Wenn du lieber hörst

Der perfekte Tag. Fast.

Gestern war der perfekte Tag.

Also wirklich: PERFEKT.

Na ja.

Bis auf eine Sache.

Einen Stock.

Aber dazu später. Ich bin emotional noch nicht bereit.

Der Tag begann nämlich sensationell: Spaziergang mit dem ganzen Rudel. Flusen, Annette, Dagmar und ich. Große Runde. Alle zusammen.

Ich rannte, schnüffelte, guckte, rannte noch mal, kontrollierte kurz, ob alle noch da sind, rannte vorsichtshalber wieder los.

Herrlich.

Und jetzt kommt’s: Ich hatte vorher schon Frühstück bekommen.

Das heißt, ich ging satt spazieren.

Ich weiß nicht, wer dieses neue Lebenskonzept entwickelt hat, aber:

Bitte beibehalten.

Dann kamen wir nach Hause.

Und es gab zweites Frühstück.

Leute.

ZWEITES.

FRÜHSTÜCK.

Gefühlt ein ganzes Baguette mit Ei und Remoulade.

REMOULADE!

Wo hat man dieses Zeug bitte mein ganzes Leben vor mir versteckt?

Ja, ja. Ich höre sie schon, die gebarften Hunde:

„Also bei UNS gibt es so etwas nicht. Weißt du eigentlich, was in Remoulade alles drin ist?“

Nein.

Und ich möchte es auch nicht wissen.

Ich möchte in Remoulade baden.

Offiziell war das Ganze übrigens ein „Versehen“.

Dagmar hatte unser noch ziemlich weiches Ei auf Annettes Brot verteilt.

Tja.

Tragisch.

Für Annette.

Für uns war es ein kulinarischer Durchbruch.

Ich dachte: Besser kann dieser Tag nicht mehr werden.

Oh, süßes, naives Morgen-Enjah.

Denn dann:

FESTIVAL.

Fremde Menschen. Fremde Geräusche. Musik. Andere Hunde. Sogar zwei Aussies.

Ich habe am Anfang zweimal kurz gebellt.

Nicht aus Unsicherheit.

Politische Musik. Ich dachte, Beteiligung sei erwünscht.

Danach habe ich beschlossen, mir die Sache anzusehen.

Unsere Trainerin sagt schließlich: Unbekanntes darf man mit Keksen schönmachen.

Diese Frau versteht Hunde.

Musik? Keks.

Menschen? Keks.

Komisches Geräusch? Keks.

Hund? Keks.

Nichts passiert?

Ich schaue Dagmar an.

…

Keks.

Nach kurzer Zeit war ich tiefenentspannt und politisch erstaunlich interessiert.

Und dann sah ich ihn.

DEN STOCK.

Ein anderer Hund hatte einen gigantisch guten Stock.

Nicht zum Herumtragen.

Nein.

ZUM ZERFETZEN.

Meine absolute Kernkompetenz.

Der Hund kaute.

Es splitterte.

Es knackte.

Ich sah hin.

Ich sah zu Dagmar.

Ich sah wieder hin.

Ich erklärte mit meinem gesamten Körper:

„Entschuldigung. Da drüben findet gerade MEINE Veranstaltung statt.“

Ich durfte.

Nicht.

Hin.

Ich möchte darüber nicht sprechen.

Nur so viel:

Man nimmt einen jungen Hund mit auf ein Festival mit politischer Musik, konfrontiert ihn dort mit offensichtlicher sozialer Ungerechtigkeit und erwartet dann, dass er schweigt.

Finde den Fehler.

Grummel.

Zum Glück erholte sich der Tag.

Nachmittags hat Annette mit mir gespielt und wir haben Frisbee geübt.

Flusen kann das schon.

Natürlich.

Flusen kann immer alles.

Der kleine Streber fängt das Ding aus der Luft.

Ich habe das Prinzip noch nicht vollständig verstanden.

Mein derzeitiger Ansatz lautet:

FRISBEE! AAAAAAH! HINTERHER! WO IST ES? DA! AAAAAAH!

Technisch ausbaufähig.

Emotional hervorragend.

Dann Abendessen.

Große Portion.

Danach unsere Super-Kaustange.

Ich dachte:

So. Jetzt ist der Tag rehabilitiert.

Um 21 Uhr hatte ich allerdings ein weiteres Problem.

Meine Menschen saßen noch unten.

Warum?

Es war doch offensichtlich Bettzeit.

Zum Glück habe ich inzwischen herausgefunden, wie man Menschen zuverlässig ins Bett bekommt.

Man läuft unruhig durchs Wohnzimmer.

Legt sich hin.

Steht sofort wieder auf.

Geht zu Dagmar.

Streichel mich.

Geht zu Annette.

Streichel mich.

Wieder zu Dagmar.

Noch mal.

Dann ein bisschen herumlaufen.

Seufzen.

Flusen angucken.

Flusen schläft.

Flusen kurz ärgern.

Flusen: 😑

Weiterlaufen.

Streicheln lassen.

Keine Ruhe finden.

Noch mal Flusen belästigen.

Irgendwann fällt garantiert der magische Satz:

„Okay. Komm, wir gehen ins Bett.“

Funktioniert.

Jedes.

Verdammte.

Mal.

Menschen sind wirklich erstaunlich gut trainierbar.

Und so endete mein fast perfekter Tag:

Großer Rudelspaziergang.
Zweites Frühstück.
Remoulade entdeckt.
Festival überlebt.
Politisch gebellt.
Unmengen Kekse kassiert.
Frisbee gespielt.
Abendessen.
Kaustange.
Menschen erfolgreich ins Bett manipuliert.

Tagesbilanz: 9,8 von 10 Pfoten.

Die fehlenden 0,2?

DER STOCK, DAGMAR.

Ich habe nicht vergessen.

Ich werde nie vergessen.

🐾 Enjah
knapp ein Jahr alt, Remouladen-Connaisseurin, angehende Frisbee-Fachkraft und Überlebende des großen Stock-Skandals von 2026.