Der Tag, an dem Enjah satt wurde

Ich muss über meine Freundin Enjah sprechen.

Ich mag Enjah inzwischen wirklich sehr.

Und das ist bemerkenswert, denn ich bin Flusen und mein Verhältnis zu anderen Hunden lässt sich normalerweise ungefähr so zusammenfassen:

„Schön, dass es dich gibt. Woanders.“

Körperkontakt? Nein.
An mir schnüffeln? Auf keinen Fall.
Individualdistanz? Großzügig bemessen, danke.

Aber Enjah?

Enjah darf an mir schnüffeln. Ich schnüffele sogar an ihr. Wenn sie mit Dagmar hinten im Office ist und ich sie bellen höre, will ich unbedingt zu ihr. Und wenn ich sie wiedersehe, freue ich mich wie bekloppt.

Offenbar habe ich eine richtig gute Freundin. Vielleicht sogar meine beste Freundin.

Leider eine kriminelle.

Ein ganz normaler Morgen

Heute: Regen.

Dagmar: „Wir gehen laufen.“

Wir: „Es regnet.“

Dagmar: „Ja.“

Damit war die Diskussion beendet.

Nach dem Laufen sahen wir aus wie zwei panierte Sumpfratten und mussten in die Hundedusche im Keller.

Erst Enjah.

Dann ich.

Enjah war also schon ein bisschen früher fertig und auf dem Weg nach oben, während Dagmar noch damit beschäftigt war, mich zu duschen.

Danach geht es die Kellertreppe hoch in den Flur.

Die Tür dorthin war geschlossen.

Eigentlich.

„Eigentlich“ ist ein Wort, das seit Enjahs Einzug bei uns sehr an Bedeutung gewonnen hat.

Denn irgendwie hatte Enjah es geschafft, nach oben zu kommen.

Wie?

Keine Ahnung.

Diese Hündin scheitert manchmal daran, eine Frisbee zu verstehen, aber verschlossene Wege zu Lebensmitteln löst sie auf Promotionsniveau.

Tatort: zwei Futternäpfe

Oben hatte Annette bereits unser Frühstück hingestellt.

Zwei volle Näpfe.

Wichtig: Wir dürfen erst ans Futter, wenn Annette oder Dagmar es freigeben.

Das nennt man Impulskontrolle.

Ich beherrsche Impulskontrolle.

Enjah beherrscht offenbar Marktwirtschaft.

Als Dagmar endlich nach oben kam, fand sie folgende Situation vor:

Ich saß brav vor meinem Napf.

Mein Napf war leer.

LEER.

Daneben stand Enjah und fraß vollkommen entspannt aus ihrem eigenen Napf.

Ich sah Dagmar an.

Dann meinen Napf.

Dann Enjah.

Dann wieder Dagmar.

Mein Blick:

„Ich möchte wirklich niemanden anschwärzen, aber wir haben hier ein Governance-Problem.“

Die Ermittlungen

Dagmar rief:

„Annette, hast du das Futter freigegeben?“

Von oben:

„Nein!“

Stille.

Alle sahen Enjah an.

Enjah:

Mampf.

Damit ließ sich der Tathergang ziemlich exakt rekonstruieren.

Enjah war nach oben gekommen.

Zwei Näpfe.

Kurze Risikoanalyse.

Napf Flusen: größere Portion.
Napf Enjah: kleinere Portion.

Und weil das Mädchen offenbar betriebswirtschaftlich denkt:

Zuerst das Fremdkapital abschöpfen.

Danach eigenes Vermögen sichern.

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal festhalten:

ICH SASS DANEBEN.

Diese kleine Verbrecherin hat vor meinen Augen mein KOMPLETTES Frühstück gefressen.

Und ich habe nichts getan.

Weil.

Das.

Futter.

Noch.

Nicht.

Freigegeben.

War.

Ich schwanke seitdem zwischen:

„Was für ein unfassbar gut erzogener Hund bin ich bitte?“

und

„Flusen, du bist schon auch ein bisschen doof.“

Stellungnahme der Beschuldigten

Ich möchte mich kurz äußern.

Hallo. Enjah hier.

Ich weise sämtliche Vorwürfe zurück.

Ich habe zwei Näpfe vorgefunden.

Einen großen.

Einen kleinen.

Keine Kennzeichnung.

Keine Absperrung.

Keine Aufsichtsperson.

Flusen saß daneben und erhob keinerlei Besitzansprüche.

Ich bin von einer Buffet-Situation ausgegangen.

Als verantwortungsbewusste junge Hündin habe ich außerdem darauf geachtet, dass keine Lebensmittel verschwendet werden.

Gern geschehen.

Dann geschah das Unfassbare

Flusen bekam natürlich ein neues Frühstück.

Und bei Enjah ereignete sich etwas, das wir in diesem Haushalt noch nie beobachten konnten:

Sie war satt.

Nicht Aussie-satt.

Also:

„Vielen Dank für die Mahlzeit. Was essen wir jetzt?“

Sondern richtig satt.

Voll.

Randvoll.

Presswurst mit Fell.

Als sie später mit Dagmar hinten im Office war, konnte sie nur noch auf der Seite oder auf dem Rücken liegen.

Der Bauch hatte offenbar eine eigene Postleitzahl beantragt.

Keine Action.

Kein Herumrennen.

Keine dringenden Projekte.

Einfach:

Uff.

Dagmar betrachtete das schweigende, bewegungslose Tier vermutlich mit einer Mischung aus Sorge und wissenschaftlicher Faszination.

Ach SO bekommt man sie ruhig.

Mittagessen gab es selbstverständlich keines.

Enjah nahm diese Nachricht erstaunlich gelassen auf.

Vermutlich war in ihr schlicht kein freier Speicherplatz mehr vorhanden.

Und ich?

Ich mag sie trotzdem.

Heute werde ich mich wieder freuen, wenn sie kommt.

Sie darf weiterhin an mir schnüffeln.

Sie darf mir nahe sein.

Sie darf Dinge, die sonst kein Hund darf.

Offenbar ist das Freundschaft. Vielleicht sogar beste Freundschaft.

Man lässt jemanden in sein Leben.

Man lässt Nähe zu.

Man teilt sein Zuhause.

Man verzeiht Fehler.

Man wächst zusammen.

Aber nach den heutigen Ereignissen möchte ich eine persönliche Grenze noch einmal sehr klar formulieren:

Mein Herz gehört dir, Enjah.

MEIN FRÜHSTÜCK NICHT.

🐾 Flusen

Dicker Freund, Therapiehund, bester Freund wider Willen und Opfer eines bewaffneten Raubüberfalls ohne Waffen.