Ausflug in Enjahs alte Heimat
Wir haben Enjahs alte Heimat besucht.
Also den Ort, an dem sie ihre ersten zwei Wochen nach der Züchterin verbracht hat.
Eine wunderschöne Gegend, liebevolle Menschen, viel Natur.
Und dann kamen wir.
Mit Enjah und Flusen.
Damit war die Ruhe vorbei.
Enjah sprang aus dem Auto und war sofort im Modus:
„Moment.
Hier war ich doch schon mal.
Oder?
Da hinten kenne ich was.
Und da auch.
Und überhaupt muss ich jetzt ALLES gleichzeitig anschauen.“
Sie hüpfte durch die Gegend wie ein Flummi mit Erinnerungslücken.
Hier schnuppern.
Da gucken.
Dort hoch.
Wieder runter.
Man konnte ihrem Gesicht praktisch beim Denken zuschauen:
„Da war doch was.“
Ob sie sich wirklich erinnert hat, weiß ich natürlich nicht.
Aber sie wirkte ein bisschen wie jemand, der nach zwanzig Jahren sein altes Kinderzimmer betritt und plötzlich denkt:
Moment mal.
Diese Tapete kenne ich.
Flusen hatte währenddessen ganz andere Prioritäten.
Denn da war ein Mann.
Und Flusen liebt Männer.
Ich weiß nicht warum.
Man kann zehn Menschen in einen Raum stellen und Flusen findet innerhalb von Sekunden zuverlässig den Mann.
Dann beginnt er Beziehungspflege.
Plötzlich läuft er ordentlich an der Leine.
Plötzlich zieht er nicht.
Plötzlich kennt er gesellschaftliche Umgangsformen.
Ich schaue ihm dabei inzwischen nur noch fassungslos zu.
Bei mir:
„Ich muss da vorne sofort hin.“
Bei Männern:
„Sehr angenehm. Darf ich Sie ein Stück begleiten?“
Dann gingen wir ins Haus.
Und dort fiel dieser Satz.
„Hunde dürfen bei uns alles.“
Ich dachte kurz:
Mutig.
Sehr mutig.
Enjah und Flusen hörten natürlich nur:
ALLES.
Enjah stürmte los.
„Was ist da?
Was ist dort?
Kann ich da hoch?
Was liegt hier?
Oh.
HOLZ.“
Sekunden später wurde in der Wohnung Holz zerlegt.
Ich wollte gerade einschreiten, da fiel mir wieder ein:
Hunde dürfen hier alles.
Nun gut.
Vertrag ist Vertrag.
Dann entdeckten sie die Leckerchen.
Normalerweise gilt bei uns so etwas wie:
Sitz.
Warten.
Ein Hauch von Benehmen.
Dort offenbar nicht.
Enjah verstand das System sofort.
„Moment.
Ich muss gar nichts tun?“
Leckerchen.
„Wirklich gar nichts?“
Leckerchen.
Ich sah, wie sie innerlich ihre Koffer packte.
Alte Heimat hin oder her.
Das hier hatte Zukunft.
Wir waren den ganzen Tag draußen, sind spazieren gegangen und haben die Orte gesehen, an denen Enjah ihre erste Zeit verbracht hat.
Und ich fand es einfach schön.
Zu wissen, dass sie dort geliebt wurde.
Zu sehen, wo sie gewesen ist.
Mit Menschen zusammenzusitzen, die sie gekannt haben, bevor sie unsere kleine Systemsprengerin wurde.
Oder vielleicht war sie das damals schon.
Sehr wahrscheinlich sogar.
Wir haben viel geredet, unglaublich viel gelacht und hervorragend gegessen.
Fish and Chips.
Burger.
Diverse Dinge, deren genaue Besitzverhältnisse in Anwesenheit zweier Hunde nicht abschließend geklärt werden konnten.
Flusen saß selbstverständlich bevorzugt beim Mann.
Enjah überwachte den Rest.
Auf der Rückfahrt war dann plötzlich komplette Stille.
Das Rudel schlief tief und fest.
Flusen.
Enjah.
Ich.
Nur Annette nicht.
Sie fuhr.
Was sich für die Verkehrssicherheit als ausgesprochen günstig erwies.
Wir wollen nächstes Jahr unbedingt wiederkommen.
Ich glaube, alle Beteiligten sind dafür.
Enjah wegen der alten Heimat.
Annette und ich wegen der Menschen.
Flusen wegen des Mannes.
Und vermutlich beide Hunde wegen dieses einen wunderschönen Satzes:
„Hunde dürfen bei uns alles.“
Den werden sie nie wieder vergessen.