Kann ich mir Flusen mal fünf Minuten ausleihen?
Gestern klingelte es.
Das war ungünstig.
Nicht für die Person vor der Tür.
Für mich.
Mein Frühstück war fertig. Ich hatte Hunger. Und vor mir lag ein Tag voller Dinge, die Erwachsene offenbar freiwillig in ihr Leben lassen: Workshops vorbereiten, Supervisionen vorbereiten, Steuerunterlagen für Q3 zusammensuchen.
Ich war also praktisch schon ausgelastet mit Essen und Prokrastinieren.
Vor der Tür stand ein Mann aus unserem Dorf.
„Kann ich mir Flusen mal fünf Minuten ausleihen?“
Ich:
„Äh … nein.“
Immerhin. Ein klares Nein.
Ich war kurz stolz auf mich.
Hielt ungefähr sieben Sekunden.
Flusen ist keine Bohrmaschine
„Aber Flusen ist doch Therapiehund.“
Ja.
Trotzdem verleihe ich ihn nicht.
Er erklärte mir, dass er eine Frau betreut, der es gerade nicht gut geht. Er glaube, Flusen könnte ihr helfen.
Ob ich vielleicht mitkommen könne. Nur kurz. Ich wisse ja, wo er wohnt.
Ja, wusste ich.
Und während er sprach, kämpften in meinem Kopf zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten miteinander.
Die eine sagte:
Da braucht jemand Hilfe.
Die andere:
DEIN FRÜHSTÜCK STEHT AUF DEM TISCH!
Außerdem Q3!
Steuern!
Workshops!
Keine Zeit!
Zum Glück bin ich offenbar ähnlich gut erzogen wie meine Hunde. Jemand bittet ernsthaft um Hilfe und mein sorgsam aufgebautes „Nein“ fällt um wie ein schlecht aufgestelltes Papphäuschen.
„Okay. Ich komme gleich.“
Verdammt.
Arbeitshalstuch an, Leberwurst einpacken
Also Flusen präpariert.
Arbeitshalstuch an. Kekse eingepackt. Tube Hundeleberwurst eingesteckt.
Flusen lässt sich von fremden Menschen nämlich nicht unbedingt gern streicheln.
Was für einen Therapiehund möglicherweise eine gewisse berufliche Fehlbesetzung vermuten lässt.
Andererseits bin ich Coach und möchte auch nicht von allen angefasst werden.
Passt also.
Dann gingen wir los.
Und plötzlich wurde es still
Die Frau sah Flusen – und freute sich.
Dann begann sie zu erzählen.
Von früher.
Von heute.
Von ihrer Angst.
Von dem, was sie traurig macht.
Von Dingen, die sie vielleicht noch tun möchte.
Sie erzählte und erzählte.
Weinte ein bisschen.
Ich hörte zu.
Flusen ließ sich streicheln, erkundete zwischendurch das Haus und überprüfte regelmäßig die Funktionsfähigkeit der Leberwursttube.
Mehr brauchte es in diesem Moment offenbar nicht.
„Ich bezahle.“
Was mich dann fast noch mehr berührt hat, war der Mann, der bei mir geklingelt hatte.
Er bedankte sich.
Immer wieder.
„Danke.“
„Danke.“
„Danke.“
Und dann sagte er:
„Du musst wiederkommen. Ich bezahle das.“
Ich sagte, dass ich dafür kein Geld möchte.
„Doch. Ich bezahle jedes Mal.“
Und plötzlich war da nichts mehr witzig.
Denn ich weiß, dass dieser Mensch selbst nicht viel hat.
Wirklich nicht viel.
Und genau dieser Mensch wollte von dem Wenigen, das er hat, etwas abgeben.
Nicht für sich.
Damit es einem anderen Menschen ein bisschen besser geht.
Das hat mich umgehauen.
Er hatte gesehen, dass jemand leidet.
Er hatte überlegt, was helfen könnte.
Er hatte sich an Flusen erinnert.
Er war zu mir gelaufen.
Er hatte geklingelt.
Und dann war er bereit, selbst etwas dafür herzugeben.
Vielleicht ist genau das Fürsorge.
Nicht zu denken:
Da müsste mal jemand etwas tun.
Sondern aufzustehen und zu überlegen:
Was kann ich tun?
Und irgendwann wollte Flusen gehen
Irgendwann stand Flusen auf.
Nicht hektisch. Nicht aufgeregt.
Aber ich kenne ihn.
Es war genug.
Vielleicht war sein Bauch einfach voll mit Leberwurst.
Aber ich glaube auch, dass Flusen sehr viel von dem wahrnimmt, was in einem Raum passiert.
Nicht die Geschichten. Nicht ihre Bedeutung. Er weiß nicht, warum ein Mensch weint oder wovor er Angst hat.
Aber er spürt Stimmen, Körper, Anspannung, Nähe, Unruhe.
Und manchmal habe ich bei ihm das Gefühl, dass irgendwann der Punkt kommt, an dem er sagt:
Ich kann diesen Raum jetzt nicht mehr halten.
Also gingen wir.
Flusen mit vollem Bauch.
Ich mit ziemlich vollem Kopf.
Mein Frühstück stand noch immer zu Hause.
Die Steuer übrigens auch.
Beides hatte auf wundersame Weise ohne mich überlebt.
Was geblieben ist, war etwas anderes.
Da war ein Mensch, der selbst kaum etwas hat und trotzdem bereit war, davon abzugeben, damit es einem anderen besser geht.
Da war eine Frau, die für eine Weile einfach erzählen durfte.
Und da war ein kleiner Hund, der nichts davon lösen konnte.
Aber er war da.
Und eine ganze Weile blieb er.
Vielleicht war genau das genug. ❤️🐾