaßen fassungslos.

Ich sagte nur:

„Und genau deshalb macht ihr bitte niemals einfach die Haustür auf.“

Denn bei aller Komik:

Carlo ist Flusen körperlich überlegen. Wenn die beiden wirklich aufeinanderträfen, wäre das nicht lustig.

Und meine Eltern könnten Flusen in diesem Zustand nicht halten.

Das gestrige Spektakel hatte also immerhin einen gewissen pädagogischen Mehrwert.

Live-Demonstration statt PowerPoint.

Sehr anschaulich.

Nachhaltiger Lernerfolg wahrscheinlich gesichert.

Und Flusen?

Der würde diesen Beitrag vermutlich gern richtigstellen.

Aus seiner Sicht war die Sache nämlich vollkommen eindeutig:

Er verließ friedlich das Haus seiner Großeltern.

Plötzlich tauchte in nur zehn Metern Entfernung DAS BÖSE auf.

Er übernahm unverzüglich die Gefahrenabwehr.

Die IT-Ausstattung erlitt geringfügige Verluste.

Eine Mitarbeiterin verlor kurzzeitig die Nerven.

Und am Ende konnte die Bedrohung erfolgreich zum Weitergehen bewegt werden.

Einsatzbericht Flusen

Gefahr erkannt: ✔️
Gefahr angeschrien: ✔️
Familie beschützt: laut Flusen ✔️
Laptop beschützt: ❌
Auf Dagmar gehört: überraschenderweise ✔️
Carlo vernichtet: ❌
Würde bewahrt: darüber gehen die Meinungen auseinander.

Und vielleicht ist genau dieser letzte Haken für mich der wichtigste.

Mein kleiner Irrer war gestern für einen Moment wieder genau der Flusen von früher.

Aber ich war nicht mehr die Dagmar von früher.

Und offenbar hat Flusen das auch gemerkt. ❤️🐾