Wenn du lieber hörst

Dreizehn Hunde, eine Schulter und der Mann mit den Keksen

Manchmal glaube ich, ich beobachte meine Hunde.

Und dann gibt es Tage, an denen mir ziemlich deutlich wird:

Die beobachten längst mich.

Sehr genau sogar.

Keksschule mit Großveranstaltungscharakter

Diesmal waren dreizehn Hunde in der Keksschule.

DREIZEHN.

Unterschiedlichste Rassen, unterschiedlichste Größen, unterschiedlichste Vorstellungen davon, wie viel Meinung man zu anderen Hunden haben sollte.

Schon beim Reingehen meldete Enjah sich.

„HALLO. ICH BIN DA. WER NOCH?“

Ein paar Hunde antworteten.

Natürlich.

Innerhalb von Sekunden hatten wir so etwas wie die akustische Anwesenheitsliste erledigt.

Auf dem Platz dann Gewusel ohne Ende.

Und Enjah?

Bei mir.

Komplett.

„Was machen wir?“

Sitz.

Keks.

„Weiter.“

Fuß.

Keks.

„Weiter.“

Slalom durch sieben Menschen mit Hunden, die in ungefähr anderthalb Meter Abstand standen.

Lockere Leine.

Keine große Sache.

Enjah lief da durch, als wäre sie auf dem Weg zu einem wichtigen Geschäftstermin.

Ich war ziemlich begeistert.

Was ich ihr natürlich auch ungefähr alle sechs Sekunden mitteilte.

Denn normalerweise rede ich in solchen Situationen fast ununterbrochen mit ihr.

„Super.“

„Gut.“

„Genau.“

„Fein.“

„Ja.“

Ich bin ihr persönliches Hintergrundradio.

Sender Dagmar.

Vierundzwanzig Stunden Lob, mit gelegentlicher Kekswerbung.

Dann machte ich einen Fehler

Wir mussten warten.

Lange.

Und auf dem Platz war noch ein anderer junger Aussie.

Bildhübsch.

Wirklich unfassbar schön.

Und aus meiner Sicht ungefähr so reaktiv, dass sein Nervensystem bereits drei Situationen weiter war als sein Körper.

Ich war fasziniert.

Also schaute ich.

Und schaute.

Und sagte eine Weile nichts zu Enjah.

Plötzlich:

„WAU!“

Ich sehe runter.

Enjah sieht mich an.

Vorwurfsvoll.

„Entschuldigung?“

„Was?“

„ICH bin hier.“

„Ja.“

„Ich bin die ganze Zeit bei dir.“

„Stimmt.“

„Dann könntest DU vielleicht freundlicherweise auch bei MIR sein.“

Ich musste lachen.

Dachte aber:

Zufall.

Also probierte ich es noch einmal.

Ich ignorierte sie bewusst.

Schaute wieder zu den anderen.

Kurze Zeit später:

„WAU!“

Blick direkt in meine Augen.

„Noch Fragen?“

Nein.

Eigentlich nicht.

Fokus ist bei Enjah offenbar keine Einbahnstraße.

Wenn sie sich schon mitten zwischen dreizehn Hunden für mich entscheidet, dann erwartet sie gefälligst eine angemessene Gegenleistung.

Bindung mit Servicevertrag.

Dann sollte ich sie aussetzen

Später Abrufübung.

Hund in die Mitte.

Leine los.

Zurückgehen.

Abrufen.

Rundherum andere Hunde.

Was soll schon passieren.

Ich setze Enjah hin.

Ein Schritt zurück.

Sie sitzt.

Zwei Schritte.

Sie sitzt.

Drei Schritte.

Ihr Gesicht verändert sich.

„Dagmar.“

Ich gehe noch ein kleines Stück.

„DAGMAR.“

Ihr Blick:

„Ich befinde mich hier mitten in der Höhle des Hunderudels.“

„Du bist sicher.“

„Das behauptest DU von da hinten.“

Ich gehe weiter.

Enjah steht auf.

„Nein.“

Ich schicke sie zurück.

Sie setzt sich wieder.

Sehr widerwillig.

„Das kommt später in meine Bewertung.“

Dann endlich das Abrufwort.

Und Enjah fliegt.

Nicht läuft.

Fliegt.

Direkt zu mir.

Fast hätte ich erwartet, dass sie sich an meinem Bein festklammert und sagt:

„Mach das nie wieder.“

Montags sprechen plötzlich Schultern

Beim Rally Obedience waren dann beide wieder großartig.

Flusen konzentriert.

Enjah konzentriert.

Ich bemüht, wenigstens nicht diejenige zu sein, die den Parcours ruiniert.

Dann sagt die Trainerin:

„Wenn du willst, dass sie links eng gehen, kündige es einfach früh mit deiner linken Schulter an.“

Ich dachte:

Eine Schulter.

Na klar.

So einfach wird das bestimmt sein.

Ich bewege meine linke Schulter.

Hund geht links.

Eng.

Sauber.

Ohne ein Wort.

Ich wiederhole es.

Wieder perfekt.

Ich war völlig fasziniert.

Da trainiere ich Wörter.

Kommandos.

Tonlagen.

Lobe.

Erkläre.

Rede mir den Mund fusselig.

Und beide Hunde offenbar:

„Sie hätte einfach die Schulter bewegen können.“

Flusen wahrscheinlich:

„Wir wollten es ihr nicht sagen.“

Enjah:

„Sie redet halt gern.“

Freund oder Feind

Ein paar Tage später waren wir früh unterwegs.

Dunkel.

Auf der anderen Straßenseite eine Frau.

Dann ein Hund.

Ich ohne Brille.

Also ungefähr visuelle Informationslage Nebel mit Beinen.

Flusen wurde unruhig.

Dann bellte er.

Aber anders.

Nicht sein:

„VERSCHWINDE AUS MEINEM DORF.“

Mehr:

„HEY.“

Von drüben kam Bellen zurück.

Und plötzlich wusste ich:

Lennox.

Flusens Freund.

Einer der wenigen Hunde, die irgendwann vom Status potenzieller Staatsfeind in die Kategorie allerbester Kumpel befördert wurden.

Das hat gedauert.

Sehr lange sogar.

Flusen musste Lennox zunächst ausführlich erklären, dass Freundschaft ausgeschlossen ist.

Lennox blieb nett.

Seine Halterin auch.

Und irgendwann hatte Flusen offenbar sämtliche Sicherheitsprüfungen abgeschlossen.

Danach tobten die beiden miteinander, als hätten sie sich seit dem Welpenkindergarten gekannt.

Nun standen sie sich nach längerer Zeit wieder gegenüber.

„FLUSEN!“

„LENNOX!“

Enjah:

„ICH VERSTEHE NICHTS, ABER ICH BELLE EINFACH MIT.“

Wir verabredeten uns zum Spaziergang.

Flusen war sofort wieder ruhig.

Lennox auch.

Und dann ging Enjah zu Flusen.

Leckte ihm an den Lefzen.

Ganz kurz.

Ganz fein.

Ich hätte schwören können, sie fragte:

„Freund oder Feind?“

Und Flusen sagte:

„Freund.“

Kurze Pause.

„Sehr guter Freund.“

Und damit war die Sache geklärt.

Ich fand diesen kleinen Moment so zart, dass mein Herz kurz nicht wusste, ob es lachen oder schmelzen soll.

Der berühmteste Mann des Dorfes

Und dann gibt es natürlich noch ihn.

Den Postboten.

In unserem Rudel ungefähr auf einer Ebene mit Weihnachtsmann, Lieferdienst und persönlichem Sternekoch.

Mann.

Gelbes Auto.

Und manchmal Kekse.

Eine Kombination, gegen die ich als Bezugsperson kaum ankomme.

Er hat hier sogar schon einmal geklingelt, nur um den beiden Leckerchen zu bringen.

Einfach so.

Enjah war damals völlig fassungslos.

„Moment.“

„Ja.“

„Es klingelt.“

„Ja.“

„Ein fremder Mann steht da.“

„Ja.“

„UND KEKSE FLIEGEN INS MAUL?“

„Offenbar.“

Ich sah förmlich, wie sich ihr Weltbild neu sortierte.

Das Leben war plötzlich viel besser als erwartet.

Heute kam der Keksmann im falschen Auto

Heute Morgen hält plötzlich ein weißes Auto neben uns.

Fenster runter.

„Hallo Flusen, hallo Enjah.“

Beide explodieren vor Freude.

DIE STIMME.

DER KEKSMANN.

Flusen:

„ICH KENNE IHN.“

Enjah:

„ICH AUCH.“

Schwänze.

Freude.

Ganzkörperparty.

Und dann fährt er weiter.

Ohne Keks.

Stille.

Ich konnte die Enttäuschung förmlich hören.

Enjah sah dem Auto nach.

„Was war das denn?“

Flusen:

„Merkwürdig.“

„Vielleicht haben wir uns nicht genug gefreut.“

„Unwahrscheinlich.“

„Dann vielleicht weißes Auto.“

„Was?“

„Abspeichern. Keksmann kann offenbar auch weiß.“

Flusen dachte kurz nach.

„Guter Hinweis.“

Und ich lief weiter mit zwei Hunden, die vermutlich gerade ihre interne Datenbank aktualisierten.

Gelbes Auto mit Mann.

Sehr hohe Kekswahrscheinlichkeit.

Weißes Auto mit bekannter Stimme.

Weiter beobachten.

Und ich mitten drin

Vielleicht liebe ich genau das so sehr an ihnen.

Diese Genauigkeit.

Diese winzigen Rückfragen.

Ein Blick.

Eine Schulter.

Ein Lefzenlecken.

Ein bekanntes Bellen.

Eine Stimme aus einem falschen Auto.

Sie lesen permanent.

Mich.

Einander.

Die Welt.

Und während ich noch denke, ich würde ihnen gerade etwas beibringen, haben sie längst zehn andere Dinge gelernt, die ich überhaupt nicht auf dem Lehrplan hatte.

Enjah, dass Aufmerksamkeit gegenseitig ist.

Flusen, dass alte Freunde auch im Dunkeln Freunde bleiben.

Beide, dass meine linke Schulter offenbar verlässlicher kommuniziert als mein gesamter Wortschatz.

Und selbstverständlich:

Dass ein Postbote niemals nur ein Postbote ist.

Manchmal ist er ein fahrendes Keksversprechen.