Ein winziger Knochen, sechs Wochen Hausarrest und ich als Türidiotin

Es war eine Sekunde.

Enjah links von mir.

Flusen rechts.

Ich ziehe die Haustür hinter uns zu.

Und dann dieser Schrei.

So laut, so hell, so sofort mitten durch mich hindurch, dass ich in derselben Sekunde wusste:

Scheiße.

Enjah.

Pfote.

Tür.

Ich Depp.

Warum habe ich nicht geguckt?

Warum habe ich nicht gesehen, wo ihre Pfote ist?

Warum ziehe ich überhaupt Türen zu, als wäre ich ein Mensch, der das Konzept Hund seit gestern kennt?

Sie schrie.

Flusen fiepte gleich mit.

Ich glaube, er wusste zwar überhaupt nicht, was passiert war, aber wenn ein Rudelmitglied schreit, kann man schließlich nicht einfach dastehen und sagen:

„Tja. Bedauerlich.“

Also weinten kurz beide.

Und ich innerlich gleich hinterher.

Diese winzige blutige Stelle

Von außen sah man fast nichts.

Eine kleine blutige Stelle.

Mehr nicht.

Und natürlich begann mein Gehirn sofort zu verhandeln.

Vielleicht nur gequetscht.

Vielleicht nur erschrocken.

Vielleicht gleich wieder gut.

Vielleicht bin ich keine vollständige Türversagerin.

Beim Tierarzt wurde geröntgt.

Und da war er.

Dieser winzige Knochen.

Dieses kleine Fußglied.

Einmal durch.

So klein, dass ich auf dem Röntgenbild erst dachte:

Das?

DAS ist jetzt unser Problem?

Dieser Krümel Knochen?

Ja.

Dieser Krümel Knochen war gebrochen.

Und plötzlich fühlte sich meine Haustür ungefähr an wie ein mittelalterliches Folterinstrument, das ich höchstpersönlich konstruiert hatte.

24 Stunden zwischen Hoffen und Googleverbot

Dann hieß es warten.

24 Stunden.

Schauen, ob operiert werden muss oder ob wir konservativ behandeln können.

Ich beschloss in dieser Zeit selbstverständlich, ganz vernünftig zu bleiben.

Also ungefähr sieben Minuten lang.

Danach schaute ich Enjahs Pfote an.

Dann Enjah.

Dann wieder die Pfote.

Dann fragte ich mich erneut:

Warum hast du nicht geguckt?

Ich meine, ernsthaft.

ICH PASSE DOCH SONST AUF ALLES AUF.

Ich sehe Blätter, bevor Flusen sie anpöbelt.

Ich erkenne Essbares auf Waldwegen auf eine Distanz von ungefähr 400 Metern.

Ich kann Enjah an der Pupillengröße ansehen, ob sie gerade plant, etwas zu stehlen.

Aber eine Pfote in einer Tür?

Nein.

Da war mein gesamtes Frühwarnsystem offenbar kurz in der Mittagspause.

Wir haben Glück

Nach 24 Stunden kam die gute Nachricht.

Keine Operation.

Konservativ.

Eine Woche Schmerzmittel.

Und dann der Satz, der mich beinahe laut lachen ließ:

Sechs Wochen so wenig Bewegung wie möglich.

Kein Toben.

Keine Spaziergänge.

Ich schaute Enjah an.

Einjährige Australian Shepherd Hündin.

Australian Shepherd.

Ein Jahr.

Sechs Wochen.

Keine Spaziergänge.

Kein Toben.

Natürlich.

Warum nicht gleich:

„Bitte sorgen Sie außerdem dafür, dass sie täglich zwölf Stunden meditiert und sich mit stiller Aquarellmalerei beschäftigt.“

Ich habe schon Schwierigkeiten, Enjah davon zu überzeugen, dass man einen Nachmittag nicht zwingend mit acht verschiedenen Projekten gleichzeitig verbringen muss.

Jetzt soll ich ihr erklären:

„Mein Schatz, bis auf Weiteres besteht dein Hobby aus Liegen.“

Ich freue mich sehr auf dieses Gespräch.

Sie sicher auch.

Drei Pfoten reichen offenbar völlig

Am ersten Tag humpelte sie stark.

Sie setzte die Pfote überhaupt nicht auf.

Und ich dachte:

Jetzt wird sie wenigstens langsam machen.

Ha.

Natürlich nicht.

Enjah stellte innerhalb kürzester Zeit fest, dass drei Beine vollkommen ausreichend sind, wenn man grundsätzlich die aerodynamischen Eigenschaften eines Flummis besitzt.

Sie war auf drei Pfoten fast genauso schnell wie auf vier.

Ich stand da und dachte:

Das ist beeindruckend.

Das ist erschreckend.

Das ist völlig ungeeignet für die ärztliche Anweisung „möglichst wenig Bewegung“.

Nach 24 Stunden lief sie schon wieder fast normal.

Was natürlich schön ist.

Sehr schön.

Nur versucht man einem Hund, der sichtbar wieder laufen kann, einmal zu erklären, dass er trotzdem sechs Wochen lang NICHT laufen soll.

Enjahs Gesicht:

„Aber guck doch. Geht wieder.“

Ich:

„Ja.“

„Dann los.“

„Nein.“

„Warum?“

„Weil Knochen.“

„Welcher Knochen?“

„DER GEBROCHENE.“

„Merke ich nichts von.“

Das werden lange sechs Wochen.

Flusen bekam derweil Wellness durch die Nase

Flusen war natürlich mit beim Tierarzt.

Rudeltermin.

Wenn schon einer leidet, können wir schließlich nicht einfach zulassen, dass der andere einen entspannten Vormittag hat.

Weil Flusen immer wieder diese Halsgeschichten hat, bekam er eine Impfung über die Nase.

Der Tierarzt fragte vorher:

„Der ist aber lieb, oder?“

Ich sagte:

„Ja. Schon.“

Und ich finde, dieses „schon“ war sehr präzise.

Flusen ist lieb.

Aber Flusen besitzt auch Meinungen.

Starke Meinungen.

Vor allem zu medizinischen Maßnahmen, die unangekündigt in seine Körperöffnungen stattfinden.

Dann kam die Nasendusche.

Flusens Gesicht war unbezahlbar.

Absolute Fassungslosigkeit.

„ENTSCHULDIGUNG?

Was genau war DAS?

Ich bin hier als emotionaler Beistand mitgekommen.“

Er hielt es tapfer aus.

Aber sein Blick sagte sehr deutlich, dass er diesen Tierarztbesuch später noch in Ruhe bewerten würde.

Mit einem Stern.

Vielleicht zwei, weil es irgendwo Leckerchen gab.

Enjah sagt Nein zum Röntgen

Enjah fand das Röntgen zunächst ebenfalls völlig überflüssig.

Fremde Menschen wollten ihre Pfote anfassen.

Positionieren.

Festhalten.

Enjah verstand den Sinn nicht.

Und wenn Enjah etwas nicht versteht, gibt es selten ein höfliches:

„Könnten Sie mir das bitte noch einmal erläutern?“

Es gibt eher:

NEIN.

Mit Ganzkörpereinsatz.

Ich sagte irgendwann:

„Ich kann sie halten.“

Denn das kenne ich von ihr.

Wenn sie nicht weiß, was passiert, wehrt sie sich.

Wenn sie bei mir ist, geht vieles plötzlich doch.

Und dann wurde ich gefragt, ob ich schwanger bin

Bevor ich beim Röntgen helfen durfte, kam die obligatorische Frage:

„Sie sind aber nicht schwanger, oder?“

Ich musste innerlich lachen.

Sehr.

Ab einem gewissen Alter verändert sich die Bedeutung solcher Fragen.

Mit Mitte zwanzig denkt man vielleicht:

Routine.

Mit Mitte fünfzig denke ich:

Ach.

Wie reizend.

Danke.

Ich nehme das jetzt einfach als Kompliment.

Nein.

Ich bin nicht schwanger.

Aber schön, dass wir kurz alle Möglichkeiten offenhalten.

Also bekam ich Schutzkleidung, nahm Enjah zu mir und hielt sie.

Und plötzlich ging es.

Nicht begeistert.

Nicht freiwillig.

Aber ruhig genug.

Sie lag bei mir und ließ es geschehen.

Und da war wieder dieses kleine Ziehen im Herzen.

Dieses Vertrauen.

Dieses:

Ich verstehe nicht, was hier passiert.

Aber du bist da.

Also halte ich das aus.

So klein und plötzlich so wichtig

Dann sah ich das Röntgenbild.

Dieses winzige Fußglied.

Gebrochen.

So absurd klein.

Ein Stückchen Knochen, das in meinem Alltag vorher keinerlei Bedeutung hatte.

Und plötzlich dreht sich alles darum.

Wann sie läuft.

Wie sie läuft.

Ob sie auftritt.

Wie oft sie aufsteht.

Ob sie springen will.

Natürlich will sie springen.

Enjah will vermutlich auch mit gebrochener Pfote noch kurz die Welt retten.

Man weiß ja nie, ob sie ohne ihre Mitarbeit zurechtkommt.

Jetzt braucht sie ALLE

Seitdem ist sie noch verschmuster.

Was bei Enjah durchaus eine Leistung ist.

Sie liegt am liebsten auf meinen Füßen.

Nicht daneben.

Darauf.

So, dass ich eindeutig verstehe:

Du bleibst.

Ich bin verletzt.

Das Rudel wird jetzt nicht unnötig auseinandergerissen.

Flusen hier.

Annette hier.

Du hier.

ALLE.

Keine privaten Termine.

Keine Alleingänge.

Keine Individualisierung.

Wir sind jetzt ein verletzungsbedingt sehr eng geführtes Familiensystem.

Und ehrlich gesagt glaube ich, dass sie die Sache durchaus zu nutzen weiß.

Über Schmerzmittel und andere Grundrechte

Denn selbstverständlich gibt es nun auch mehr Leckerchen.

Das ist medizinisch sicher nicht zwingend erforderlich.

Aber Enjah und ich sind uns einig, dass Heilung komplex ist.

Körper.

Seele.

Knochen.

Käse.

Alles hängt irgendwie zusammen.

Sie nimmt die Schmerzmittel tapfer.

Sie lässt sich kuscheln.

Sie liegt auf meinen Füßen.

Und schaut mich mit diesem Blick an, der sehr eindeutig sagt:

„Ich habe übrigens einen gebrochenen Knochen.“

Ja.

Ich weiß.

„Einen GEBROCHENEN.“

Ja.

„Das ist schlimm.“

Ja.

„Ich denke, zwei Leckerchen wären angemessen.“

Natürlich.

Und ich?

Ich ärgere mich immer noch über mich.

Sehr.

Weil ich nicht geguckt habe.

Weil eine einzige unachtsame Bewegung gereicht hat.

Ich kann mir hundertmal sagen, dass Dinge passieren.

Dass Hunde schnell sind.

Dass Türen Türen sind.

Aber da ist trotzdem dieser Gedanke:

Ich hätte aufpassen müssen.

Vielleicht gehört auch das dazu.

Dieser kurze Schmerz darüber, dass ich sie schützen will und es trotzdem nicht immer kann.

Dass ich noch so aufmerksam sein kann und trotzdem Sekunden existieren, in denen das Leben schneller ist als ich.

Jetzt kann ich die Tür von gestern nicht mehr aufmachen.

Also sitze ich heute hier.

Mit einer Einjährigen, die sechs Wochen lang möglichst nichts tun soll.

Was ungefähr so realistisch klingt wie sechs Wochen Urlaub in einem Vulkan.

Flusen liegt in der Nähe.

Enjah auf meinen Füßen.

Das Rudel ist vollständig.

Und irgendwo zwischen schlechtem Gewissen, Schmerzmitteln, Kuscheln und absurden Mengen an Management denke ich:

Gut.

Dann machen wir das eben.

Sechs Wochen.

Sehr wenig Bewegung.

Kein Toben.

Keine Spaziergänge.

Mit Enjah.

Ich bin sicher, das wird vollkommen entspannt.

HAHA.

Nein.